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Interview

Leiter des Bluegrass-Festivals: „Gestreamtes Theater ist wie Nikotinkaugummi“

Bühler Kontrabassist und Leiter des Bluegrass-Festivals Patrick Fuchs spricht über seine Arbeit in Corona-Zeiten.

Musikeinlage auf den Balkon: Patrick Fuchs nach der vielbeachteten Aktion „Essen spielt und singt das Steigerlied” am 5. April. Foto: Claudia Schill

Das Bürgerhaus Neuer Markt in seiner Heimatstadt Bühl öffnet im September wieder seine Pforten. Und auch Patrick Fuchs‘ berufliche Wirkungsstätte, die Theater und Philharmonie Essen GmbH (TUP), lädt das Publikum ab dem nächsten Monat wieder zum Kunstgenuss live ein. Im Gespräch mit ABB-Mitarbeiter Klaus-Peter Maier berichtet der Kontrabassist der Essener Philharmoniker über seine Arbeit als Orchestermusiker mit und trotz Corona.

Am 3. und 4. September geben die Essener Philharmoniker mit Stargeiger Daniel Hope ihr erstes Sinfoniekonzert der Saison: Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“, die wohl bekannteste Serenade aller Zeiten, steht zum Auftakt auf dem Spielplan. Mit welchen Gefühlen sehen Sie der Wiederaufnahme des Konzertbetriebes entgegen?
Fuchs

Zunächst überwiegt die Freude, dass es endlich wieder los geht, dass wir wieder zusammen proben können, Konzerte und sogar Opern spielen dürfen. Dazu kommt ein Bedauern, dass die groß besetzten Werke, zum Beispiel Wagners „Tannhäuser“, vorerst nicht möglich sind, und durch kleinere Produktionen wie „Orfeo“ von Gluck ersetzt werden müssen. Im Konzertbereich ist statt Mahler oder Bruckner zunächst mal viel Mozart und Beethoven geplant, also Komponisten, deren Werke man in kleineren Orchesterbesetzungen gut aufführen kann, denn alle Mitwirkenden müssen auf der Bühne derzeit einen Mindestabstand von 1,5 Meter in alle Richtungen einhalten. Ich hoffe, dass wir demnächst in Deutschland das Modell der Salzburger Festspiele übernehmen können. Dort werden Sänger*innen und Musiker*innen regelmäßig getestet und von den Abstandsregeln im Haus befreit, damit eine normale Opernaufführung (mit dem Orchester im Orchestergraben) möglich ist. Zusätzlich muss jeder einzelne permanent ein „Kontakttagebuch” führen. Was im Profisport (Fußballbundesliga) funktioniert, sollte auch an Theatern möglich sein.

Wann standen Sie zuletzt mit dem großen Orchester auf der Bühne?
Fuchs

Das letzte Konzert der Essener Philharmoniker in großer Besetzung war am 28. Februar 2020, unter anderem mit der 4. Sinfonie von Anton Bruckner. Also schon eine ganze Weile her.

Hatten Sie je eine so lange Spielpause?
Fuchs

Eine solche Zwangspause wie durch diese Corona-Pandemie ist natürlich beispiellos. In diesem Sommer verlängert sich in Essen durch Sanierungsmaßnahmen im Bühnenbereich für viele künstlerische Mitarbeiter auch noch die Spielzeitpause um circa zwei Wochen, so dass erst Ende August mit einem geregelten Probenbetrieb begonnen werden kann.

Was haben Sie während dieser Zeit gemacht, oder salopp gefragt: Was macht ein Orchestermusiker, wenn es nichts zu spielen gibt?
Fuchs:

Nach Jahrzehnten plötzlich jeden Abend zuhause zu sein, statt an seinem Arbeitsplatz, jeden Abend in Ruhe kochen zu können, das hat sich wirklich merkwürdig und fremd angefühlt. Dass ich sofort ein paar Kilo zugenommen habe, war nicht überraschend. Das abendliche Fernsehprogramm, das ich normalerweise nicht mitbekomme, war für mich neu und irritierend. Ich habe mir ein tägliches Basic-Übeprogramm zusammengestellt, damit die Fitness am Instrument nicht verloren geht. Ähnlich wie bei einem Sportler, der außerhalb der normalen Trainingszeiten auch seine Mobilität und Kraft trainieren muss. Aufgrund der besonderen innerbetrieblichen Situation war ich tagsüber sowohl als Betriebsratsmitglied als auch als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der TUP ziemlich beschäftigt.

Wie hat Corona Ihr Leben als Berufsmusiker verändert? Konnte ein geregelter Probebetrieb, von Aufführungen ganz zu schweigen, überhaupt aufrechterhalten werden?
Fuchs

Die letzte reguläre Probe im Opernhaus war die Generalprobe von „Don Carlos“ am 12. März. Danach wurde der Spiel - und Probenbetrieb bei der TUP eingestellt. Für Juni wurde dann ein „Corona-Spielplan“ erstellt. Am 11. Juni fand dann das erste Konzert der Essener Philharmoniker unter Corona-Bedingungen (reduzierte Besucherzahl, maximal 15 Prozent, Registrierungspflicht, Abstände, Mund-Nase-Schutz, stärkere Belüftung, etc.) in der Philharmonie statt, mit Streicher- und Bläserserenaden von Antonin Dvorak. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt nur wenige Besucher den Mut hatten, ein Konzert zu besuchen, so war es doch wichtig, als Orchester ein erstes „Lebenszeichen“ zu senden.

Sie haben mit ihren Orchesterkolleginnen und -kollegen einige Internet-Aktionen gestartet unter dem Motto „TUP trotz(t) Corona“, durchaus auch mit Witz und Augenzwinkern auf die Zeiten im Homeoffice. Bot das Internet dabei auch Möglichkeiten, Neues oder „Unerhörtes“ einzuspielen, was ansonsten zu kurz kommt?
Fuchs

Wie viele andere Orchester waren auch die Essener Philharmoniker ab Mitte März im Internet sehr aktiv, sprich: bei Facebook, YouTube und Instagram. Großen Anklang fand Ravels „Bolero“, der zusammen mit dem Aalto Ballett aus dem Homeoffice produziert wurde. Ein schöner Spaß war auch die „StarTrek“-Titelmelodie, bearbeitet für acht Kontrabässe. Parallel sind sehr viele verschiedene Ensembles unseres Orchesters in die Stadt „ausgeschwärmt“ und haben als Vorprogramm im Autokino oder open-air vor Krankenhäusern und Pflegeheimen gespielt. Die Resonanz dort war unglaublich und sehr berührend. Vielen Menschen in diesen Einrichtungen ist es aufgrund ihrer Einschränkungen kaum möglich, ein Konzert oder eine Theateraufführung zu besuchen. Wir wollen diese Art der „Kulturversorgung“ möglichst beibehalten. Bezüglich vieler Online-Aktivitäten gilt für mich das Zitat, das dem Kettenraucher Christian Stückl (Leiter des Münchner Volkstheaters und der Oberammergauer Passionsspiele) zugeschrieben wird: „Gestreamtes Theater ist wie Nikotinkaugummi.“

Wie sehen Sie als Mitglied des Betriebsrates die derzeitigen Arbeitsbedingungen der Musikerinnen und Musiker?
Fuchs

Nach dem „Aufstand“ einer großen Mehrheit der Belegschaft gegen den Geschäftsführer der TUP Essen und dessen Führungsverhalten Anfang 2020 wurde die Situation Ende März von der Politik „befriedet“, der Geschäftsführer von seinen Aufgaben entbunden. Der Begriff „patriarchale Hybris“, den Anna Bergmann (Schauspieldirektorin in Karlsruhe) neulich in einem FAZ-Interview verwendet hat, ist für unsere jahrelange Situation in Essen absolut zutreffend. Unserer neuen Geschäftsführerin hätte ich einen leichteren Start als ausgerechnet während der Corona-Pandemie gewünscht, doch die Zusammenarbeit in unserem Theaterbetrieb ist seit April von gegenseitigem Respekt und Sachlichkeit geprägt, das ist sehr wohltuend für alle, von den Reinigungskräften bis hin zu den Intendanten.

Wie sieht die finanzielle Seite aus?
Fuchs

Im Vergleich zu freischaffenden Künstlern geht es den fest Beschäftigten an deutschen Theatern derzeit noch recht gut. Die Künstlergewerkschaften GDBA, DOV, VDO und auch VerDi haben im April mit dem Deutschen Bühnenverein sog. „Covid-Tarifverträge“ abgeschlossen, in denen Kurzarbeit für Bühnenangehörige geregelt wird. Ein großer Teil der Mitarbeiter der TUP Essen - auch im Orchester - wird bis Ende des Jahres in Kurzarbeit sein. In spätestens zwei Jahren erwarte ich aber erhebliche Finanzierungsprobleme bei allen kommunalen Theatern und Orchestern. Die Musiker*innen der Essener Philharmoniker haben inzwischen viele Tausend Euro an die Deutsche Orchesterstiftung gespendet, die damit freischaffende Musiker*innen und Sänger*innen bedingungslos unterstützt.

Corona wird weiterhin und auf nicht absehbare Zeit den Kulturbetrieb bestimmen. Hoffen Sie, dass das Publikum trotzdem in die Konzertsäle zurückkommt?
Fuchs

Es ist nicht leicht, die Menschen in die Theater und Konzertsäle zurück zu locken. Gerade unser Konzertpublikum hat ein hohes Durchschnittsalter und ist entsprechend zurückhaltend mit Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Doch das „Live-Erlebnis“ ist durch nichts zu ersetzen, und da gilt es nun Geduld zu haben und Vertrauen aufzubauen, auch indem man die genehmigten Hygiene- und Veranstaltungskonzepte konsequent umsetzt.

Eine Zwangspause einlegen musste wegen der Pandemie auch das Bühler Bluegrass-Festival, dessen künstlerische Leitung Sie im Sommer 2015 von Ihrem Vater Walter Fuchs übernommen haben. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die 18. Auflage wie geplant am 14. und 15. Mai 2021 nachgeholt werden kann?
Fuchs

Grundsätzlich bin ich da optimistisch. Wir werden verschiedene Veranstaltungskonzepte diskutieren müssen, um größtmögliche Sicherheit für Besucher und Musiker zu gewährleisten, aber auch die Frage, ob man nicht den Open-Air-Anteil beim Bühler Bluegrass-Festival notgedrungen erweitern muss. Bisher haben wir ja drei „Bluegrass-Spielstätten“ in Bühl (Bürgerhaus/Firma Oechsle/Johannesplatz) mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen für den Musikgenuss. Vor allem hoffe ich, dass die Besucher dem Internationalen Bühler Bluegrass-Festival die Treue halten und so zahlreich wie bisher zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung kommen!

Ihr Ziel ist es, die für 2020 verpflichteten sieben Bands im kommenden Jahr auftreten zu lassen. Gibt es hier schon Rückmeldungen von den Musikerinnen und Musikern?
Fuchs

Die vier europäischen Bands aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden stehen bereit. Bei den US-amerikanischen Gruppen ist die Situation noch unklar. Die Agenturen signalisieren, dass die Tourneen 2021 stattfinden werden, und die Bandmitglieder scheinen derzeit alle gesund zu sein. Ob sie im kommenden Frühjahr reisen können und wollen, das wird sich zeigen.



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