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Pionier für Integrations- und Sprachkurse für Ausländer

Mit Händen und Füßen: So will die Stadt Bühl gegen Sprachbarrieren vorgehen

Die Stadt Bühl ist ein Pionier in Sachen Sprach- und Integrationskurse für Ausländer. Nach dem Lockdown gehen die Kurse jetzt wieder los. Bei der Anmeldung helfen oft nur die Google-Übersetzer-App und „Hände und Füße“.

Aufwendige Arbeit: (von links) Sandra Müller erläutert Julia Huber, Abteilungsleiterin Kultur-Sport-Generationenarbeit, und der Integrationsbeauftragte Lisa Horcher die Stundenpläne. Foto: Ulrich Coenen

An der Bürotür von Sandra Müller im Bühler Rathaus II befindet sich eine Ampel. Die lässt darauf schließen, dass hier regelmäßig jede Menge los ist. Der erste Eindruck trügt nicht. „Jeden Montag und Dienstag geht es hier rund“, berichtet Müller. Sie ist bei der Stadt Bühl für die Integrationssprachkurse zuständig, die nach dem Lockdown im Frühjahr Mitte September wieder losgehen.

Damit die Verwaltungsarbeit nicht liegen bleibt, ist das Büro freitags geschlossen. Dann kümmert sich Sandra Müller beispielsweise um Stundenpläne und Honorarabrechnungen für die Lehrer. „Ich drehe den Schlüssel rum, damit ich wirklich in Ruhe arbeiten kann“, sagt sie.

Fehlende Sprachkenntnisse sind nun einmal eine Barriere.
Lisa Horcher, Integrationsbeauftragte

Das Engagement der Stadt in Sachen Sprachkurse ist beispielhaft. Darauf ist Julia Huber, Abteilungsleiterin Kultur-Sport-Generationenarbeit, stolz. „Ähnliches gibt es in Städten unserer Größenordnung in der Regel nicht“, sagt sie. Begonnen haben die Sprachkurse bereits im Jahr 2005. „Bühl ist eine weltoffene Stadt mit großen Unternehmen und zahlreichen ausländischen Mitarbeitern“, stellt Huber fest. „An diese und ihre Ehepartner hat sich unser Angebot zunächst in erster Linie gerichtet.

„Das Erlernen der deutschen Sprache ist wichtig für die Integration“, ergänzt die Integrationsbeauftragte Lisa Horcher. „Fehlende Sprachkenntnisse sind nun einmal eine Barriere.“ Die Idee für die Sprachkurse hatte die damalige Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Jutta Luft. „Zu Beginn haben sich diese Veranstaltungen hauptsächlich an Frauen gerichtet, die ihren berufstätigen Männern nach Bühl gefolgt sind“, sagt Horcher.

Erfahrungen halfen bei Flüchtlingskrise im Jahr 2015

Die Stadt startete zunächst einzelne Kurse. Das Engagement und die Erfahrung in diesem Bereich machten sich in der Flüchtlingskrise ab 2015 bezahlt. Die Zahl der Kurse stieg auf 14. Aktuell sind es nur noch acht. Die Flüchtlinge sind längst eine Minderheit unter den Schülern und machen nicht einmal mehr zehn Prozent aus. Die Kurse werden neben Bühlern auch von ausländischen Mitbürgern aus den Umland-gemeinden besucht.

Im jetzt beginnenden Wintersemester gibt es Kurse am Vormittag und am Abend. Die Vormittags-Kurse richten sich vor allem an Mütter mit Kindern, teilweise aber auch an Schichtarbeiter. Die Abendkurse werden fast ausschließlich von Berufstätigen besucht.

Das Kursangebot ist vielfältig und gar nicht so einfach zu durchschauen. Deshalb ist der Beratungsbedarf groß. Die Interessenten, die sich informieren und anmelden wollen, verbringen oft eine halbe Stunde im Büro von Sandra Müller. Gegen Verständigungsprobleme helfen die Google-Übersetzer-App und „Hände und Füße“, wie Müller scherzt. „Manche Mütter bringen auch ihre Kinder mit, die bereits Deutsch in der Schule gelernt haben.“

Es gibt auch Alphabetisierungskurse, die sich speziell an Analphabeten oder Menschen aus einem anderen Kulturkreis richten. Diese sind mit anderen Buchstaben aufgewachsen, beispielsweise Arabien. „Die Nachfrage nach diesen Kursen ist mit dem Ende der Flüchtlingskrise stark zurückgegangen“, erklärt Müller.

Vor den Kursteilnehmern von Integrationskursen liegen 600 Unterrichtstunden bis zum Deutsch-Test für Zuwanderer (DTZ) auf dem Niveau B1, das für eine selbstständige Sprachanwendung steht. Bei den Alphabetisierungskursen sind es insgesamt inklusive Orientierungskurs und Wiederholung 1300 Unterrichtsstunden bis zum Niveau A 2.

Bühl bezahlt Sprachlehrer - Bund wählt sie aus

Der europäische Referenzrahmen kennt sechs Schwierigkeitsgrade für Sprachtests von A1 bis C2, wobei C2 für eine nahezu muttersprachliche Sprachbeherrschung steht. „Das Niveau B1 ist für Zuwanderer ein wichtiges Ziel“, stellt Julia Huber fest. „Ohne diese Prüfung gibt es nur befristete und keine unbefristeten Aufenthaltsgenehmigungen. Auch für EU-Bürger, die sich einbürgern lassen wollen, ist dieser Abschluss Pflicht.“

Die „normalen“ Sprachkurse gliedern sich in sechs Module, die in 600 Unterrichtsstunden zur DTZ auf dem Niveau B1 führen. „Das ist durchaus sportlich“, meint Sandra Müller: „Schüler der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland erreichen beispielsweise das B1-Niveau in Englisch erst nach mehreren Jahren, unsere Schüler in nur 15 Monaten.“

Die Lehrer werden zwar von der Stadt bezahlt, ausgewählt und auf ihre Qualifikation geprüft werden sie allerdings vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Aktuell beschäftigt die Stadt sechs Lehrerinnen und zwei Lehrer als Honorarkräfte. Eines der sechs Sprachmodule kostet jeweils 390 Euro Teilnahmegebühr. Wer als förderungsfähig anerkannt wird, muss nur 195 Euro zahlen. Bei den Antragsverfahren für die Zuschüsse unterstützt Sandra Müller die Schüler.

Drei der sechs Module können übrigens wiederholt werden. Dann können die Teilnehmer auch nochmals an einer durch das BAMF bezahlten DTZ Prüfung teilnehmen. Wer sein Budget beim BAMF ausgeschöpft hat und bei der DTZ Prüfung nochmals durchfällt, muss die Kurse dann komplett aus eigener Tasche zahlen. Die abschließende DTZ-Prüfung ist mündlich und schriftlich und dauert einen ganzen Tag.

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