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Neue Entwicklung

Corona in der Musikschule Bühl: Statt auf Instrumenten wird nun auf der App musiziert

Corona verändert die Musikschulen. Online-Unterricht soll es auch nach der Pandemie geben. Außerdem brauchen die Kinder keine Instrumente mehr. Sie musizieren mit einer App.

Sieht einen Paradigmenwechsel im Musikunterricht: Bernhard Löffler ist Leiter der Schule für Musik und darstellende Kunst der Stadt Bühl. Foto: Ulrich Coenen

Seit Corona ist alles anders. Die Schule für Musik und darstellende Kunst der Stadt Bühl hat Schüler verloren, musste auf Online-Unterricht umstellen und setzt in Zukunft verstärkt auf digitales Musizieren.

Schulleiter Bernhard Löffler informiert den Kultur- und Sozialausschuss des Gemeinderates über völlig neue und erstaunliche Entwicklungen.

Immerhin findet Kultur-Bürgermeister Wolfgang Jokerst (Grüne), der die Sitzung leitet, zu Beginn des Vortrags tröstende Worte. „Die Abmeldungen halten sich in Grenzen, und erfreulicherweise sind wir inzwischen in den Präsenzunterricht zurückgekehrt“, berichtet er.

Wir mussten von heute auf morgen unsere Unterrichtsformate ändern.
Bernhard Löffler, Musikschulleiter Bühl

„Musikschule und Corona“ hat Löffler seine Powerpoint-Präsentation überschrieben, die er dem Gremium präsentiert. „Wir mussten von heute auf morgen unsere Unterrichtsformate ändern“, blickt er auf den Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr zurück. „Der Online-Unterricht bedeutete eine gewaltige Umstellung, zu der die Kollegen Gott sei Dank bereits waren. Nach eineinhalb Jahren wissen wir nun, wie es geht und werden das Online-Angebot neben dem Präsenzunterricht zum Teil weiterführen.“

Problem beim Online-Unterricht der Musikschule Bühl ist die Verzögerung

Doch Corona hatte überraschenderweise auch einen positiven Aspekt. „Wir haben einen kaum erwarteten Schub nach vorne erlebt“, räumt Löffler ein. Er nennt Apps und Streamingdienste. „Wenn das Netz nicht richtig läuft, wird es allerdings schwierig“, stellt er fest. „Bei einigen Instrumenten, nämlich den lauteren, funktioniert es wunderbar. Bei den leisen, sensiblen Instrumenten ist es etwas schwieriger.“

Online- und Präsenzunterricht will Löffler nicht vergleichen, schon weil kein haptisches Eingreifen möglich ist. Der Musikschulleiter berichtet von 14 Millisekunden Verzögerung bei der Übertragung.

Mit spektakulären Aufführungen begeisterte die Schule für Musik und darstellende Kunst vor der Pandemie.Im vergangenen Jahr musste sie auf Online-Unterricht umstellen. Foto: Ursula Klöpfer

Bernhard Löffler erzählt von einem gesellschaftlichen Wandel, der auch die Musikschulen ergreift. „Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel“, konstatiert er. Auf Tagungen von Musikschulleitern war das wiederholt ein Thema.

Digitales Musizieren verändert die Arbeit der Musikschule in Bühl enorm

Löffler hat sich nach der Rückkehr von solchen Kongressen bereits stundenlang mit seiner Ehefrau über die Konsequenzen dieses Wandels für Musikschulen und ihre Lehrer ausgetauscht. „Will ich das überhaupt?“, hat er sich gefragt. „Meine Kollegen befinden sich in einem Zwiespalt. Da zerreißt es einen schon mal. Aber wir müssen uns dieser Entwicklung stellen.“

Digitales Musizieren wird Unterrichtsfach.
Bernhard Löffler, Musikschulleiter Bühl

Das systematische Üben von Tonleitern verliert im Musikschulunterricht an Bedeutung. „Digitales Musizieren wird Unterrichtsfach“, stellt Löffler fest. „Man kann heute mit Apps auf Smartphones oder Tablets Musik machen. Man braucht kein Musikinstrument. In dieser Richtung tut sich gerade immens viel.“

Man merkt, dass dem gestandenen Musikpädagogen der neue Trend nicht unbedingt behagt. Doch er sieht auch Vorteile: „Das Angebot ist niederschwellig. Das ist sehr wichtig.“ Auf diese Weise kann man in Zukunft Kinder und Jugendliche für Musik begeistern, die sich bisher nicht für die Musikschule interessiert haben.

Zahlreiche Abmeldungen von Schülern im vergangenen Jahr

Im Hinblick auf die wegen Corona gesunkenen Schülerzahlen ist dies wichtig. Löffler präsentiert eine negative Statistik. Nachdem die Musikschule am 30. März 2020 noch 1.308 Schüler hatte, sank die Zahl bis zum 30. März 2021 auf nur noch 1.127.

„An den Abmeldezahlen hat sich nichts verändert“, sagt der Musikschulleiter. „Die Neuanmeldungen sind aber zurückgegangen. Die Eltern sind wegen der Pandemie zurückhaltend.“ Bühl stehe aber besser da als die Musikschulen in anderen Kommunen. Dort betrage der Rückgang teilweise 30 Prozent.

Die Kooperationen der Musikschule mit Schulen und Vereinen nehmen nach der Lockerung der Corona-Regeln wieder Fahrt auf. Löffler hebt das Projekt „Primacanta“ hervor, mit dem die Musikschule alle Bühler Erstklässler erreichen will.

In Wirklichkeit ging die musikalische Bildung weiter.
Walter Seifermann, Stadtrat (GAL)

Walter Seifermann (GAL) lobt die Arbeit der Musikschule. „Als Laie macht man sich keine Gedanken“, meint er. „Ich dachte, die Musikschule hatte während der Pandemie geschlossen. In Wirklichkeit ging die musikalische Bildung weiter.“

Georg Schultheiß (FW) beunruhigen der Rückgang der Schülerzahlen und der Einnahmen der Musikschule. Gleichzeitig erfordere die Digitalisierung Investitionen. Er lobt die „wertvolle Arbeit“. Klaus Dürk, Leiter des Fachbereichs Bildung – Kultur – Generationen im Rathaus, weist darauf hin, dass es für die Digitalisierung von Musikschulen im Gegensatz zu öffentlichen Schulen keine staatlichen Zuschüsse gibt.

Online-Unterricht gab den Kindern Halt

Yvonne Zick (FW) lobt ebenfalls die Arbeit der Musikschule in Zeiten der Pandemie. Der Online-Unterricht habe auch ihrem Kind einmal in der Woche Halt gegeben.

Für die 44 Musikschullehrer war die Pandemie mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen verbunden. Die meisten von ihnen sind nicht fest angestellt, sondern Honorarkräfte. Wenn der Unterricht ausfällt, erhalten sie kein Geld. „Das war eine schwierige Situation für die Honorarkräfte“, sagt Dürk.

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