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1.600 Sakralbauten entstanden nach 1945 in Baden-Württemberg

Reif für den Denkmalschutz: In der Nachkriegszeit wuchsen Gottesburgen gen Himmel

Weil die Kirchensteuer sprudelte, entstanden zwischen 1948 und 1970 in Baden-Württemberg 1.600 neue Kirchen. Gerade die modernen Sakralbauten sind durch Kirchenschließungen gefährdet. Das Landesdenkmalamt hat diese Bauten in einem Buch untersucht und 150 unter Schutz gestellt.
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Die Nachkriegszeit hat für die beiden großen Kirchen in Deutschland eine letzte und gewaltige Periode des Aufschwungs bedeutet. Nicht nur die Kriegszerstörung zahlreicher Sakralbauten, die ersetzt werden mussten, war Anlass für einen ungeheuren Bauboom. Weil die Kirchensteuer sprudelte, entstanden viele neue katholische und evangelische Pfarrgemeinden, für die Kirchen gebaut wurden. Rund 6.000 waren es in der Bundesrepublik, davon 1.600 in Baden-Württemberg.

Die Nachkriegsmoderne ist in den vergangenen Jahren in den Blickpunkt der Denkmalpflege gerückt. Zahlreiche Gebäude, die ein halbes Jahrhundert alt sind, wurden unter Schutz gestellt, darunter zahlreiche Sakralbauten.

In den Jahren 2015 bis 2018 hat das Landesamt für Denkmalpflege die in den 1960er und 1970er Jahren entstandenen Kirchen erfasst. Die Bautätigkeit der Kirchen ging allerdings bereits in den 1970er Jahren deutlich zurück.

Landschaftsprägend: Die katholische Pfarrkirche Herz-Jesu im Baden-Badener Stadtteil Varnhalt ist das letzte Werk des berühmten Kirchenbaumeisters Albert Boßlet aus Würzburg. Sie wurde erst nach seinem Tod 1958 vollendet. Foto: Ulrich Coenen

Insgesamt haben die Inventarisatoren des Landesdenkmalamtes 10.00 Sakralbauten besucht, rund 150 wurden unter Schutz gestellt. Im Landkreis Rastatt und in Baden-Baden stehen mehrere Nachkriegskirchen unter Schutz. Es sind beispielsweise in Baden-Baden: St. Josef, die Autobahnkirche St. Christophorus (Sandweier), St. Michael (Neuweier), Herz-Jesu (Varnhalt), in Bühl die Kapelle Zum guten Hirten (Sand), in Gaggenau St. Marien und in Rastatt die Kirche Zwölf Apostel.

Das neue Buch beschreibt „Gotteszelt und Großskulptur“

Aus der Beschäftigung des Landesdenkmalamtes mit der Sakralarchitektur der Nachkriegszeit ist in der Reihe „Arbeitshefte“ ein Buch mit dem Titel „Gotteszelt und Großskulptur“ entstanden. In diesem finden auch mehrere mittelbadische Kirchen Berücksichtigung, auch wenn sie, wie die 1961 nach einem Entwurf von Dieter Quast entstandene evangelische Matthäus-Kirche im Baden-Badener Stadtteil Steinbach, nicht unter Denkmalschutz gestellt wurden. Als einzige der vier nach Plänen des Heidelberger Architekten in Mittelbaden erbauten Kirchen wurde die evangelische Kapelle Zum guten Hirten auf dem Sand (1965) geschützt.

Wie in der Romanik: Nach einem Entwurf von Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht wurde bereits 1947 mit dem Neubau der kriegszerstörten Pfarrkirche St. Michael in Neuweier begonnen. Die mächtige offene Vorhalle orientiert sich noch an traditionellen Vorbildern. Foto: Ulrich Coenen

Quasts kleine evangelische Kirche in Neusatz (1963) wurde als bisher einziger Profanbau im Stadtgebiet Bühl profaniert und steht seit dem Jahr 2000 leer, dem neuromanischen Kloster Neusatzeck und seiner Kirche droht demnächst ebenfalls die Profanierung. In der evangelischen Johanneskirche in Bühl (1968 ebenfalls nach Entwurf von Quast) soll das Atrium demnächst mit einem Flachdach gedeckt werden. Weil die Johannes-Kirche nicht denkmalgeschützt ist, sind solche Veränderungen möglich. Ganz nachvollziehbar ist der Verzicht auf den Denkmalschutz bei dem einen oder anderen schönen Sakralbau nicht, denn ohne diesen wird noch sehr viel schwieriger, diese Kulturgüter unverändert zu bewahren.

Seltene Form einer Pyramide: Die Autobahnkirche in Sandweier ist die wohl bekannteste Kirche der Nachkriegszeit in Mittelbaden. Architekt des 1976 bis 1978 ausgeführten Sakralbaus war Friedrich Zwingmann, für die künstlerische Ausgestaltung war Emil Wachter verantwortlich. Foto: Ulrich Coenen

Dass es zum Äußersten kommen kann, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2005 in Berlin. Dort wurde die Kirche St. Raphael von Rudolf Schwarz, einem der bedeutendsten Kirchenbaumeister der Nachkriegszeit, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen. In den Niederlanden ist inzwischen jede fünfte Kirche zweckentfremdet. Dort gibt es zum Teil wenig pietätvolle Lösungen wie Mehrfamilienhäuser oder Bars, in Maastricht wurde in einer gotischen Kirche eine Buchhandlung eingerichtet.

Karlsruher Professorin forscht zum Thema Kirchenschließungen

Für Kerstin Gothe, emeritierte Professorin für Regionalplanung und Bauen im ländlichen Raum des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), war bereits 2011 im Interview mit dieser Zeitung klar, dass sich auch die Verantwortlichen in Mittelbaden Gedanken über die Zukunft ihrer Sakralbauten machen müssen. Die Nutzung von Kirchen ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. „Die Seelsorgeeinheiten sind für immer mehr Pfarrgemeinden und damit auch Kirchengebäude zuständig“, meinte Gothe. „Diese Strukturveränderung stößt an ihre Grenzen.“

Kein Denkmalschutz: Die erste von insgesamt vier evangelischen Kirchen nach Entwürfen von Dieter Quast in Mittelbaden ist die 1961 entstandene evangelische Matthäus-Kirche im Baden-Badener Stadtteil Steinbach. Obwohl sie im neuen Buch des Landesdenkmalamtes erwähnt wird, bleibt sie ohne Schutz. Foto: Ulrich Coenen

Kirchen benötigten in Zukunft „Untermieter“, also zusätzliche auswärtige Nutzer. Dennoch seien nicht alle Sakralbauten zu halten. Besonders bedroht von Verkauf oder Schließung sind für Gothe die Kirchen der Nachkriegszeit. „Von diesen Gebäuden trennen sich die Kirchen heute am ehesten, manchmal vielleicht etwas leichtfertig“, meinte die Professorin.

Im Mittelalter war der Sakralbau die wichtigste Bauaufgabe. Diese herausragende Stellung verlor er bereits in der frühen Neuzeit. Doch auch für die Architekten der Nachkriegsmoderne blieben Kirchen eine attraktive Aufgabe, die ihnen deutlich mehr gestalterische Möglichkeiten eröffnete als Profanbauten mit ihren durch die vielfältige Nutzung bedingten Zwänge. „Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Kirchenbau zu einer neuen Blüte geführt“, urteilt die Kunsthistorikerin Barbara Kahle in ihrem Buch „Deutsche Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts“. Hugo Schnell hat 1973 als erster ein Überblickswerk über den Kirchenbau des 20. Jahrhunderts vorgelegt.

Umbauten drohen: Die evangelische Johanneskirche in Bühl, die gemeinsam mit dem Gemeindezentrum nach Plänen von Dieter Quast 1^968 vollendet wurde, ist ebenfalls nicht denkmalgeschützt. Das Atrium soll nun überdacht werden. Foto: Ulrich Coenen

Die erste Wiederaufbauphase nach dem Krieg endete zirka 1960. Schnell urteilt über die folgende Dekade: „Innerhalb des Jahrzehnts 1960/70 ereignete sich auf vielen Gebieten ein Umbruch von fast unübersehbarem Ausmaß. Er vollzog sich auf geistigem, wissenschaftlichem, theologischem wie auf pädagogischem soziologischem und wirtschaftlichem Gebiet.“ Eine neue Generation bestimmte nun die deutsche Architekturszene. Schnell nennt unter anderem Egon Eiermann, Sep Ruf und Hans Schwippert. Der jüngere deutsche Kirchenbau sei aber ab 1960 nicht von diesen, sondern bereits von der nächsten in den 1920er Jahren geborenen Generation getragen worden, deren überragender Repräsentant Gottfried Böhm ist.

Der Kirchenbau wurde teilweise zu einem modischen Experimentierfeld.
Barbara Kahle, Kunsthistorikerin

Barbara Kahle sieht ebenfalls einen Umbruch in den 1960er Jahren: „Sehr viele jüngere Architekten drängten nun in diese Bauaufgabe (Sakralbau) und ließen die unterschiedlichsten Lösungen entstehen. Der Kirchenbau wurde teilweise zu einem modischen Experimentierfeld.“

Diese Entwicklung speziell in Baden-Württemberg stellt das Buch „Gotteszelt und Großskulptur“, an dem acht Autoren mitgewirkt haben, ausführlich dar. Spannende bauhistorische Überblicksbeiträge zu den verschiedenen Strömungen der Nachkriegsmoderne vom Traditionalismus über den Brutalismus bis hin zur „Abkehr vom Sakralen“ und damit zur großen Zeit der Gemeindezentren steuert Melanie Mertens bei.

Aus Holz erbaut: Die Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand nach Plänen von Dieter Quast orientiert sich am Vorbild der berühmten Sternkirche von Otto Bartning, die nie ausgeführt wurde. Foto: Ulrich Coenen

Diese Entwicklung lässt sich in Mittelbaden an drei im Buch erwähnten Kirchen nachvollziehen. Die katholische Pfarrkirche St. Michael im Baden-Badener Stadtteil Neuweier ist ein frühes Beispiel und entstand 1947 bis 1951 als Nachfolger der 1945 zerstörten Pfarrkirche des 19. Jahrhunderts westlich des Vorgängerbaus. Die Pläne lieferten Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht, die Leiter der Erzbischöflichen Bauämter in Freiburg beziehungsweise Heidelberg. Stilistisch steht St. Michael den an romanische Stilformen anknüpfenden Kirchen der 1930er Jahre nahe. Der frei stehende Turm und die mächtige offene Vorhalle auf drei Arkaden prägen in Neuweier das Dorfbild.

Das ist meine Lieblingskirche
Dieter Quast, Architekt über seine Kapelle auf dem Sand

„Das ist meine Lieblingskirche“, hat der 2020 verstorbene Heidelberger Architekt Dieter Quast im Interview mit dieser Zeitung über seine „Kapelle Zum guten Hirten“ auf dem Sand, unmittelbar an der Schwarzwaldhochstraße gelegen, gesagt. Der 1965 vollendete kleine zwölfseitige Zentralbau aus Holz entstand nach dem Vorbild der berühmten „Sternkirche“ Otto Bartnings von 1922.

Lieblingskirche des Architekten: Dieter Quast aus Heidelberg baute 1965 die evangelische Kapelle zum guten Hirten auf dem Sand. Sie liegt direkt an der Schwarzwaldhochstraße und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Foto: Ulrich Coenen

„Auch wenn dieser Entwurf selbst nicht verwirklicht wurde, wirkte er nach, auch in Bartnings eigenem Werk“, urteilt Thomas Erne, Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart der Universität Marburg, in seinem Buch „Kirchenbau“. Die nicht realisierte „Sternkirche“ gilt als eines der Hauptwerke des deutschen Expressionismus.

Die Autobahnkirche St. Christophorus an der Raststätte Baden-Baden (West) bei Sandweier ist die wohl bekannteste Kirche der Nachkriegszeit in Mittelbaden. Architekt des 1976 bis 1978 ausgeführten Sakralbaus war Friedrich Zwingmann, für die künstlerische Ausgestaltung war Emil Wachter verantwortlich.

Bilderwelten aus Beton

Die spektakuläre Kirche hat die im baden-württembergischen Sakralbau seltene Form einer Pyramide, die 20 Meter aufragt. Sie bildet den Mittelpunkt einer Wegkreuzung. Wachter hat die farbigen Glasfenster und die Betonreliefs, die die Wände überziehen, mit Szenen aus dem alten und neuen Testament gestaltet. Beton ist ein prägender Baustoff für Kirchen ab 1960. Architekten wie Gottfried Böhm türmten ihn zu Gottesburgen. Die Reliefs in der Autobahnkirche ergeben in der Oberkirche und in der kleineren Krypta großartige Bilderwelten.

Barbara Kahle würdigt die Autobahnkirche: „Bauwerke wie die Autobahnkirche Baden-Baden, bei denen Architektur und bildende Kunst zu einer Einheit verschmolzen sind, sind im modernen Kirchenbau eine Ausnahmeerscheinung.“

Lesetipp

Gotteszelt und Großskulptur - Kirchenbau der Nachkriegsmoderne in Baden-Württemberg (Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Band 38), Jan Thorbecke Verlag, 248 Seiten, 420 Abbildungen, 30 Euro.

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