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Neubau nach einem Entwurf von Volker Bergmaier

Neues ABB-Medienzentrum in Bühl setzt wichtigen städtebaulichen Akzent

Zeitlos und schlicht fügt sich das neue ABB-Medienzentrum in die Bühler Hauptstraße ein. Damit setzt der Neubau nach einem Entwurf des Architekten Volker Bergmaier einen städtebaulichen Akzent.

Die Kunst der Fuge: Das neue ABB-Medienzentrum fügt sich an historischer Stelle in die Bühler Hauptstraße ein. Foto: Ulrich Coenen

Dieses Haus wirkt, als stehe es schon immer dort. Das neue Medienzentrum des Acher- und Bühler Boten fügt sich geradezu unspektakulär in die Bühler Hauptstraße ein. Doch gerade diese fast zeitlose Schlichtheit lässt das in geschlossener Reihenbauweise entstandene Geschäftshaus nach Plänen des Architekten Volker Bergmaier selbstbewusst erscheinen.

Wer die problematische Baugeschichte der Hauptstraße in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat, weiß, dass dies kein Widerspruch ist. Von der Hauptstraße der Vorkriegszeit ist außer schönen Schwarzweiß-Fotos im Stadtgeschichtlichen Institut nicht viel übriggeblieben.

Der Abriss zahlreicher Bestandsgebäude aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert hat das Bild der Hauptstraße in den 1970er und 1980er Jahren grundlegend verändert.

Viele schöne Altbauten wurden entstellt

Hinzu kamen entstellende Umbauten, die dem Zeitgeist geschuldet waren. Riesige Schaufenster wurden in die Erdgeschosse gebrochen. Möglich war das nur mit viel Stahlbeton. So scheinen die wenigen erhaltenen Fassaden über vollverglasten Erdgeschossen zu schweben, das Prinzip von Tragen und Lasten ist außer Kraft gesetzt.

Ein neuer kommunaler Bebauungsplan, der dreigeschossige Gebäude mit Arkaden im Erdgeschoss erlaubte, beschleunigte den Untergang der meist zweigeschossigen Bestandsbauten ab den 1980er Jahren. Die nun mögliche Nachverdichtung ließen sich viele Investoren nicht entgehen. Zwar entstanden in dieser Zeit einige (mittlerweile zum Teil leider auch veränderte) postmoderne Schönheiten, viele dieser Neubauten sind aber ebenso gesichts- wie anspruchslos. Aufenthaltsqualität in der Hauptstraße ermöglichen sie nicht.

Das neue ABB-Medienzentrum setzt hingegen einen echten Akzent und orientiert sich dabei gleichzeitig an historischen Vorbildern. Es knüpft damit ganz bewusst an die lange Tradition des Bühler Wohn- und Geschäftshauses an. Es gibt zwei historische Typen. Der ältere grenzt mit dem Giebel an die Straße, der jüngere mit seiner Traufseite. Das erklärt sich aus der Geschichte der Stadt.

Lichtdurchflutet: Die neue Geschäftsstelle des Acher- und Bühler Boten mit der Adresse Hauptstraße 55 wirkt einladend. Foto: Ulrich Coenen

Bühl ist im Grunde ein Straßendorf, das sich entlang der Hauptstraße nördlich und südlich der Pfarrkirche entwickelt hat. Die älteste erhaltene Ansicht der Stadt wird im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt und stammt aus dem 17. Jahrhundert. Es ist eine Karte des windeckischen Forstes, bei der es sich um die Kopie einer älteren Karte aus der Zeit um 1580 handelt. Auf diesem Plan sind die Bühlotbrücke und rund 50 Häuser entlang der Straße zu sehen.

Wirtschaftlicher Aufschwung kam mit der Eisenbahn

In die beiden Jahrzehnte vor der Mitte des 19. Jahrhunderts fallen zwei für Bühl wichtige Ereignisse, die große Auswirkungen auf die städtebauliche Entwicklung hatten. 1835 verlieh Großherzog Leopold von Baden dem bisherigen Marktflecken Stadtrechte. Entscheidender noch war der Anschluss des landwirtschaftlich geprägten Städtchens an die Eisenbahn 1844.

Das war mit einem großen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden, der sich in der Architektur manifestierte, gerade auch in repräsentativen Neubauten im Stil des Historismus in der Hauptstraße.

Ursprünglich eine Wirtschaft: Das Gasthaus Hirschen in der Bühler Hauptstraße wurde 1899 zum Sitz von Verlag und Redaktion des Acher- und Bühler Boten. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Der ursprüngliche Bau an der Stelle des neuen ABB-Medienzentrums war das Gasthaus zum Hirschen, das 1897 an die Gesellschaft Unitas verkauft wurde. Die bis dahin in Achern verlegte Zeitung erschien nach der Fertigstellung des neuen Druckereigebäudes in der heutigen Franz-Conrad-Straße (inzwischen durch das 2017 neu eröffnete Verlagsgebäude ersetzt) ab 1899 als Acher- und Bühler Bote am neuen Verlagssitz Bühl.

Gasthaus wird zum Verlagsgebäude

Das Gasthaus wurde zum Verlags- und Redaktionsgebäude. Johannes Schroth, der Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe, baute 1898 westlich an den „Hirschen“ und die neue Druckerei anschließend den Friedrichsbau, als repräsentatives Fest- und Vereinshaus der Unitas. Das neugotische Gebäude an der heutigen Friedrichstraße mit dem rückwärtigen großen Saalbau in Fachwerk ist heute im Besitz der Stadt Bühl und dient als Sitzungssaal des Gemeinderates.

Der unmittelbare Vorgängerbau des neuen ABB-Medienzentrums entstand in der Nachkriegszeit durch Umbauten, die praktisch einem Neubau gleichkommen. Die kleinen hochrechteckigen Fenster der Fassade zur Hauptstraße wurden durch große querrechteckige Fenster ersetzt, die Tordurchfahrt wurde zum Eingang. Noch entscheidender war der Wegfall des Sockelgeschosses.

War die Gaststube früher nur über eine kleine Freitreppe erreichbar, wurde nun die Kellerdecke gekappt, um den Kunden den barrierefreien Zugang in die Geschäftsräume zu ermöglichen. Diese Barrierefreiheit war ein Zugeständnis an die moderne Zeit. Ein Zugang über zwei oder drei Treppenstufen wurde von Kunden in Einkaufsstraßen grundsätzlich nicht mehr akzeptiert.

Ein Stück Stadtgeschichte: Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gasthaus Hirschen zu einer Geschäftsstelle mit großen Schaufenstern und barrierefreiem Eingang umgebaut. Es entsprach damit dem Zeitgeist. Foto: Ulrich Coenen

Der Neubau nach Plänen Volker Bergmaiers entspricht dem Archetyp eines Giebelhauses. Er interpretiert die historische Formensprache der Giebelhäuser in der Hauptstraße in einer reduzierten Formensprache neu, kommt deshalb auch ohne den in Bühl typischen Dachüberstand aus. Die klassische Lochfassade ist ebenso klassisch verputzt und besitzt im Erdgeschoss zwei große Schaufenster rechts und links des zentralen Haupteingangs. Sie ist aber erfreulicherweise nicht komplett in Glas aufgelöst. Das Obergeschoss wird durch sechs paarweise zusammengefasste hochrechteckige Fenster geprägt, das Giebelgeschoss durch drei zentrale schmale Fenster.

Räume sind lichtdurchflutet

Die neue ABB-Geschäftsstelle im Erdgeschoss ist lichtdurchflutet. Sie nimmt die gesamte Gebäudebreite ein. Von dort führt ein barrierefreier Korridor zu den vor drei Jahren eröffneten neuen Redaktionsräumen in der Franz-Conrad-Straße. Der steigt, um den Geländesprung zu überwinden, behutsam an, kommt aber im Gegensatz zum Vorgängerbau ohne Treppenstufen aus.

Der Turmkran schwebt am 29. Januar 2019 über die kleine Garage hinweg auf das Baugrundstück für das neue ABB-Medienzentrum in der Hauptstraße. Foto: Ulrich Coenen

Der schöne Giebel des neuen Medienzentrums in der Hauptstraße steht gleichzeitig für Fortschritt und Tradition. Damit ist er Stein gewordenes Motto des Acher- und Bühler Boten als der ältesten Heimatzeitung in Mittelbaden.

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