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Mofaschrauber

Hercules weckte Leidenschaft: Manuel Schleif aus Ottersweier fährt Rennen auf alten Mofas

Manuel Schleif aus Unzhurst hat sich dem Zweitaktmotor verschrieben. Er restauriert historische Kreidler-Mofas und fährt mit diesen sogar erfolgreich Rennen. Sein erstes Mofa hatte er mit 15 Jahren.

Manuel Schleif auf seiner Kreidler mit der Nummer 46 auf dem Stadtkurs Schotten (Hessen). Foto: pr

Am Anfang stand das Mofa. Mit 15 legte sich Manuel Schleif aus Unzhurst sein erstes motorgetriebenes Zweirad zu, es war eine Hercules. Und wie das bei Jungs in diesem Alter so ist, es wurde im Dorf herumgefahren. „Cruisen“ in der City des Ottersweierer Ortsteils zum Zwei-Takt-Klang.

Zusammen mit ein paar Kumpels wollte der heute 30-Jährige einen Mofa-Club gründen, „aber dann kam das erste Auto und die Sache mit den Mofas hat sich etwas verlaufen.“

Mit 19 erlebte das „Motorfahrrad“ bei Schleif eine Renaissance, und bald war auch der entsprechende Club „Mofaschruuber“ beisammen, für Nichtbadener: „Mofaschrauber“.

Wollte schon immer mit Moped-Klassiker Rennen fahren.
Manuel Schleif, Mofaschrauber

Doch mit 25 Stundenkilometern durch die Gegend zu tuckern reichte dem Unzhurster bald nicht mehr, zumal er – familiär durch einen oldtimer-affinen Onkel begeistert – selbst gern ein historisches Zweirad restaurieren wollte. „Ich hatte immer das Ziel, mit so einer Maschine auch Rennen zu fahren.“

Kreidler: Legendäre Marke ausgeguckt

Die Wahl fiel auf eine legendäre Marke, auf Kreidler. In den 1960er und 1970er-Jahren waren die Maschinen aus Kornwestheim in der 50-Kubikzentimeter-Klasse Platzhirsch auf jeder Rennstrecke – Fahrer wie die Niederländer Jan de Vries und Henk van Kessel oder auch der Italiener Eugenio Lazzarini fuhren mit Kreidler zu Weltmeistertiteln. Dazu kamen mehrere Geschwindigkeitsrekorde mit 50 Kubik jenseits der 200-Stundenkilometer-Marke.

Renn-Florett hieß und heißt das Zauberwort, das heute noch die Szene in Entzückung versetzt, zum Kreis der „Kreidlerianer“ zählt Manuel Schleif, der seit diesem Jahr mit selbst restaurierten und aufgebauten Zweirädern am Rennbetrieb teilnimmt und bei der Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft auf Anhieb Bronze holte.

Der Erfolg ist umso höher einzuschätzen, als er den dritten Platz in der Klasse H und L erreicht, in der Rennmaschinen mit 50 und 80 Kubik sowie Clubsport Motorräder bis 250 Kubik zusammengefasst werden. „In der Klasse L allein hätte ich den Titel gewonnen“, berichtet Schleif. Die „Historische“ ist so ein bisschen wie eine Oldtimer-Rallye – im Kern geht es darum möglichst konstant zu fahren.

Mofa-Fahrer braucht gutes Gefühl für das Tempo

Es gibt eine Einführungsrunde, anschließend erfolgt eine Referenzrunde. Die Zeit der Referenzrunde muss in den folgenden fünf Durchgängen (Minimum sind es fünf, je nach Strecke auch acht Runden) so exakt wie möglich gefahren werden.

Jede tausendstel Sekunde Abweichung wird mit Strafpunkten geahndet. Der Pilot mit den wenigsten Strafpunkten gewinnt. Hört sich erst einmal einfach an, ist es aber nicht. „Es gibt keinen Tacho, also muss man sich absolut auf sein Gefühl verlassen“, berichtet der Unzhurster.

Langer Weg zum Klassik-Rennzirkus

Die Fraktion Vollgas ist im Europacup 50 daheim, dort tummeln sich alte WM-Haudegen wie Jan de Vries. Der Weg in den Rennsport ist kein leichter, gerade in der Klassik-Sparte.

Und dann kommt erst das, was Geld kostet.
Manuel Schleif, Mofaschrauber

„Die Maschine muss von der technischen Kommission abgenommen werden, dann gibt es einen speziellen Fahrzeugbrief“, erklärt Schleif. Zudem benötigt jeder Rennfahrer eine Lizenz vom Deutschen Motorsport-Bund, was auch eine ärztliche Untersuchung in Sachen Tauglichkeit des Piloten einschließt.

Und dann „kommt erst das, was Geld kostet“, schmunzelt der Kreidler-Fan. Will heißen: Die Rennen. In Oschersleben war Schleif schon am Start, auf dem legendären Nürburgring, in Hockenheim oder auch in Schleiz, auf der ältesten Naturrennstrecke Deutschlands, bekannt durch den Superbike GP, und nicht zuletzt im mittelhessischen Schotten. Der Schottenring ist auch so ein Klassiker im Reigen der altehrwürdigen „Motodrome“ in Deutschland.

Gänsehaut-Gefühl vor 15 000 Zuschauern

„Wenn Du da vor 15 000 Zuschauern durch die Stadt dein Rennen fährst, ist das Gänsehaut-Gefühl pur“, berichtet Schleif. Was dem Unzhurster so gut gefällt, ist die familiäre Atmosphäre, das gute Miteinander der Fahrer.

„Da bekommst Du als Neuling auch mal Tipps.“ Und manchmal sind die Legenden der Zweirad-Zunft am Start – Toni Mang zum Beispiel, ganz unkompliziert gegenüber den Amateuren. Oder Dieter Braun, der Weltmeister von 1974 (250 Kubik, Yamaha) und jenseits der 70, lässt sich blicken.

Die Ehefrau als Managerin

Das extrem zeitintensive Hobby Rennsport funktioniert nur über ein gutes Netzwerk, da müsse vor allem der Arbeitgeber mitspielen, so Schleif. Seine Frau ist ebenfalls mit im Boot, „als Managerin“ (zum Hochzeitstag bekam sie jüngst ein eigenes Mofa), dazu hat er einen guten Kumpel im hessischen Gründau-Rothenbergen (bei Hanau).

Der blickt auf eine 30-jährige Renn-Erfahrung im Sattel von Mopeds zurück. Ein alter Hase also, der Schleif als Mechaniker zur Seite steht.

Nicht zuletzt gibt es den Kreidler Dienst Kornwestheim, der Hauptsponsor des Unzhursters, der bei den Ersatzteilen hilft. Denn gerade Originalteile für die alten Schätzchen sind inzwischen rar, da ist so ein Partner unbezahlbar. Und natürlich hofft der schnelle Unzhurster nach wie vor auf weitere großzügige Geldgeber.

Vier fahrbare Mofas

Vier fahrbare Maschinen hat Schleif aktuell. Apropos Geld: Billig ist die Rennleidenschaft des Zweiradpiloten aus dem Ottersweierer Ortsteil nicht, ob das nun die Maschinen selbst sind, die Gebühren für die Rennen, die Auslagen für die Tage auf dem Motodrom, und, und, und. Nach oben gibt es, wie in der gesamten Classic-Szene, kaum Grenzen.

Seltene Sammlerstücke werden von 100 000 Euro aufwärts gehandelt.
Manuel Schleif, Mofaschrauber

„Seltene Sammlerstücke werden von 100 000 Euro aufwärts gehandelt“, berichtet Schleif. Es sind oft Gespanne (Motorrad mit Beiwagen), die Historie haben und in der Vergangenheit internationale Titel sammelten. Das ist bei der vierrädrigen Oldie-Fraktion nicht anders.

Damit die Schnauferl besonders im Rennbetrieb fit bleiben, ist Schrauben angesagt. Schleif kommt entgegen, dass er sich schon von Berufs wegen mit solchen Sachen auskennt. Mechaniker, wie in den Werksrennställen bei den Profis, können sich die Idealisten nicht leisten.

Mechaniker-Gen ist unerlässlich

Bei Defekten oder nach Stürzen muss der Pilot selber ran, in der Regel unterstützt von Familienmitgliedern oder Freunden, die zum Tross gehören. Oft helfen auch Rennkollegen. Abends, wenn die Motoren schweigen, sitzt man meist noch in trauter Runde zusammen und redet – natürlich – über den Sport. 60 Prozent der Fahrer seien Enthusiasten, so Schleif.

In Hockenheim, als er Silber in der Klasse H/L holte, hieß der Sieger Ingo Emmerich. Der inzwischen 68-Jährige fuhr – auf 50 Kubik Kreidler-Rennmaschinen – von Mitte der 1970er Jahre an mit großem Erfolg nationale und internationale Rennen. Und Emmerich ist nicht der Einzige, in dessen Adern in fortgeschrittenem Alter „Benzin“ oder „Zweitaktermischung“ fließt.

Einige Fahrer sind bereits 80 Jahre alt.
Manuel Schleif, Mofaschrauber

„Da gibt es Fahrer, die begannen in ihrer Jugend mit einer NSU Quickly, jetzt sind sie 80 Jahre alt und immer noch im Rennzirkus dabei.“ Der Kolbenschlag der hochgezüchteten Motoren scheint jung zu halten. Vielleich ist es ja auch einfach das Gefühl von Freiheit, das die „tollkühnen Männer“ auf ihren „fliegenden Kisten“ beflügelt.

„Für mich ist das Spaß und Freiheit“, sagt Manuel Schleif, und es habe durchaus was, wenn man mit 50 Kubik und 14 Pferdestärken auf dem Hockenheim-Ring unterwegs ist, wo sonst Boliden mit deutlich mehr Leistung fahren. 14 PS sind in der 50-Kubik-Klasse denn auch eine Ansage, rund sechs Pferdchen bringt der Serienmotor auf die Piste.

Kreidler und Renntuning sind fest verbunden

Kreidler und Renntuning, namentlich an der Florett RS, ist seit Jahrzehnten untrennbar verbunden. „Bereits 1969 gab es einen Werksrennsatz für Privatfahrer“, berichtet Schleif, damit wurde die Maschine, abhängig von Fahrergröße und -gewicht, bis zu 120 Sachen schnell.

Und heute noch gilt, der ideale Pilot hat das Format eines Jockeys. Da ist Manuel Schleif durchaus humorvoll-selbstkritisch: „Eigentlich bin ich dafür zu schwer und zu groß.“ Aber den Spaß am Fahren und am Schrauben mindert das keineswegs.

Neues Projekt: Kreidler Van Veen

Ein neues Projekt hat Schleif bereits in der Mache, jetzt im Winter ist nämlich „Schrauberzeit“. Er will sich eine Kreidler Van Veen aufbauen. Der Name lässt es ahnen, diese ultimativen 50-Kubik-Renner sind mit den Niederlanden verbandelt.

Van Veen war ein rennsport-affiner Moped- und Motorradhändler aus Amsterdam. Hendrik van Veen übernahm für Kreidler 1968 die Entwicklung der Rennmaschinen. Gut 20 PS hatten die Van Veens in der „Schnapsglasklasse“, der Italiener Eugenio Lazzarini erreichte damit in Spa (Belgien) eine Höchstgeschwindigkeit von gut 210 Stundenkilometern.

Die Faszination von Manuel Schleif gegenüber diesem Projekt ist nachvollziehbar. Und solange er kann, will der Unzhurster mit seinen flotten Maschinen Rennen fahren. Angesichts des Alters der „Senior-Fahrer“ hat er noch ein paar Jahrzehnte Zeit.

Faszination Mofa ist geblieben

Apropos: „Am Anfang war das Mofa“ – seinem ersten motor-getriebenen Fahrzeug ist der Unzhurster treu geblieben, Schleif fuhr bereits bei den legendären 17 3/4 Stunden von Fischbach (Schwarzwald-Baar-Kreis) mit, einem Mofa-Rennen, das inzwischen längst Kultstatus erreicht hat.

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