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Jubel auf den Straßen

Musiker Simon Kanzler aus Ottersweier erlebt ein anderes New York seit Joe Bidens Amtseinführung

Entsetze Stimmung erlebte Simon Kanzler aus Ottersweier nach der Amtseinführung Donald Trumps vor vier Jahren. Jetzt unter Präsident Joe Biden berichtet er dagegen von Freude und feiernden Menschen.

Neue Heimat: Simon Kanzler lebt seit 2018 in New York. Er hat hier auch sein musikalisches Zuhause gefunden. Foto: Johnna Wu

Der Musiker und Komponist Simon Kanzler stammt aus Ottersweier – wohnt aber seit einigen Jahren in New York.

Unsere Mitarbeiterin Katrin König-Derki sprach mit ihm über seine Arbeit, die Jahre unter Präsident Donald Trump und die Stimmung in der Weltmetropole nach der Amtseinführung Joe Bidens.

Wann und warum sind Sie in die USA ausgewandert?
Simon Kanzler

Ich bin 2018 hier nach New York gekommen, um gemeinsam mit meiner Frau zu leben, die Geigerin ist. Ich war immer schon fasziniert von der Musik-Szene in New York, mit der ich bereits vorher in Berührung war, da es einen regen Austausch zwischen den Jazz-Szenen in Berlin und New York gibt. Daher war der Schritt nicht allzu schwer. Als Musiker und Komponist fühle ich mich hier zu Hause, da ich sehr an einer multistilistischen und Grenzen überschreitenden Musik interessiert bin, die bestens in das multikulturelle New York passt. Es ist in dieser Stadt ganz natürlich und selbstverständlich, in mehreren Musik-Szenen gleichzeitig aktiv zu sein, wie in meinem Fall der Neuen Musik und der Improvisation.

Welche musikalischen Projekte haben Sie aktuell?
Simon Kanzler

Ich leite gemeinsam mit meiner Frau das Ensemble PinkNoise, mit dem wir seit meiner Ankunft in New York schon einige Konzerte gegeben haben und für das ich mehrere Kompositionen geschrieben habe. Außerdem habe ich mich die letzten Jahre intensiv mit elektronischer Musik beschäftigt und ein Software-Instrument für Improvisation programmiert, das ich mit PinkNoise und anderen Formationen spiele. Das aktuellste Projekt ist eine Komposition basierend auf Beethovens „Geistertrio“ mit dem Titel „Re: Beethoven“, welches wegen der aktuellen Umstände ein reines Video-Projekt war. Außerdem wurde dieses Jahr meine Oper „Nodía Es“ auf CD veröffentlicht, die ich für eine Heavy Metal Band und ein Vokal-Ensemble geschrieben habe.

Wie haben Sie die Stadt New York in den vergangenen Jahren erlebt?
Simon Kanzler

Meine Wahrnehmung von New York hat sich seit der Coronakrise drastisch verändert. Davor war ich begeistert – und manchmal auch ein wenig überfordert – vom Rhythmus und der Lebendigkeit der Stadt und vor allem der kulturellen Vielfalt. Als wir im April den ersten Lockdown in New York hatten, war es plötzlich erstaunlich und ungewöhnlich leise vor unserer Wohnung. Alles fühlt sich jetzt ein bisschen ruhiger an. Es ist aber sehr traurig anzusehen, wie die Kultur und das Konzertleben, die für mich persönlich New York am meisten auszeichnen, plötzlich völlig still stehen.

Wie bewertete Ihr amerikanisches Umfeld die Amtszeit von Donald Trump, wie standen Sie selbst dazu?
Simon Kanzler

Jeder in meinem Umfeld war entsetzt, als vor vier Jahren klar wurde, dass er der neue Präsident ist. Ich konnte hautnah miterleben, wie er die Menschen gegeneinander aufgehetzt und Hass geschürt hat, wie er und konservative Medien Menschen mit Fakenews und Lügen manipuliert haben und, vor allem, wie er Rassismus eine Plattform gegeben hat. Sogar im liberalen und weltoffenen New York konnte ich beobachten, wie einige Menschen sich legitimiert fühlten, Rassismus offen verbal auszudrücken. Gott sei Dank ist das hier in New York eine kaum nennenswerte Minderheit. Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat mir viel Hoffnung gegeben und auch die Möglichkeit, selber an Protesten teilzunehmen.

Wie würden Sie die Stimmung in der Stadt nach Joe Bidens Amtseinführung bewerten?
Simon Kanzler

Die Menschen sind sehr erleichtert, es ist eine gute und hoffnungsvolle Stimmung zu spüren. Der bewegendste Moment war allerdings der Tag, an dem Joe Biden die Wahl gewonnen hat: Menschenmengen sind vor Freude auf die Straße gerannt und haben gemeinsam gejubelt und gefeiert.

Hätte es für Sie persönlich etwas verändert, wenn Trump wiedergewählt worden wäre?
Simon Kanzler

Ja, definitiv. Es war nicht einfach, in der Amtszeit von Donald Trump nach Amerika auszuwandern. Der Prozess und die Bewerbung für die Green Card zogen sich unglaublich lange hin, insgesamt zwei Jahre. Vorher hätte es vielleicht sechs Monate gedauert. Wir hatten auch ständig Angst, die Einwanderung würde verweigert, da Trump immer wieder neue Regeln zur Immigration eingeführt hat beziehungsweise dies versuchte. Diese Regeln hätten sogar mich, als Musiker aus Deutschland, betreffen können. Und da ich bisher nur eine vorübergehende Green Card habe, bin ich nun sehr erleichtert und zuversichtlich, dass die Erneuerung weniger problematisch sein wird. Davon abgesehen, ist es natürlich ein viel besseres Gefühl, unter einem menschenfreundlichen und kompetenten Präsidenten zu leben.

Sehen Sie Ihre musikalische Zukunft auch längerfristig in Amerika?
Simon Kanzler

Ja, ich fühle mich hier in New York musikalisch sehr zu Hause und kann mir definitiv eine langfristige Zukunft in dieser Stadt vorstellen.

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