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Nur Ostfassade fällt

Ruine Hundseck: Anlieger fordern Komplettabriss aus statischen Gründen

Sie ist für viele Menschen ein Schandfleck der Schwarzwaldhochstraße: die Ruine Hundseck. Nun begannen die Abrissarbeiten, doch nicht alle Teile wurden entfernt – zum Ärger der Anlieger.

Ran an die Hundseck-Ruine: Am Gebäude begannen nun die Abrissarbeiten. Doch nicht alle Teile wurden entfernt. Foto: Bernhard Margull bema

Dirk Heinrich ist ein hoch professioneller wie anerkannter Chirurg. Nur: Er muss nichts implantieren, zusammenflicken oder heilen. Und wenn, dann nur die Sünden von saumseligen und/oder dubiosen Immobilienbesitzern, die über Jahre hinweg Corpus und Organe ihrer Gebäude sehenden Auges dem jämmerlichen Siechtum überließen.

Heinrich ist Baggermann und Erlöser zugleich. Sein OP-Besteck besitzt 320 PS und ist 28 Meter lang.

Am Dienstag widmete er sich mit seinem Skalpell, einem Abbruch-Herkules mit Longfront-Ausleger, einem dem Tode geweihten Langzeit-Dauerpatienten: der Hundseck-Ruinenlandschaft.

Beschwerlicher Weg für Abbruch-Profis

Termine dort oben auf 885 Metern Meereshöhe sind meist alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Zuletzt im Oktober 2020 bei der Inaugenscheinnahme durch Justiz- und Tourismusminister Guido Wolf und nun auch in dieser Woche herrschte Weltuntergangsstimmung. Als wäre der Blick auf das hässliche Barackenszenario nicht schon schlimm genug.

Immerhin: Die Abbruchprofis der Firma Rino aus Renchen haben ihren schwarzen Humor, man könnte ihn auch Sarkasmus nennen, nicht verloren: „Immerhin gibt es keine Staubentwicklung, wir müssen nicht mit dem Feuerwehrschlauch Wasser zuspritzen.“

Anfahrt und Schwertransport-Logistik waren hingegen weniger lustig. Über die Autobahn von Achern bis Rastatt ging die beschwerliche, zeitaufwendige Tour, danach durch das Murgtal bis Raumünzach und von dort über Herrenwies und Sand bis zum Einsatzort Hundseck.

Nur Teilabriss ist baurechtlich erlaubt

Dort warteten zahlreiche Medienvertreter triefend nass auf den Baggerbiss. Um 10.15 Uhr schnappte Dirk Heinrich zu – filigran statt robust. Zum Erstaunen einiger fiel auch nur die obere Ostfassade entlang der Straße nach Hundsbach.

Nur das war der Auftrag der Stadt als zuständigen Baurechtsbehörde. Hinter vorgehaltener Hand heißt es unisono: „Bei gesundem Menschenverstand müsste das alles weg.“ Dem aber stünden statische Berechnungen und Einschätzungen sowie juristische Unwägbarkeiten entgegen, heißt es aus der Baurechtsabteilung.

Es ist enttäuschend, dass jetzt wieder nur ein kleiner Eingriff erfolgt.
Daniel Karcher, Liftbetreiber Hundseck

Daniel Karcher, Betreiber des Bühlertallifts Hundseck und mithin unmittelbarer Nachbar, versteht die Welt nicht mehr: „Es ist enttäuschend, dass jetzt wieder nur ein kleiner Eingriff erfolgt, zumal es in die Gebäude seit Jahrzehnten rein regnet und rein schneit!“

Karcher, selbst Inhaber eines Statikerbüros, erwartet eine „nachhaltige Lösung“. Das heißt konkret: Die „komplette Beseitigung der gesamten Ruine und damit die Herstellung von Rechtssicherheit für einen möglichen späteren Investor.“ Was sich in den vergangenen Jahren in der und um die Immobilie des ehemaligen Vorsorgeheims der Ruhrknappschaft Bochum abgespielt habe, sei „ein einziges Trauerspiel“.

Eingriff noch am Dienstag beendet

Und noch eins schreibt er ins Stammbuch der Kommunal-, Regional –und Landespolitiker: „Man muss wirklich kein Statiker sein, um beurteilen zu können, dass die immer noch stehenden Gebäudeteile abbruchreif sind!“

Übrigens: Der Name der Abbruchfirma Rino hat keinen familiären Hintergrund, sondern entstand in einer augenzwinkernden Laune mit Symbolkraft des Firmengründers und heutigen Geschäftsführers Jochen Baur.

Rino steht als Kürzel für Rhinozeros. Nashörner sind von kräftiger, robuster Natur. Dirk Heinrich hat damit am Dienstag Teile der Hundseck-Ostfassade sprichwörtlich aufs Horn genommen. Bereits am Nachmittag war der Eingriff beendet.

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