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Große Resonanz

Tag des offenen Denkmals: Besucher stürmen Uhrmacherhaus der Familie Kist in Haft

Für einige der vielen Gäste war es eine Reise in ihre Kindheit oder in die Zeit ihrer Vorfahren. Eine Seniorin hatte im Uhrmacherhaus in Haft einige Wochen verbracht, als sie als Kind im Zweiten Weltkrieg aus Scherzheim evakuiert wurde. Und Willi Kopf aus Oberbruch hat auch eine ganz besondere Beziehung zu dem Denkmal: Sein Ururgroßvater Sebastian Kopf war Bauherr des Hauses.

Geschichte aufgearbeitet: Hausherrin Bettina Kist hatte für die Besucher des Uhrmacherhauses jede Menge historische Fakten zusammen getragen. Foto: Jörg Seiler

Die häufigsten Fragen an diesem Tag des offenen Denkmals? Da muss Hausherrin Bettina Kist nicht lange überlegen: „Wann seid Ihr fertig?“ und „Zieht Ihr selber ein?“ Die Antworten sind ebenso klar: Im Dezember, spätestens im Januar ist das ganz besondere Fachwerkhaus - in Haft auch als Uhrmacherhaus bekannt - bezugsfertig. Und ja, die Familie Kist hat jüngst beschlossen, selbst in das über 200 Jahre alte, ortsbildprägende Gebäude einzuziehen.

Tag des offenen Denkmals in Haft: Die Resonanz ist riesig, im Hof geben die Grünen Jäger ein beschwingtes Platzkonzert. Und eigentlich spielt ja Hausherr Klaus Kist in diesem Orchester die Posaune. Doch an diesem Tag hat er anderes zu tun, er berichtet den Heerscharen an interessierten Besuchern über die äußerst gelungene Sanierung und die zahlreichen Überraschungen, die seine Frau und er dabei erlebten.

Die Menschen, die an diesem Nachmittag kommen und erst mal die sorgfältige wie sympathische, hygieneordnung-konforme Einlasskontrolle bei Carsten Ueberdiek passieren müssen, zieht es aus unterschiedlichen Gründen zum Uhrmacherhaus. „Da sind viele dabei, die das Anwesen kennen, weil sie hier wohnen. Die wollen einfach sehen, was durch die Sanierung daraus geworden ist“, so Bettina Kist. Auch Buchbindermeister Roland Klöpfer, der - wie berichtet - in seiner Druckerei gerade ein altes Wallfahrtsbuch von Maria Linden neu aufgelegt hat, schaut vorbei. „Ich habe in Hatzenweier selber ein historisches Haus“, sagt er und lacht.

Besuch wird zur Reise in die Kindheit

Für andere ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit: Bettina Kist erzählt von einer betagten Besucherin, die als Kind eine Zeit in Haft im Uhrmacherhaus wohnte. „Sie stammt aus Scherzheim und wurde während es Zweiten Weltkriegs evakuiert.“ Der Name des Hauses kommt übrigens nicht aus dem luftleeren Raum, 1890 wurde dort eine Uhrmacherwerkstatt eingerichtet.

Irgendwie ein Hort der pfiffigen Tüftler und zwar bis heute. Als Klaus Kist per Fernbedienung aus dem ersten Obergeschoss das gewaltige, uralte Scheunentor elektrisch öffnet, ist der Beweis dafür definitiv geliefert.

Ururenkel des Erbauers: Willi Kopf kam von Oberbruch nach Haft. Sein Vorfahr Sebastian Kopf hat das Urmacherhaus erbaut, das Bettina Kist und ihre Ehemann Klaus nun saniert haben. Foto: Jörg Seiler

Und noch einer ist an diesem Tag Gast auf dem Hof, dessen Wohngebäude im Türstock die Jahreszahl 1835 trägt. Es ist der 74-jährige Willi Kopf aus Oberbruch. Sein Ururgroßvater hieß Sebastian Kopf und genau der ließ damals das stolze Fachwerk-Anwesen erbauen. Willi Kopf hat Ahnenforschung betrieben, weiß inzwischen, dass sein Vorfahr neun Kinder hatte.

Der Zweitgeborene kam 1832 zur Welt, wurde Josef getauft und war Lehrer. Ein Sohn dieses äußerst musikalischen Pädagogen hieß Wilhelm, er wurde dereinst Kronen-Wirt in Oberbruch und Wilhelms Sohn Karl schließlich ist der Vater von Willi Kopf, der sich am Tag des offenen Denkmals auf den Spuren seiner Vorfahren bewegte.

Mit Maske: Hausherr Klaus Kist erläuterte die Kniffe der Denkmalsanierung, vorne Architektin Anette Armbruster-Kopf. Foto: Jörg Seiler

Heimathistorie und Anekdoten, es gibt viel Spannendes zu entdecken, auch in der Ausstellung mit alten Bildern und Dokumenten, die Bettina Kist zusammen gestellt hat. Ein äußerst lebendiger Denkmalstag, an dem natürlich die Selbermacher jede Menge Wissenswertes mitnehmen konnten.

Hausherr Klaus Kist muss an diesem Tag, ebenso wie seine Frau, viel erklären über Dämmung, über marodes Gefache, das mit den Original-Steinen neu aufgesetzt wurde und, und, und. Auch Architektin Anette Armbruster-Kopf ist dabei, sie ist Expertin für derartige Projekte, kann eindrücklich berichten über die vielen Vorgaben und Auflagen, die bei der Sanierung eines Denkmals beachtet werden müssen.

Meine Frau würde hier sofort einziehen.
Hans-Wilhelm Juchem, Neusatzer Ortsvorsteher

„Bisweilen ist das schon eine zähe Angelegenheit“, sagt die Fachfrau. Die gab den Bauherren dann auch immer wieder Tipps: So empfahl sie für die Wandheizung 16-er-Rohre, „dünnere verschlammen schnell und können dann nicht mehr benutzt werden.“ Es wäre wohl der Gau für die Familie Kist, zumal der Familienvater jeden einzelnen Röhrenkanal in die Wanddämmung schnitzte - 1,5 Kilometer Heizungsrohre wurden verlegt. Neue Fans gewann das Uhrmacherhaus an diesem Nachmittag jede Menge.

„Meine Frau würde hier sofort einziehen“, bekundete der Neusatzer Ortsvorsteher Hans-Wilhelm Juchem bei seinem Besuch, er zeigte sich ebenso begeistert.

Zwischenbilanz um 15.30 Uhr: Rund 100 Gäste haben bis zu diesem Zeitpunkt bestimmt bei Carsten Ueberdiek die Einlasskontrolle passiert. Und da ist noch nicht einmal Halbzeit.

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