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Rodungsaktion stößt auf Kritik

Wo sich die Schutzgüter ins Gehege kommen

Die Aktion soll Kiebitz und Großem Brachvogel dienen. Doch das Ausmaß der Rodung in der Nähe des Ottersweierer Ortsteils Unzhurst stößt auf Kritik.

Hilfe für Bodenbrüter: Im Gewann Prinzipalwiesen/Warmersbrucher Hof wurden Gehölz entfernt und Mulden angelegt. Davon sollen Kiebitz und Großer Brachvogel profitieren. Foto: Bernhard Margull

Ein Zielkonflikt entsteht, wenn zwei Ziele angestrebt werden, deren gleichzeitige, volle Erfüllung sich gegenseitig ausschließt. Ist das, was sich im Gewann Prinzipalwiesen/Warmersbrucher Hof auf Unzhurster Gemarkung abgespielt hat, ein Paradebeispiel dafür?

Um die Bedingungen für den Kiebitz und den Großen Brachvogel zu verbessern, ist gerodet worden, in einem Umfang, der nicht überall gut ankommt. Irene Feilhauer, die Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Karlsruhe, erläutert auf Anfrage, dass die Rodungen Teil des Bodenbrüterschutzkonzeptes im Vogelschutzgebiet Acher-Niederung im Gewann „Prinzipalwiesen“ seien.

Im Artenschutzprogramm „Vögel“ zur Verbesserung der Lebensstätte des Kiebitz und des Großen Brachvogels seien Gehölze entfernt und Mulden angelegt worden: „Die Gehölzentfernung war zur Schaffung ausreichend großer, offener Flächen und zur Schaffung einer Verbindung zum Fünfheimburger Wald nötig. Die Mulden sollen das Nahrungshabitat vergrößern“, so Feilhauer.

Gemeinde war nicht informiert

Die Maßnahmen wurden beim Runden Tisch „Wiesenbrüterschutz Rastatt Baden-Baden“ im Herbst 2019 vorgestellt. Das Treffen findet üblicherweise zweimal pro Jahr statt, mit am Tisch sitzen neben Behördenvertretern und dem Nabu ehrenamtliche Kiebitz-Betreuer, die Brutgebiete und Brutpaare kontrollieren.

Die Gemeinde war in keinster Weise informiert.
Jürgen Pfetzer Bürgermeister

Nicht dabei war im vergangenen Jahr ein Vertreter der Gemeinde Ottersweier, was Bürgermeister Jürgen Pfetzer sauer aufstößt: „Die Rodung erfolgte wohl im Auftrag des Regierungspräsidiums auf Grundstücken des Landes Baden-Württemberg. Die Gemeinde war in keinster Weise informiert oder im Vorfeld involviert.“

Er sei von Bürgern auf die Rodungsaktion aufmerksam gemacht worden. Deren Ausmaß sei nicht nachzuvollziehen: „.Woanders pflanzen wir Bäume gegen den Klimawandel und hier werden zum Teil 50-jährige Eichen gefällt, das verstehe, wer will.“

Für Pfetzer ist ein „solch massiver Eingriff in der heutigen Zeit völlig unverständlich. Da reicht meiner Meinung nach auch der Deckmantel des Artenschutzes nicht als Begründung aus.“ Wenn die Gemeinde auch nur den kleinsten Eingriff in einen Hecken- oder Gehölzbestand im Außenbereich vornehmen wolle, müsse sie diesen umfangreich gutachterlich begründen, mehrere Fachbehörden involvieren und am Ende völlig zu Recht einen ökologischen Ausgleich an gleicher oder anderer Stelle bieten.

„Für das Land und den Artenschutz gelten diese Regeln offensichtlich nicht“, kritisiert Pfetzer. Unbestritten drohten Kiebitz und Großer Brachvogel auszusterben. „Es sind sicher komplexe Ursachen, die die Arten in ihrer Existenz bedrohen. Aber Gehölze beseitigen ist offensichtlich einfacher, als mit allen Agierenden, vor allem den Landwirten, zu reden. Meines Erachtens kann den Arten nur geholfen werden, wenn man ihre Lebensraumansprüche in eine entsprechende Landnutzung integriert.

Dazu müssten die Landbewirtschafter, die Grundeigentümer und die Gemeinde in einen Arbeitskreis eingebunden und mitgenommen werden. Das ist bislang in dieser Besetzung nicht der Fall.“

Schnelles Handeln erforderlich

Pfetzer sieht einen Zielkonflikt zwischen Artenschutz und Klimaschutz. Martin Klatt vom Nabu Baden-Württemberg stimmt gleichzeitig zu und widerspricht: „Ja, es gibt einen Zielkonflikt, aber nicht zwischen Klimaschutz und Artenschutz.“ Vielmehr müsse zwischen dem Schutz hochgradig gefährdeter Arten und „dem allgemeinen Lebensraumtyp, dem Landschaftsbild“ abgewogen werden: „Man muss sich entscheiden, ob die höchst gefährdete Art oder das Landschaftsbild, der einzelne Baum geschützt wird.“ Diese Entscheidung falle eindeutig zugunsten der Bodenbrüter aus: „Wenn wir nicht schnell handeln, ist der Kiebitz weg.“

Einen Konflikt mit dem Klimaschutz kann Klatt nicht erkennen: „Für jedes Baugebiet und jedes Infrastrukturprojekt werden bedenkenlos große Bäume gefällt und als Ersatz ein kleines Petersiliebüschel gepflanzt. Da fragt niemand nach dem Klimaschutz.“

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