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Geschichtliche Führung

Rundgang zu Spuren jüdischen Lebens in Bühl stößt auf großes Interesse

Am Sonntag erkundeten Interessenten bei einem Rundgang die Spuren jüdischen Lebens in Bühl. Durch die Stadt führte Michael Rumpf, Leiter des Stadtmuseums. An bekannte Orte und Häuser, die eine jüdische Geschichte haben.

Direkt am Busbahnhof vor den Bahngleisen steht der Gedenkstein, der an die jüdischen Bürger erinnert, die im Oktober 1940 von Bühl nach Gurs transportiert wurden. Foto: Hans-Jürgen Collet

„Toll, dass so eine Veranstaltung angeboten wird“, ruft jemand ganz spontan aus dem Kreis der Teilnehmer. Michael Rumpf lächelt. Innerhalb kürzester Zeit sei der Rundgang zu den jüdischen Spuren in der Stadt vierfach überbucht gewesen, sagt er.

23 Interessenten sind bei strahlender Sonne am Sonntagnachmittag mit von der Partie bei dieser ungewöhnlichen Stadtführung, die der Leiter des Stadtmuseums organisiert hatte.

Die Beweggründe, mit dabei zu sein, sind dabei recht unterschiedlich: „Ich beschäftige mich mit Nachlassangelegenheiten jüdischer Mitbürger“, sagt etwa Anja Hampe, die nach eigenen Angaben auch bei Renovierungsarbeiten auf dem Bühler Friedhof beteiligt war. „Ich interessiere mich generell für jüdisches Leben, Bräuche und Geschichte“, begründet derweil Jürgen Demmler seine Beteiligung an der Stadtführung.

Karl-Heinz Wehle erinnert sich indessen an eine Reise nach Israel, wo er auch Herbert Odenheimer traf. Er wurde als Kind jüdischer Mitbürger 1934 in Bühl geboren, 1940 nach Gurs transportiert und von christlichen Familien versteckt und gerettet.

Wie Michael Rumpf bei dem Rundgang berichtet sei Odenheimer später wieder einmal nach Bühl zurückgekehrt, ohne zu erwarten, dass er noch erkannt wird. Dann aber sei plötzlich eine Frau auf ihn zugekommen und habe ihm erklärt, dass sie ihn einst im Kinderwagen geschoben hat – was bei Odenheimer, nach dem auch eine Straße in Bühl benannt ist, natürlich bleibenden Eindruck hinterließ.

Gedenkstein am zentralen Busbahnhof erinnert an Deportation

„Wir beginnen da, wo alles endet“, sagt Rumpf – und so steht am Anfang der Führung der Gedenkstein am zentralen Busbahnhof im Blickpunkt, der an die Deportation der letzten jüdischen Gemeindemitglieder 1940 nach Gurs erinnert. 26 Personen waren es. Sie alle sind auf einer Scheibe direkt vor den Bahngleisen namentlich erwähnt „Meist war es ein Abschied ohne Wiederkehr“, erklärt Rumpf.

Der einstige Standort des Eisenhüttenwerkes Netter-Jacobi wird besichtigt, ebenso wie etwa der von der Familie Netter per Schenkung an die Stadt übergebene Stadtgarten. „Auch der Bau des Windeck-Gymnasiums wurde finanziert durch die Schulstiftung der Familie Netter“, gibt Rumpf Einblicke in das großzügige Mäzenatentum dieser Familie.

Ein Denkmal für die beiden Brüder Adolph und Leopold Netter steht ebenfalls im Stadtgarten. „Es war in den 30er Jahren nicht so beliebt und ist dann über Nacht verschwunden, nach dem Zweiten Weltkrieg aber wieder aufgetaucht“, berichtet Rumpf.

Johannesplatz war das jüdische Zentrum in Bühl

„In der Schwanenstraße hat fast jedes Haus eine jüdische Geschichte“, sagt Rumpf und die Teilnehmer lauschen gebannt den vielen kleinen Anmerkungen dazu. Dabei hätten die Bühler Juden nicht in einem Ghetto gewohnt, sondern sich ihr Haus frei wählen können. Erst im Dritten Reich sei dies geändert worden und die Juden durften nur noch bestimmte Gebäude bewohnen.

In der Schwanenstraße hat fast jedes Haus eine jüdische Geschichte.
Michael Rumpf, Leiter des Stadtmuseums

Über den Schuhhändler Alfred Lion in der Schwanenstaße spricht Rumpf, ebenso wie etwa über die angrenzende Branntweinbrennerei, die Schreibwarenhandlung, die Eisenwarenhandlung oder das Kaufhaus Bloch. Aber: „Das jüdische Zentrum war der Johannesplatz, der einst nach dem Brückenheiligen Johannes Nepomuk benannt wurde“, sagt Rumpf.

Bühler Synagoge wurde 1938 zerstört

Angereichert mit einigen historischen Bildern aus dem Stadtarchiv führt Rumpf vor Augen, wie die 1938 zerstörte Bühler Synagoge ausgesehen hat – eben an jener Stelle, wo heute Dutzende von Sonnennhungrigen das schöne Wetter bei einer Tasse Kaffee genießen.

„Ich würde mir wünschen, dass wir noch Bilder vom Inneren der Synagoge finden würden“, sagt der Leiter des Stadtmuseums, der diese Hoffnung nicht aufgeben will. Die Feuerwehr habe seinerzeit bewusst darauf verzichtet, die brennende Synagoge zu löschen, nur ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbargebäude sollte verhindert werden. Die Brandruine sei damals auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen worden.

Die ebenfalls in dem Bereich existierende jüdische Schule war der Neugestaltung des Platzes zum Opfer gefallen. Der Rundgang endet schließlich am Wohnhaus von Moses David Wertheimer – Mitglied der jüdischen Familie Wertheimer, die in Bühl ebenfalls so viele Spuren hinterlassen hat.

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