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Riesiges Instrument füllt ein ganzes Stockwerk des Kirchturms

Schlagregen macht der Schwarz-Orgel in Bühl zu schaffen

Die historische Schwarz-Orgel in der Bühler Pfarrkirche wird für 600.000 Euro restauriert. Der BNN-Reporter steigt mit Orgelbaumeister Hans-Martin Luge ins enge und staubige Orgelgeschoss.

Ende des Dornröschenschlafs: Orgelbaumeister Hans-Martin Luge aus Rheinmünster will die Schwarz-Orgel in der Bühler Pfarrkirche St. Peter und Paul nach vier Jahrzehnten wieder zum Klingen bringen. Foto: Ulrich Coenen

Schwebende Klänge in Sakralbauten faszinieren nicht nur Gläubige. Kirchenkonzerte haben eine besondere Atmosphäre, für die vor allem große Orgeln verantwortlich sind. Sakralarchitektur und Orgelbau gehen aber in den allermeisten Fällen keine echte Symbiose ein. Der Rheinmünsteraner Orgelbaumeister Hans-Martin Luge, der die Schwarz-Orgel in der Bühler Pfarrkirche St. Peter und Paul restaurieren wird, berichtet beim Gespräch auf der Orgelempore von erstaunlichen Misstönen.

Was der Kirchenbesucher nicht ahnt: Der Prospekt der Schwarz-Orgel, der sich über der Orgelempore erhebt, ist nur ein kleiner Teil des Instruments. Das dehnt sich auf insgesamt drei Ebenen eines riesigen hölzernen Einbaus über das ganze Emporengeschoss der Kirche bis zum großen Maßwerkfenster aus, das wiederum direkt an den Marktplatz grenzt. Zwischen all den unterschiedlichen großen Pfeifen aus Zinn- und Bleilegierungen sowie aus Zink und Holz geht es dort ziemlich eng zu.

Sichtbar ist nur der Prospekt: Der weitaus größte Teil der Schwarz-Orgel befinden sich unsichtbar für die Besucher im Orgelgeschoss dahinter. Foto: Ulrich Coenen

Das muss der Reporter erfahren, als er sich mit der Spiegelreflexkamera hineinzwängt. Über schmale Holzleitern steigt Luge vorneweg leichtfüßig von einer Ebene zur anderen. Staubig geht es hier zu. Und einigermaßen schwindelfrei sollte man sein. Das ist der BNN-Reporter als gelernter Architekturhistoriker eigentlich. Doch der Orgelbaumeister kann es besser. Als die Kamera mit dem schweren Weitwinkel-Zoom auf der Treppe hilflos vor dem Bauch des Journalisten baumelt, bietet er an, die Kamera beim Auf- und Abstieg zu tragen. Dabei bewegt er sich mit dem Fotoapparat in der Hand völlig mühelos.

Prospekt der Schwarz-Orgel auf der Empore Foto: Ulrich Coenen

Ein Blick von der hölzernen Tribüne ganz oben in Richtung Marktplatz zeigt das Problem. Das große Maßwerkfenster ist nicht dicht. Bei Schlagregen gelangt Wasser ins Innere des Turms und kann die Orgel beschädigen. Luge weist darauf hin, dass eine zusätzliche Schutzverglasung dringend notwendig ist, um den Erfolg der anstehenden Sanierung zu sichern.

Die Architekten haben sich nicht wirklich mit dem Thema Orgel auseinandergesetzt.
Hans-Martin Luge, Orgelbaumeister

Im Orgelgeschoss des Turms fühlt sich der Besucher zwischen einer Unzahl von Pfeifen geradezu eingekeilt. Luge wundert das nicht. „Die neugotischen Kirchen des 19. Jahrhunderts sind Adaptionen der gotischen Kirchen des Mittelalters“, sagt er. „Im Mittelalter spielte die Orgel im Gegensatz zur Neuzeit aber als Kircheninstrument eine nur untergeordnete Rolle. Es gab in der Regel nur kleine Schwalbennestorgeln. Aus diesem Grund haben die Architekten des 19. Jahrhunderts sich nicht wirklich mit dem Thema Orgel auseinandergesetzt.“

Das hatte in Bühl Folgen. 1895 schuf Wilhelm Schwarz aus Überlingen die erste Orgel für die neugotische Kirche St. Peter und Paul, die 1872 bis 1877 nach einem Entwurf des Baden-Baden Bezirksbauinspektors Karl Dernfeld entstanden war. Der Turm des für die damalige badische Kleinstadt gewaltigen Sakralbaus orientierte sich am Vorbild des Freiburger Münsterturms. Im Turmgeschoss über dem Hauptportal schuf Dernfeld nach Freiburger Vorbild ein riesiges Maßwerkfenster. Das behinderte aber den Einbau einer Orgel auf der Orgelempore, die Dernfeld wiederum eigens für diesen Zweck geplant hatte.

Die tiefen Pfeifen sind aus Holz. Im Hintergrund ist das große Maßwerkfenster zum Marktplatz zu sehen. Foto: Ulrich Coenen

Die Lösung, die Wilhelm Schwar fand, war architektonisch, aber nicht musikalisch befriedigend. Die großen Pfeifen waren rechts und links des Fensters angeordnet, der Blick vom Chor zum Maßwerkfenster blieb frei. Und auch die Morgensonne aus dem Schwarzwald konnte ungehindert in Richtung Altar einfallen. Davon hatten aber nur der Pfarrer und die Messdiener etwas. Der Blick war nämlich auch bei dieser ersten Orgel nur unbeeinträchtigt, wenn man direkt vom Altar Richtung Turmfenster blickte. Wer diesen Blick vom Querhaus oder den Seitenschiffen aus wagte, wurde bereits durch die hohen seitlichen Pfeifen behindert.

„Diese Orgel mit ihren 22 Registern war zu klein, um das große Kirchenschiff klanglich zu füllen“, sagt Luge. „Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg abgebaut. Ihr Prospekt blieb in der Kirche in Gamshurst erhalten.“

Blick von ganz oben. Wer die Schwarz-Orgel erklimmen will, sollte schwindelfrei sein. Foto: Ulrich Coenen

Der heutige Standort der 1976 als Ersatz für die Schwarz-Orgel im südlichen Querhausarm eingebauten Rieger-Orgel wäre nach Ansicht des Orgelbaumeisters sowohl im späten 19. als auch im frühen 20. Jahrhundert gesellschaftlich nicht denkbar gewesen. Die Orgel gehörte ebenso wie der Kirchenchor auf die Orgelempore, wo sie laut Luge in einer gewissen Konkurrenz zueinander standen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Sänger Platz benötigten und damit den Raum für den Bau der Orgel zusätzlich einschränkten. Dass der Kirchenchor – wie heute selbstverständlich – im Chor der Kirche Aufstellung nimmt, sei damals nicht möglich gewesen.

Die neobarocke Orgel der Firma Rieger aus Schwarzach in Vorarlberg hat 47 Register. Sie wirkt größer als die Schwarzorgel, weil sie in ihrer Gesamtheit für den Kirchenbesucher sichtbar ist. Tatsächlich ist sie deutlich kleiner. „Und auch sonst ist sie ein völliges Gegenstück der Schwarz-Orgel“, erklärt Luge.

Mit 68 Registern einst die größte Orgel der Erzdiözese Freiburg

Und wie ist der Zustand des historischen Instruments? „Man kann die Orgel noch einschalten, und es tut sich auch etwas“, sagt Hans-Martin Luge. „Damit deutet sie an, dass man sie restaurieren kann.“ Dieser Aufwand lohnt sich nach Meinung des Orgelbaumeisters. „Die Bühler Schwarz-Orgel war mit ihren 68 Registern 1928 die größte in der Erzdiözese Freiburg“, sagt Luge. „Sie ist größer als die Orgel in St. Blasien.“ Gleichzeitig ist sie die letzte pneumatische Großorgel im Bistum und entstand zu einer Zeit, als elektrische Orgeln längst üblich waren.

Nicht dicht: Durch das Maßwerkfenster dringt der Schlagregen und beschädigt die Schwarz-Orgel. Foto: Ulrich Coenen

Die Schwarz-Orgel besitzt mehrere tausend Pfeifen, von denen die tiefen aus Holz sind. Ventile, Membranen und Keilbälkchen sind seit der letzten Sanierung 1948 in die Jahre gekommen. „Unzählige Teile aus Spaltleder fehlen oder sind brüchig geworden“, berichtet der Orgelbaumeister. „Diese Teile sind sehr fein und sie unterliegen dem Verschleiß durch die Luft“

Extrem eng und dunkel: SO sieht der Raum zwischen Prospekt und Maßwerkfenster aus. Foto: Ulrich Coenen

Die Orgeln des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurden nach Auskunft des Experten nicht gebaut, um 100 Jahre durchzuhalten oder möglichst wenig anfällig für Reparaturen zu sein. Vielmehr sei es um den Klangkörper gegangen. „Die Bühler Schwarz-Orgel hat eine romantische Ausrichtung“, sagt Luge. Für den Bau von Instrumenten dieser Größe spielte nach seiner Ansicht der Nationalismus nach der deutschen Reichsgründung 1871 eine erhebliche Rolle. Der sei nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Verlust des Elsass gerade in Baden nicht kleiner geworden. Dies erkläre den Bau der gewaltigen Schwarz-Orgel in Bühl, hinter der auch großes Pathos stehe.

Probleme gibt es, weil der Orgelbauer, der in Zusammenarbeit mit Matz & Luge den Spieltisch restaurieren sollte, kürzlich Insolvenz angemeldet hat. Das war für die beiden Rheinmünsteraner Orgelbaumeister ein Schock. Es gibt nur 150 Betriebe in ganz Deutschland. „Wir haben aber inzwischen einen anderen Kollegen gefunden“, sagt Luge.

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