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Mit 81 Jahren

Seit über 60 Jahren fährt „Mähdrescher-Karle“ aus Moos zur Ernte nach Stetten am kalten Markt

Man kennt ihn, den „Mähdrescher-Karle“ aus Moos. Der heute 81-jährige Lohnunternehmer fährt bereits seit über sechs Jahrzehnten mit seiner Maschine über 170 Kilometer zur Ernte auf die Schwäbische Alb.

Von Moos auf die Schwäbische Alb: Karl Grass braucht für die 170 Kilometer etwa acht Stunden mit seinem Mähdrescher. Foto: Ingbert Ruschmann

„Natürlich ist da jede Menge Herzblut dabei“, sagt Karl Grass aus dem Bühler Stadtteil Moos mit Blick auf seine langjährige Treue als Lohnunternehmer zu den Landwirten in Stetten am kalten Markt.

Dort fährt der 81-jährige Rentner mit seinem Mähdrescher seit mehr als 60 Jahren die Getreideernte ein. Auch wenn manche Erntezeiten von ungünstigen Witterungen und zeitlichen Verzögerungen geprägt waren, möchte er die Zeit in der oberschwäbischen Gemeinde nicht missen.

„Im Lauf der Jahre sind da echte Freundschaften entstanden“, konstatiert er mit Blick auf die auch außerhalb der Saison bestehenden engen Kontakte zu den Einheimischen. „Ich lasse mich da auch unterm Jahr immer mal wieder blicken“, erzählt der dort als „Mähdrescher-Karle“ bekannte Gast schmunzelnd.

Mit 81 Jahren sitzt Karl Grass noch immer gern am Steuer seiner Mähdrescher

Während die meisten Menschen über 80 schon lange die Vorzüge des Rentnerdaseins genießen, sitzt Karl Grass immer noch gern am Steuer seiner Mähdrescher.

Ist die Erntezeit in der mittelbadischen Rheinebene vorbei, packt er schon seit 61 Jahren regelmäßig seine Sachen und steuert seine 205 PS starke Erntemaschine von Moos hinauf auf die Schwäbische Alb, wo das Getreide wegen der im Vergleich zur Rheinebene ungünstigeren klimatischen Verhältnisse länger zum Reifen benötigt und die Ernte deshalb zeitlich um Wochen später als in Grass‘ mittelbadischer Heimat beginnt.

In all den Jahren habe ich keine einzige Ernte verpasst.
Karl Grass, Lohnunternehmer

Etwa acht Stunden braucht er mit seinem auf den Straßen eher als Hindernis wahrgenommenen Gefährt, bis er die gut 160 Kilometer Wegstrecke und etwa 700 Höhenmeter von Moos bis in die als Bundeswehrstandort bekannte Kommune zurückgelegt hat. „In all den Jahren habe ich keine einzige Ernte verpasst“, erklärt der rüstige Rentner stolz.

„Mähdrescher-Karle“ fährt auch wegen der Freundschaft jährlich auf den Heuberg

Abgesehen von dem harten Wettbewerb unter Lohnunternehmern, der auch bei einem nur einmaligen Ausfall schnell den endgültigen Verlust des Auftrags bedeuten kann, habe ihn die gewachsene Freundschaft zur seinen Mähdrescher-Kollegen Martin Straub und Siegbert Schetter jedes Jahr aufs Neue zum Dreschen auf den Heuberg gezogen.

Karl Grass ist mit dem Dreschen von Körnerfrüchten groß geworden. Schon mit sieben Jahren war er dabei, als sein Vater, Josef Grass, für die Bauern im Dorf als Lohndrescher mit seiner stationären Maschine tätig war. Damals hatten die Bauern ihr von Hand abgemähtes Getreide noch in Büschel zusammengefasst und es zur stationären Dreschmaschine gebracht, mit der Stroh, Spreu und Körner voneinander getrennt wurden. Im Jahr 1957 stand der erste Mähdrescher auf dem Hof der Familie Grass.

Jetzt war das Mähen und Dreschen in einem automatisierten Arbeitsgang auf den jeweiligen Feldern der Landwirte möglich. „Da hatte ich aber wegen meiner Lehre beim Vimbucher Autohaus Friedmann noch keine Zeit für solch zeitraubende Drescheinsätze “, blickt Grass schmunzelnd zurück.

1960 kam Karl Grass erstmals nach Stetten auf den kalten Markt

Seine Bekanntschaft zu Fritz Wacker aus Lichtenau führte ihn 1960 mit dem Mähdrescher des Vaters zum ersten Mal hinauf nach Stetten am kalten Markt. Schon im zweiten Jahr kaufte er eine eigene Maschine. Anfangs noch in der angrenzenden Gemeinde Schwenningen unterwegs, gehören bis heute die teils nahe des Truppenübungsplatzes der Bundeswehr gelegenen Felder zu den Einsatzorten für seinen großen, manchmal aber auch reparaturanfällige Mähdrescher.

„Es ist halt ein sehr komplexes Gerät, das zahlreiche Vorgänge in seinem Arbeitsprozess vereint“, sagt der Mooser, dessen technisches Geschick und seine langjährige berufliche Tätigkeit als Mechaniker schon oft bei der Behebung kleinerer und größerer Maschinenschäden noch auf dem Feld geholfen hätten, wie er ergänzt.

Das sind Erinnerungen, die werden immer in meinem Herzen sein.
Karl Grass, Lohnunternehmer

Als „legendär“ bezeichnet Karl Grass die in früheren Jahren oftmals abgehaltenen Sausen im Stettener Gasthof „Zur Linde“, die er mit seinem Kumpel, Fritz Wacker, und dem damaligen Lindenwirt, Hans Graf Senior („Eine echte Stimmungskanone“), fast jeden Abend veranstaltet habe. „Das sind Erinnerungen, die werden immer in meinem Herzen sein“, resümiert er ein bisschen wehmütig.

Die Gemeinde im Landkreis Sigmarigen – das wird im Gespräch mit dem unternehmungslustigen Rentner deutlich – ist für Karl Grass zu einer zweiten Heimat geworden. „Immer wenn mich der Rappel packt, fahr ich halt mal kurz hin“, erzählt er mit einem verschmitzten Grinsen und mit ein wenig Stolz darüber, dass ihm die Menschen oft zuwinken, wenn er mit dem Auto durch den Ort fährt. Man kennt ihn halt hier, den „Mähdrescher-Karle“ aus Moos.

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