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Dialekt als Fremdsprache

Tag der Muttersprache: Wie verständigt sich eine Texanerin in Eisental?

Am 21. Februar ist der Tag der Muttersprache. Wie aber ist das, wenn man in einem fremden Land lebt, an einem Ort, dessen Bewohner Dialekt sprechen? Keren Pickard weiß es. Die Texanerin lebt mit ihrer Familie in Bühl-Eisental, engagiert sich im Ort und ist manchmal immer noch fix und fertig.

Unterwegs in Eisental: Die Texanerin Keren Pickard weiß um die vor allem anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten, und noch heute ist sie manchmal „fix und fertig“. Foto: Nicole Dilzer

Wir können alles – außer Hochdeutsch: Für Keren Pickard ist das ein geradezu genialer Spruch. Dass er auch zutrifft, das mag die US-Amerikanerin aber nicht sagen, diplomatisch fügt sie an: „Ich sehe es den Leuten ja nicht an, wo sie herkommen.“ Und lacht, zum ersten, aber beileibe nicht zum letzten Mal während des Gesprächs, dessen Thema die deutsche Sprache ist, genauer: die in Eisental gesprochene Mundart.

Der 21. Februar ist der Tag der Muttersprache. Wie aber ist es, in einem fremden Land zu leben, an einem Ort, dessen Bewohner Dialekt oder zumindest ein Deutsch mit starker regionaler Färbung sprechen?

Einfach sei das nicht, weiß Pickard, vor allem nicht in der Anfangszeit. Dass sie sprachversessen ist, war eine Hilfe. Sie stammt aus Texas und studierte an der Louisiana State University in Baton Rouge. Im Studiengang Übersetzerin und Dolmetscherin kam sie als Austauschstudentin im Jahr 2000 an die Außenstelle Germersheim der Universität Mainz. „Ich wollte mein nicht vorhandenes Deutsch aufbessern“, lacht sie wieder.

Ganz so schlimm war es wohl nicht, denn schon mit elf Jahren hatte sie den ersten Deutsch-Kurs belegt: „Ich habe keinerlei deutsche Vorfahren, aber von klein auf ein Herz für Deutschland und die deutsche Sprache. Mir schien immer klar gewesen zu sein, dass mich mein Weg nach Deutschland führen würde.“

Am Anfang nur Bahnhof

Von der Pfalz ging es zunächst nach Neusatz und Ende 2012 nach Eisental – und hier verstand Pickard zunächst nur Bahnhof: „Ich stand mit ein paar Frauen zusammen. Was da geredet wurde, habe ich höchstens zur Hälfte mitbekommen. Man muss sich da erst reinfinden.“

Die beiden Kinder, damals noch im Kindergartenalter, wuchsen ganz selbstverständlich zweisprachig auf. Die Mutter begreift Deutsch bis heute als linguistische Herausforderung, nicht als Barriere. Sprache ist auch beruflich ihr Ding – Pickard arbeitet als Motivationsrednerin, Business Coach und Mutcoach, wie sie sich selbst bezeichnet: „Den Menschen fehlt es oft nicht an Kenntnissen, sondern am Mut. Ich helfe ihnen beispielsweise bei der Vorbereitung ihrer ersten großen Rede, mache mit ihnen den ersten Schritt. Die nächsten kommen dann ganz von alleine.“

Sich in Eisental einzubringen, war für sie geradezu selbstverständlich und verbesserte auch die Verständigung. „Bei einer Bürgerversammlung im Jahr 2016, in der es um die Zukunft des ‚Weinbergs‘ und die Flüchtlingsunterbringung ging, da musste ich meine Stimme erheben, wir sind in der Flüchtlingshilfe aktiv. Schon am Tag darauf klingelte Heinz Oser und fragte, ob ich im Heimatverein mitmachen wollte.“ Bald darauf war sie Beisitzerin.

Ein großes Stück Kultur

So engagiert sich eine Texanerin für die Eisentäler Heimat. Und zu der gehört der Dialekt, den Pickard als großes Stück Kultur begreift. „Ja, die Eisetäler schwätze scho breit“, meint sie, bei der Vorstandssitzung oder auch in der Pilates-Stunde des Turnvereins habe sie schon mal einige Mühe, den Ausführungen zu folgen: „Nach zwei Stunden konzentrierten Zuhörens bin ich fix und fertig. Die schwätze halt ganz normal.“

Das will sie auch gar nicht anders, sie saugt Stimmen und Akzente auf, weil es ihr Spaß macht, sie nachzuahmen, und sie hat längst auch einige Dialektausdrücke drauf, das Allzweck-Wörtchen ebbes etwa. Nur manchmal, da schaut sie doch ganz genau hin, wo sie sich hinsetzt: „Beim Vereinsessen suche ich mir einen Nachbarn, mit dem ich mich gut unterhalten kann. Sonst kann der Abend sehr anstrengend werden.“

Verständnisschwierigkeiten können aber auch jene erleben, die annehmen, dieselbe Sprache zu sprechen. Als die Schwiegereltern nach Eisental gezogen waren und die Schwiegermutter zur Seniorengemeinschaft ging, habe sie zunächst kaum etwas verstanden – sie waren aus Remscheid gekommen. Am Ende sei aber nicht die Sprache entscheidend: „Die Menschen hier sind locker und freundlich, das ist das Wichtigste.“

Und längst weiß sie auch um andere Spielarten des Deutschen, das Wort Unarten träfe es aus ihrer Sicht besser: „Der Papierkram von Ämtern, das ist noch mal etwas ganz anderes.“ Von Bürokratiedeutsch spricht Pickard und lacht wieder: „Dann doch lieber Eisentälerisch.“

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