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Leiter des Gesundheitsamts

Zwangssterilisierung im Dritten Reich: Bühler Mediziner klagt über „Hetze“

Die Bevölkerung wusste über die Zwangssterilisierungen im Dritten Reich Bescheid. Ihre Kritik wertet der Leiter des Bühler Gesundheitsamts als „Hetze“.

Historisches Bild einer Straße.
Die Gartenstraße in Bühl war der Sitz des Gesundheitsamts. Das Bild ist in den 1930er Jahren entstanden. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Hat Walter Moog eine andere Möglichkeit, als nach den Untersuchungen den Antrag auf eine Sterilisation zu unterstützen? Ja. Der Fall eines taubstummen Mannes belegt es. Der Bühlertäler Bürgermeister Karl Fauth bittet darum, von einer Unfruchtbarmachung abzusehen, worauf sich Moog dieser Auffassung anschließt. Die Zwangssterilisierung bleibt aus. Doch ist das wohl eine Ausnahme.

Das Verfahren zur Umsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses verpflichtet die beteiligten Personen zur Verschwiegenheit. In einem Schreiben vom Juli 1935 weist Moog auf die „Hetze“ in der Bevölkerung gegen dieses Gesetz hin und ermahnt das Bürgermeisteramt Bühlertal, äußerste Aufmerksamkeit walten zu lassen. Offene oder versteckte Agitation gegen das Gesetz oder Fälle von Aufwiegelung der Bevölkerung sollen dem Gesundheitsamt unverzüglich mitgeteilt werden: „Bei dieser Gelegenheit mache ich darauf aufmerksam, dass das Gesundheitsamt mit peinlichster Sorgfalt jede Meldung über Erbkranke, mag sie herkommen wo sie will, geheim hält. Die Bevölkerung neigt in letzter Zeit immer mehr dazu, insbesondere die Herren Bürgermeister, das Gesundheitsamt wegen den Meldungen zu bezichtigen. Ich ersuche auch die Gelegenheit wahrzunehmen und die Herren Oberlehrer im gleichen Sinne zu unterrichten, da auch gegen die Schulen Sturm gelaufen wird.“

In Bühl geht eine Warnung um

Ganz offensichtlich ist den Menschen bewusst, was die Nazis und ihre Gehilfen in Weiß tun. Dafür spricht auch eine geläufige Warnung: „Wenn du zweimal sitzen bleibst, kommst du zum Dertinger“. Karl Dertinger ist Arzt am Krankenhaus in Bühl und nimmt dort die Sterilisierungen vor.

Walter Moog stellte bei seiner Tätigkeit „Ehetauglichkeitszeugnisse“ für Brautpaare sowie Leumundszeugnisse für den Erhalt eines Ehestandsdarlehens und Sippentafeln aus. Als Bezirksarzt begutachtet er zudem Insassen der Kreispflegeanstalt Hub. Im Fall von Elise L. (61 Jahre alt, ledig) schreibt er am 22. August 1928: „Bei der Elise L. handelt es sich um eine altersschwache Person, welche Gehörtäuschungen hat und den Drang, fortzugehen. Sie befindet sich in einer euphorischen Stimmungslage mit läppischem Lachen und zeigt auch eine motorische Unruhe. Sie duldet nicht, dass das Fenster im Zimmer geöffnet wird, wodurch eine furchtbare Luft in dem für ihren Aufenthalt bestimmten Zimmer vorgefunden wird. Psychiatrische Behandlung benötigt sie nicht. Sie ist zur Aufnahme in die Kreispflegeanstalt Hub geeignet.“ Elise L. wird am 19. Juni 1940 mit weiteren 75 Insassen der Huber Anstalt nach Grafeneck gebracht und dort ermordet.

Historisches Bild eines Mannes mit Krawatte
Walter Moog war der Leiter des Bühler Gesundheitsamts. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Politisch betätigt sich Moog zunächst als Mitglied der nationalliberalen Deutschen Volkspartei und ist von 1920 bis 1922 Bezirksvorsitzender in Emmendingen. 1929 trat er aus der DVP aus. Beim Beginn des NS-Regimes tritt er in den Frontsoldatenbund „Stahlhelm“ ein und ist ab Oktober 1933 Sturmbannarzt innerhalb der SA. Am 1. Mai 1937 erfolgte sein Eintritt in die NSDAP und als Mitglied der SS wird er am 7. September 1939 zum Obersturmführer (vergleichbar mit einem Oberleutnant beim Militär) ernannt. In der NSDAP bekleidet er das Amt des Kreisamtsleiters des Amtes für Volksgesundheit.

Seinen Sitz hat er als Leiter des Gesundheitsamts in der Gartenstraße. Das Gebäude ist im Januar 1936 seiner Bestimmung übergeben worden. Die Hoheitsträger der NSDAP feiern das Gesundheitsamt als eine „Kraftzentrale“, die „dafür sorge, daß kein Atom von der Volkskraft verloren gehe. Die rassische Gesundheit eines Volkes zu erhalten, sei die heiligste Aufgabe eines Staates…Das Dritte Reich Adolf Hitlers habe diese Aufgabe klar erkannt und ihre Verwirklichung ohne Verzug in Angriff genommen.“

1938 ist in Bühl eine Ausstellung des Rassenpolitischen Amtes zu sehen. Bei alledem ist Moog in zentraler Stelle dabei. Das lässt den Schluss zu, dass der Mediziner die nationalsozialistische Rassenpolitik voll und ganz unterstützt und Fälle wie der des taubstummen Mannes aus Bühlertal eine Ausnahme bilden.

Zur Serie

Zwangssterilisierungen waren eines der zahlreichen Verbrechen der Nationalsozialisten. Bei der Umsetzung der Rassenpolitik ab 1933 spielten dabei auch Mediziner in den Städten und Gemeinden eine Rolle. In Bühl war dies unter anderem Walter Moog, der Leiter des Gesundheitsamts. Diese Serie beleuchtet nicht nur seine Tätigkeit zwischen 1933 und 1945, sondern stellt auch die Frage, wie es mit ihm nach dem Ende des Dritten Reiches weiterging.

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