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Pilotprojekt im Naturpark Schwarzwald

Ein Jahr „Wilde Sau”: Warum Wildschweinfleisch nicht nur für Asterix und Obelix interessant ist

Wildschweinfleisch ist nicht sehr populär – zu Unrecht, finden die Organisatoren des Naturpark-Projekts „Wilde Sau”. Ihr Ziel: Das Image von Obelix’ Leibspeise aufbessern und das Fleisch besser vermarkten – auch weil es zu viele Wildschweine gibt.

Reichlich vertreten: Auch im Schwarzwald gibt es zu viele Wildschweine. Ihr Fleisch soll durch das Projekt besser vermarktet werden. Foto: Bernd Settnik/dpa

Wenn Asterix und Obelix nach einem Abenteuer zurückkehren, gibt es traditionell ein Festbankett, bei dem eine Spezialität im Zentrum steht: gegrilltes Wildschwein. Außerhalb des kleinen gallischen Dorfes ist die Leibspeise der Comic-Helden jedoch längst nicht so populär. Hierzulande trauen sich viele Verbraucher nicht an Wildschweinfleisch heran. Die Folge: In der Schwarzwald-Region gibt es zu viele Wildschweine, die immer öfter aus dem Wald drängen, Felder umgraben und Gärten verwüsten.

Eine Kampagne des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord soll dem entgegenwirken. „Wilde Sau” heißt das dreijährige Pilotprojekt, das den Verzehr heimischen Wildschweins ankurbeln soll.

„Unser Hauptaugenmerk liegt auf der besseren Vermarktung regionaler Produkte”, sagt Naturpark-Geschäftsführer Karl-Heinz Dunker. Das bedeutet: Einerseits sollen die Leute umfassend über Wildschweine informiert werden, quasi den Weg vom Wald bis auf den Teller nachvollziehen können. Andererseits geht es darum, Jäger, Metzger und Gastronomen zu vernetzen, ihnen Möglichkeiten des Vertriebs und der Zubereitung aufzuzeigen.

Pilotprojekt wird vom Land Baden-Württemberg gefördert

Aktionswochen mit Wildgerichten, Koch- und Grillkurse oder auch Pirschgänge mit Jägern sollen das Thema bekannter machen. Das Projekt läuft seit Juli 2019 und wird mit 246.000 Euro vom Land gefördert.

„Die Tiere vermehren sich rasant, auch weil die Winter wärmer sind als früher”, erklärt Uwe Baumann, der Projektleiter von „Wilde Sau”. Bis zu acht Frischlinge bringt eine Wildsau zur Welt. Diese können sich innerhalb eines Jahres wiederum vermehren. Zu viele Tiere sind ein Risiko – auch wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Die Krankheit ist für den Menschen ungefährlich, endet für Wild- und Hausschweine aber fast immer tödlich.

Auch in Grillkursen des Naturparks dreht sich alles um das Wildschweinfleisch. Foto: Bianca Brosch

Ein Ausbruch wäre gerade für Landwirte katastrophal. Bisher gibt es in Deutschland keinen bestätigten Fall, wohl aber im Nachbarland Polen. Nach Angaben des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit haben sich dort in diesem Jahr (Stand 20. August) bisher rund 3.000 Wildschweine mit ASP infiziert.

Wildschweine sind sehr schlau und deshalb schwer zu schießen.
Uwe Baumann, Projektleiter

Um die Gefahr zu verringern, müsste mehr geschossen werden. Doch das ist leichter gesagt als getan, weiß Uwe Baumann. „Wildschweine sind sehr schlau und deshalb schwer zu schießen.” Ein Jäger habe ihm einmal berichtet, dass sich die Tiere sogar das Geräusch beim Zuschlagen der Autotür merken konnten. „Der Mann ist dann das nächste Mal extra mit dem Auto seiner Frau in den Wald gefahren”, erzählt Baumann lachend.

Wildschweine werden auf Radioaktivität untersucht

Doch nicht nur klug seien die Wildschweine, sondern auch von Natur aus Bio und obendrein „ziemlich lecker”. Die Abneigung mancher Menschen gegen das Fleisch der Schwarzkittel kann sich Baumann nur mit schlechten Erfahrungen aus vergangenen Zeiten erklären, als man es mit der Hygiene nicht allzu ernst nahm.

„Da wurde das Schwein oft direkt im Wald ausgenommen”, erzählt er. Heute gebe es strengere Kontrollen – übrigens auch auf Cäsium 137. Der radioaktive Stoff hat sich nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in den Wäldern abgelagert. Über die Nahrung wird er auch von Wildschweinen aufgenommen. Wird der Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm Fleisch überschritten, darf es nicht in den Handel. In der Schwarzwald-Region sind solche Werte jedoch eher unwahrscheinlich.

Wer Schwein isst, der muss auf jeden Fall Wildschwein probieren.
Tom Stolz, Naturpark-Wirt

Der Genuss sei daher unbedenklich, betont Tom Stolz, der mit seinem Restaurant Wolpertinger in Baden-Baden zu den Naturpark-Wirten gehört und selbst jagt. „Aus Wildschwein kann man nicht nur Gulasch oder Bratwurst machen, sondern auch Schnitzel, Burger oder Spaghetti Bolognese.” Für ihn ist klar: „Wer Schwein isst, der muss auf jeden Fall Wildschwein probieren.” Inzwischen sei die Nachfrage seiner Gäste nach Wild größer.

Bei den Aktionswochen werden allerlei Wildschwein-Spezialitäten vorgestellt. Foto: Bianca Brosch

Ein Verdienst der „Wilde-Sau”-Aktion, mit der die Organisatoren bisher sehr zufrieden sind – trotz Corona. „Es ist bereits gelungen, das Image des Wildschweinfleischs zu verbessern”, sagt Naturpark-Chef Dunker. Kochkurse waren ausgebucht, Marktstände mit Wildschwein-Spezialitäten leergegessen. „Asterix- und Obelix-Lust” nennt es Uwe Baumann. Die soll jetzt noch weiter gefördert werden: mit den Aktionswochen im Herbst, einem Shop mit Merchandising-Artikeln und einem YouTube-Kanal, um auch jüngere Leser „auf die Sau” zu bringen.

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