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In Bühl und Ettlingen sorgen belastete Straßennamen für Diskussionen

Alban Stolz, Bismarck, Hindenburg: Heikle Straßennamen gibt es auch in Gaggenau

In Bühl und Ettlingen sorgen historisch belastete Straßennamen für Diskussionen. Während die Umbenennung der Alban-Stolz-Straße in Bühl bereits seit einiger Zeit diskutiert wird, ist die Kritik an der Mohrenstraße in Ettlingen erst vor kurzem laut geworden. In Gaggenau ist es derweil seltsam ruhig - denn auch dort finden sich durchaus fragwürdige Bezeichnungen.

Zwei umstrittene Namen am selben Mast: Einst geehrt, sind sowohl Paul von Hindenburg als auch Alban Stolz mittlerweile in die Kritik geraten. Die Stadt Gaggenau hat die Hindenburgstraße auf Betreiben des „Arbeitskreises Gedenken” mit einer historischen Einordnung versehen. Die Alban-Stolz-Straße ist bislang unkommentiert. Foto: Christiane Widmann

In Ettlingen und Berlin ist es die „Mohrenstraße”, in Offenbach die „Bismarckstraße”, in Bühl die „Alban-Stolz-Straße”: Vielerorts stehen Straßennamen in der Kritik. Mal geht es um Rassismus, mal um die Sünden der Kolonialzeit oder Antisemitismus. In Gaggenau hingegen herrscht Ruhe. Derzeit sind weder Umbenennungen noch Hinweisschilder im Gespräch, bestätigt die Stadtverwaltung. Dabei hat ein Lokalhistoriker schon vor Jahren eine Debatte über heikle Straßennamen angestoßen - darunter auch die Alban-Stolz-Straße im Stadtteil Bad Rotenfels.

Ulrich Behne heißt der Heimatforscher, ein pensionierter Geschichtslehrer. Seiner Erfahrung nach ist die Stadtverwaltung durchaus offen, sich mit strittigen Straßennamen auseinanderzusetzen. Er hat die Neubenennung der Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße angeregt und den Anstoß für drei Informationstafeln zur Hindenburgstraße gegeben. Dank dem Einsatz seines „Arbeitskreis Gedenken” erinnert die einstige Bruchgrabenstraße seit 2018 an einen engagierten jüdischen Arzt, der 1938 brutal verprügelt und aus Gaggenau vertrieben wurde. Seit 2019 weisen die Tafeln auf Paul von Hindenburgs Kriegsverbrechen und dessen Rolle bei Adolf Hitlers Aufstieg zum Reichskanzler hin.

Jahnstraße, Körnerstraße, Otto-Flake-Weg: drei Beispiele fragwürdiger Bezeichnungen

Doch Alban Stolz bleib unverändert und unkommentiert. Die Straße sei vor einigen Jahren in der Diskussion gewesen, sagt die Gaggenauer Stadtsprecherin Judith Feuerer. Das Thema sei jedoch nicht weiter verfolgt worden, „da keine Änderungswünsche vorlagen”. Weitere Fälle seien der Stadt nicht bekannt.

Behne hingegen fallen einige Straßenbezeichnungen ein, denen zumindest eine Infotafel gut tun würde. 2017 hat er für eine BNN-Serie eine Auswahl fragwürdiger Namen recherchiert. Ausgangspunkt waren die Ergebnisse einer Expertenkommission in Freiburg. Diese hatte sich drei Jahre lang mit Straßennamen auseinandergesetzt und Umbenennungen sowie Erläuterungen empfohlen.

Ulrich Behne thematisierte unter anderem die fremdenfeindlichen und kriegerischen Seiten des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn (1778 bis 1852, Jahnstraße, Jahnhalle und Jahnplatz) sowie dessen Sehnsucht nach einem „reinen Volk”.

Er schrieb auch von den hasserfüllten Kriegsliedern des Dichters Theodor Körner (1791 bis 1813, Körnerstraße), dessen Werk unter anderem vom NS-Regime vereinnahmt wurde. Auch die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung griff dessen Verse auf. Dasselbe gilt für den in der AfD entstandenen „Flügel”, der mittlerweile als rechtsextrem eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Auch Otto Flake (1880 bis 1963, Otto-Flake-Weg) hätte einen Platz in der Serie verdient, sagt Behne rückblickend. Er gehörte zu den 88 Schriftstellern, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft” gegenüber Reichskanzler Adolf Hitler unterzeichneten. Dieses ging von der Preußischen Akademie der Künste aus. Es sollte der Regierung öffentlichkeitswirksam den Rücken stärken.

Eine Straße in Gaggenau ist nach Otto von Bismarck benannt. Berühmt ist er unter anderem für die Einführung von Sozialversicherungen, darunter die gesetzliche Krankenversicherung. Doch er ist auch umstritten. Kritik gilt etwa seiner Rolle bei der Kolonialisierung Afrikas. Foto: Christiane Widmann

Die Bismarckstraße ist nicht in Behnes Serie aufgetaucht, sorgt aber in Offenbach für Diskussionen. Ein Student hat vor wenigen Wochen eine Online-Petition für eine Umbenennung gestartet. Einem Medienbericht zufolge geht es ihm um die Rolle Otto von Bismarcks (1815-1898) bei der Kolonisierung Afrikas. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessen und Strukturen der afrikanischen Bevölkerung wirkte weit über die Kolonialzeit hinaus.

Man will seinen Briefkopf nicht ändern.
Ulrich Behne, Lokalhistoriker aus Gaggenau

„Man sollte ruhig erklären, ein kleines Schild anhängen“, sagt Ulrich Behne. Zu einigen Namen könnte er in problemlos Textentwürfe schreiben. Doch es braucht einen Schub aus der Bevölkerung: „Das muss von Bürgern ausgehen.“

Das Problem: „Die Leute wollen keine Veränderungen machen. Man will seinen Briefkopf nicht ändern.” Das hat der Historiker bereits bei der Diskussion über die Hindenburgstraße erlebt. Er hatte sich ursprünglich eine Umbenennung gewünscht, doch die Adressänderung für die rund 350 Anwohner wog schwerer als die Last der Geschichte.

Ergänzung an der Informationstafel zu Alban Stolz könnte ein Anfang sein

Im Fall von Alban Stolz (1808 bis 1883) gibt es bereits eine Informationstafel an der Laurentiuskirche in Bad Rotenfels. Dort ist der Bühler für seinen Einsatz während einer Typhus-Epidemie in guter Erinnerung geblieben. Er war damals Kaplan in der Rotenfelser Pfarrei. Doch Behne beschreibt ihn als „eine gebrochene Persönlichkeit“, geplagt von Schwermut und Ängsten, getragen von einem starren Weltbild. Der katholische Theologe hat einen heftigen Hass auf Juden gepflegt und diesen später als Volksschriftsteller verbreitet. Durch seine „Kalender für Zeit und Ewigkeit“, die in vielen Auflagen erschienen sind, hatte er einen großen Wirkungsbereich.

Auf dem Schild der Rotenfels-Rundwege ist von diesen Schattenseiten jedoch nichts zu lesen. Ulrich Behne erneuert deshalb seinen Vorschlag, zumindest in einem Nebensatz zu ergänzen: „Er war ein erfolgreicher Volksschriftsteller, dessen Werk jedoch bedenkliche antisemitische Züge aufweist.”

Keine Spur von Judenhass: Auf dem Informationsschild an der Laurentiuskirche in Gaggenau ist bislang von Alban Stolz’ Leben und Wirken zu lesen, aber nicht von seinen antisemitischen Schriften. Ulrich Behne schlägt vor, es zumindest um einen entsprechenden Nebensatz zu ergänzen. Foto: Christiane Widmann

Aus Sicht des zuständigen Vereins für Kultur- und Heimatgeschichte Bad Rotenfels ist die Ergänzung nicht so einfach umsetzbar. Aus der eigenen Tasche sei das nicht zu finanzieren, sagt der Vorsitzende Alexander Fitterer. Die Tafel müsste ganz neu gedruckt werden. Das koste erfahrungsgemäß einen dreistelligen Betrag. Ohne Spenden geht das nicht: Der Verein lebt im Wesentlichen von den Mitgliedsbeiträgen. Leichter machbar findet Fitterer eine Ergänzung auf der Homepage und auf neuen Flyern. Das sei allerdings eine Zeitfrage, da in der Vereinsverwaltung nur wenige Aktive mit den notwendigen Computerkenntnissen tätig seien.

Er ist ein verdienter Mensch gewesen für unseren Ort.
Alexander Fitterer, Verein für Kultur- und Heimatgeschichte Bad Rotenfels

Bei seinen Führungen über die Rotenfels-Wege weist Fitterer nach eigener Aussage längst auf die Kritik an Stolz’ Werk hin. „Aber ich sage auch immer dazu, dass er ein verdienter Mensch gewesen ist für unseren Ort. Er war bei der Bevölkerung sehr, sehr beliebt.“ Aus diesem Grund sieht er persönlich auch keinen Bedarf an einer Ergänzung der Infotafel. „Warum sollen wir gegen Leute, die sich verdient gemacht haben, schießen?“ Dabei findet er erläuternde Tafeln durchaus sinnvoll. Ideal fände er Erklärungen an allen Straßenschildern, damit auch Ortsfremde wissen, welche Menschen oder Gewanne sich hinter den Namen verbergen. Die großen Fragen seien jedoch: Wer kümmert sich darum? Wer bezahlt Druck und Montage?

Neue Straßen: Neutral benennen oder an Menschen erinnern?

Eine andere Frage ist, wie neue Straßen benannt werden sollten. Lieber neutral, um keinen Fauxpas zu begehen? Nein, sagt Ulrich Behne. „Dazu sind wir mündige Bürger. Einfacher wär’s, aber ich bin nun mal Historiker.“ Er findet es bedauerlich, wenn Straßen wie im Baugebiet Heil nach Blumen benannt werden statt nach Persönlichkeiten.

Ihm geht es um die Erinnerungsarbeit: Straßennamen stellen sicher, „dass Leute nicht aus dem Gedächtnis verschwinden”. Ingenieure und Unternehmer sind bereits in Gaggenau verewigt, Schulleiter, Bürgermeister. „Mir würden noch mehr einfallen”, sagt Behne. „Es gibt so viele Demokraten, an die man erinnern könnte.“ Matthias Erzberger und Eugen Bolz fallen ihm aus dem Stegreif ein: Mutige Männer, die für ihre Ideale gestorben seien. Er ist sich sicher: Mit einem Arbeitskreis aus Lokalhistorikern und Interessierten könnten viele gute Ideen zusammenkommen.

Auch hierfür könnte die Stadt sich offen zeigen. „Einen lokalen Bezug, der für die Bevölkerung einen Wiedererkennungswert hat, sehen wir gegenüber neutralen Bezeichnungen als vorteilhafter an”, sagt Judith Feuerer zur grundsätzlichen Haltung des Rathauses. „Auf diese Weise wird auch Heimatwissen, Geschichte bewahrt.” Konkrete Namen lokaler Persönlichkeiten seien aktuell nicht auf der Warteliste. „Sie werden in den Prozess der Straßenbenennung eingebracht, wenn sich dies aufgrund der Örtlichkeit anbietet.”

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