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Inklusion durch Sprache

Das Büro für Leichte Sprache in Gaggenau-Ottenau übersetzt komplizierte Texte in einfache Worte

Seit acht Monaten betreibt die Lebenshilfe Rastatt/Murgtal ein Büro für Leichte Sprache. Noch arbeitet das Team in Gaggenau-Ottenau in erster Linie an internen Aufgaben. Doch es hat viel vor.

Svenja Heck hat im Studium ihren Schwerpunkt auf die Leichte Sprache gelegt. Nun ist sie im Gaggenauer Büro für Leichte Sprache für die Übersetzungen und die Prüfgruppe zuständig. Foto: Christiane Widmann

„Wir bringen’s auf den Punkt“: Nach diesem Motto arbeiten Ute Stoll und ihr Team im Büro für Leichte Sprache. Seit Oktober gibt es das Angebot in Gaggenau-Ottenau. Mit Unterstützung der Aktion Mensch hat die Lebenshilfe Rastatt/Murgtal das Büro im Verwaltungstrakt der Murgtal-Werkstätten eingerichtet.

In den vergangenen acht Monaten haben die Inklusionsbeauftragte Ute Stoll und ihre Kollegin Svenja Heck viel Übung darin bekommen, komplizierte Texte in einfache Worte zu übersetzen. Für die Menschen in den Werkstätten und Wohngruppen der Lebenshilfe haben sie sich zum Beispiel Informationen zum Coronavirus und zur Impfung vorgeknöpft. Sie haben auch Verhaltensregeln für Soziale Medien erklärt, hauseigene Projekte beschrieben und Berichte aus Zeitungen zusammengefasst.

Das Ergebnis sind Infoblätter sowie vier Ausgaben einer kleinen Haus-Zeitung. Auf Wunsch der Beschäftigten hat diese mittlerweile sogar einen kurzen Sportteil. „Sie kommt sehr gut an“, sagt Stoll stolz. Doch sie weiß wohl: „Die Zeitung macht sehr viel Arbeit. Wir hoffen, wir können sie beibehalten.“

Inklusionsbeauftragte hofft auf mehr Aufträge

Denn die Frauen haben mit ihrer Arbeit erst an der Oberfläche gekratzt. Allein intern gibt es noch genug zu tun. Das Feld reicht von individuellen Putzplänen für Wohngruppen bis zu übersichtlicheren Lohnabrechnungen. „Das ist ein wahnsinnig dickes Brett“, sagt Stoll.

Eigentlich wollen sie und ihr Team ein noch viel dickeres Brett bohren: Sie wollen für Kommunen und Einrichtungen des öffentlichen Lebens tätig werden. Mit zwei Städten stehen sie bereits im Austausch. Stoll hofft, dass bald mehr Aufträge hinzukommen. Jeder Interessierte könne sich ans Büro wenden und ein Angebot einholen, wirbt sie.

Die Arbeit mit externen Auftraggebern ist ihr wichtig. Verwaltungen, Verbände und Behörden sind gesetzlich verpflichtet, Informationen barrierefrei zugänglich zu machen. Leichte und einfache Sprache sind dafür wichtige Bausteine. Doch auch Arztbriefe, Anwaltsschreiben und Co. würden dadurch verständlicher.

Schreibt so, dass die Menschen da draußen es verstehen!
Ute Stoll, Inklusionsbeauftragte der Lebenshilfe Rastatt/Murgtal

„Es kann nicht alles ersetzt werden, aber vieles“, betont Stoll. „Schreibt so, dass die Menschen da draußen es verstehen!“ Das komme nicht nur Menschen mit Behinderungen zugute, sondern auch Menschen mit Demenz, Leseschwäche oder schlechten Deutschkenntnissen.

Inge Pfeffer arbeitet im Gaggenauer Büro für Leichte Sprache mit einer speziellen Tastatur. Die großen, farbigen Knöpfe helfen ihr als Computer-Neuling dabei, sich besser zurechtzufinden. Foto: Christiane Widmann

„Das Fachchinesisch versteht doch keiner“, bestätigt Inge Pfeffer. Die langjährige Mitarbeiterin der Murgtal-Werkstätten ist seit April Teilzeitkraft im Büro für Leichte Sprache. Sie persönlich tut sich besonders mit Fremdworten schwer, vor allem mit englischen Ausdrücken. Mit unverständlichen Packungsbeilagen macht sie längst kurzen Prozess: „Das fliegt bei mir in die Mülltonne.“ Unübersichtliche Formulare bringen sie ebenfalls manchmal ins Schleudern.

Wenn Pfeffer etwas nicht versteht, versucht sie, sich die Zusammenhänge zu erschließen. Sie lernt gerne dazu. Deshalb musste sie auch nicht lange überlegen, ob sie im Büro mitarbeiten will. „Die Herausforderung hat mich gereizt“, sagt sie. „Die Chance kriegst du nur einmal.“ Nun unterstützt sie Stoll und Heck und lernt, mit dem Computer umzugehen.

Leichte Sprache beinhaltet auch Bilder und Symbole

Zum Team gehören eine weitere Teilzeitkraft sowie ein Prüf-Team aus dem Werkstatt- und Wohnbereich. Die 13 Prüferinnen und Prüfer haben das letzte Wort: „Leicht genug ist es, wenn sie sagen: So ist es gut“, betont Stoll.

Svenja Heck ist diejenige, die die Termine mit den Prüfern vereinbart und die Texte mit ihnen durchgeht. Sie besprechen, ob alle wichtigen Informationen enthalten sind und ob jemand noch über Begriffe stolpert. „Sie achten auch sehr darauf, ob die Piktogramme passen“, berichtet Heck. Die Bilder und Symbole ergänzen die Übersetzungen und dienen gewissermaßen als Ankerpunkte.

Die Optik ist insgesamt sehr wichtig. Gut kommt zum Beispiel der Mediopunkt an. Er unterteilt lange Worte. Deshalb ist in den Infoblättern zum Beispiel von „Impf·stoffen“, „Speise·karten“ oder „Sozialen Netz·werken“ zu lesen. „Auch die Formatierung spielt eine große Rolle“, sagt Stolle. Das Schriftbild, die Abstände und die Gliederung sollen Struktur und Überblick schaffen.

Es macht auch wahnsinnig Spaß.
Inge Pfeffer, Mitarbeiterin im Büro für Leichte Sprache

Am Anfang ist diese Art zu schreiben sehr ungewohnt. Doch „man wird immer schneller mit den Übersetzungen“, sagt Stoll. „Es macht auch wahnsinnig Spaß.“ Die Arbeit zeigt ihr deutlich, wie viel schnörkelloser Sprache sein könnte. „Es kommt in der Leichten Sprache nur auf das Wichtige an.“ Davon könnte man sich auch im Alltag eine Scheibe abschneiden, glaubt Heck: „Wir könnten versuchen, uns einfacher auszudrücken.“

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