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BNN-Serie zur Pflege I

Die Eigenanteile für Pflegeheimbewohner steigen in Gaggenau dramatisch an

Die Eigenanteile für die Bewohner von Pflegeheimen steigen von Jahr zu Jahr kräftig an. Eine Gaggenauer Familie hat ihre Rechnungen der BNN-Redaktion offengelegt: Die im Pflegeheim untergebrachte Mutter muss binnen zwei Jahren monatlich 557 Euro mehr bezahlen: Betrug der Eigenanteil im November 2017 noch 2.028 Euro, so sind seit November 2019 bereits 2.585 Euro monatlich zu zahlen. Hinzu kommen weitere Heimkosten.

Eine große Belastung sind für die Bewohner in Pflegeheimen, aber auch für ihre Angehörigen, die zu leistenden Eigenanteile. Sie werden, wenn politisch nicht gegengesteuert wird, auch künftig stark ansteigen. Foto: Dorscheid

Sie ist ein Dauerthema in der politischen Diskussion: Die Pflege hat viele Facetten. Pflegekräfte kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen, die Einrichtungen um ihre Wirtschaftlichkeit. Zu Pflegende und ihre Angehörige müssen oft hohe Kosten schultern. Die BNN gehen in einer Serie auf verschiedene Aspekte des Themas Pflege ein. Heute geht es um die dramatisch ansteigenden Eigenanteile.

Wenn Maria Müller (Name von der Redaktion geändert) aus Gaggenau die Post aus dem Briefkasten holt und einen Brief der Gaggenauer Altenhilfe herausnimmt, steigt der Blutdruck. „Mit jedem Schreiben zuckt man zusammen“, sagt sie im BNN-Gespräch. Es könnte sich ja um die Ankündigung handeln, dass der Eigenanteil für ihre Mutter erneut steigt – mal wieder, und mal wieder kräftig.

Doppelte Belastung

Die Mutter ist im Pflegeheim des Helmut-Dahringer-Hauses untergebracht und hat den Pflegegrad 3. Sie fühlt sich in der Einrichtung wohl, auch die Angehörigen sind unter dem Strich mit der Betreuungssituation dort sehr zufrieden. Was allen zu schaffen macht, sind die Eigenanteile, die die Pflegebedürftigen zu leisten haben – die steigen seit Jahren stark, und sie werden dies, wenn politisch nicht gegengesteuert wird, auch zukünftig tun. Das belastet die Bewohner und ihre Angehörigen stark – finanziell, aber auch psychisch.

557 Euro Mehrkosten monatlich

Zahlreichen Pflegebedürftigen in ganz Deutschland geht es so, das Helmut-Dahringer-Haus ist nur ein Beispiel unter vielen. Maria Müller nennt gegenüber den BNN konkrete Zahlen. Als ihre Mutter im November 2017 ins Heim einzieht, beträgt der monatliche Eigenanteil (ohne Pflegekasse) 2.027,61 Euro.

Im September 2018 sind es schon 2.369,84 Euro. Die jüngste Erhöhung datiert vom November 2019, jetzt sind 2.584,62 Euro zu berappen. Das bedeutet monatliche Mehrkosten von 557,01 Euro innerhalb von nur zwei Jahren, was einer prozentualen Steigerung von stolzen 27,5 Prozent entspricht. Eine weitere Anhebung im Herbst diesen Jahres gilt als sehr wahrscheinlich.

Noch weitere Heimkosten

Zu diesem festen Eigenanteil für Unterbringung, Pflege und Verpflegung gesellen sich aber noch weitere Heimkosten, die ebenso regelmäßig anfallen und vom Heim ebenfalls per Einzugsermächtigung abgebucht werden („Taschengeldkonto“).

Hier handelt es sich um notwendige Ausgaben vor allem für Medikamente, Hygieneartikel, für Friseur und Fußpflege (beide Dienstleister sind im Haus). Maria Müller hat die Rechnungen für ihre Mutter zusammengetragen und kommt zusammen auf einen Durchschnittsbetrag von 68,42 Euro im Monat – ganz sicher nicht zu hoch gegriffen.

Alle eigenen Einkünfte zählen

Der Pflegeheimbewohner hat grundsätzlich zunächst mit seinen Einkünften (Rente und Vermögen wie Ersparnisse, Immobilie…) seinen Heimplatz zu finanzieren. In unserem Gaggenauer Beispiel beträgt die Rente der Mutter 919,66 Euro, hinzu kommen Mieteinkünfte aus einem Drei-Familien-Haus in einem Gaggenauer Stadtteil.

Rente und Mieten zusammengerechnet, reichen diese Einkünfte soeben aus, um den Eigenanteil für das Heim, die sonstigen Heimkosten sowie die Fixkosten für das Mietshaus (Grundsteuer, Versicherungen, Schornsteinfeger,…) bestreiten zu können; besser gesagt: Sie reichen noch aus.

Pflegekassenanteil ist konstant

Maria Müller hofft inständig, dass in dem Mietshaus so schnell keine größere Reparatur auftritt, diese würde die Gesamtfinanzierung sofort ins Wanken bringen. Ihrer Mutter im Heim verbleibt angesichts der hohen Ausgaben ein monatliches Taschengeld. Konstant ist der Anteil, den die Pflegekasse leistet: Für die Heimunterbringung eines Bewohners mit Pflegegrad 3 beträgt ihr Leistungsbetrag exakt 1.262 Euro monatlich. Gleich, wie schnell und wie stark die Heimkosten aufgrund der Pflegereformen in die Höhe schnellen – der Anteil der Pflegekasse bleibt gleich.

Pflegebündnis für "Umkehr"

Das Pflegebündnis Mittelbaden mit seinem Vorsitzenden Peter Koch, Geschäftsführer der Gaggenauer Altenhilfe, setzt sich politisch für eine „Umkehr“ ein: Sprich der Eigenanteil der Heimbewohner sollte gedeckelt und im Gegenzug die Leistungen der Pflegekasse „dynamisiert“ werden. Was aber wohl ohne eine deutliche Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge nicht zu machen wäre.

„Das jetzige System der Pflegeversicherung hat sich überholt“, sagt auch Maria Müller. „Dass die Erhöhung der Pflegekosten, deren Gründe ich nachvollziehen kann, alleine der Heimbewohner trägt, ist für mich eine große Ungerechtigkeit.“

Gang zum Sozialamt

Reichen Rente und Ersparnisse nicht aus, müssen beim Sozialamt Leistungen („Hilfe zur Pflege“) beantragt werden – für viele ältere Menschen ein beschämender Gang. Den Satz „Ich möchte Euch nicht belasten, das muss doch reichen“, kennt auch Maria Müller von ihrer Mutter.

Angehörige entlastet

Angehörige sind seit Jahresbeginn deutlich besser gestellt; sie müssen, rein rechtlich gesehen, durch das Angehörigen-Entlastungsgesetz weit weniger oft einspringen: Hat ein Unterhaltsverpflichteter (Sohn oder Tochter eines Heimbewohners) im Jahr weniger als 100.000 Euro Jahresbruttoeinkommen, muss er oder sie dem Sozialamt die entstandenen Kosten in der Regel nicht mehr erstatten.

Pflegeheimplatz für 3.847 Euro

Zurück zum Beispiel Helmut-Dahringer-Haus: Ein Pflegeheimplatz für einen Bewohner mit Pflegegrad drei kostet, Stand November 2019, exakt 3.846,62 Euro (ohne Geld für Medikamente, Hygiene und andere Dinge): Dieser Betrag setzt sich aus dem Eigenanteil des Bewohners (2.584,62 Euro) und dem Festbetrag der Pflegekasse (1.262 Euro) zusammen.

Beim Pflegegrad vier kostet der Platz im Gaggenauer Pflegeheim Dahringer-Haus bereits 4.359,62 Euro: Hier beträgt der Festbetrag der Pflegekasse 1.775 Euro und der Eigenanteil wiederum 2.584,62 Euro.

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