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160-jährige Tradition

„Die Entscheidung tut weh“: Männergesangverein Sängerbund Gaggenau löst auf

Es ist das Ende einer 160-jährigen Tradition: Die Mitglieder des Männergesangvereins Sängerbund Gaggenau stimmten bei der Jahreshauptversammlung für die Auflösung des Vereins. Es flossen Tränen.

Der MGV Sängerbund Gaggenau löst sich in absehbarer Zeit auf und wird so lange interimsmäßig vom bisherigen Vorstand weitergeführt. Foto: Elke Rohwer

Betroffene, ungläubige und fassungslose Mienen. Hier und da wurde die eine oder andere Träne verstohlen mit dem Taschentuch weggewischt: Nach einer dreistündigen, von Emotionen geprägten Jahreshauptversammlung stimmten die anwesenden Mitglieder des Männergesangvereins Sängerbund Gaggenau 1862 für die Auflösung des 160-jährigen Gaggenauer Traditionsvereins.

Nach den vorgetragenen Stücken „Bundeslied“ von Wolfgang Amadeus Mozart und „Ruhe suchen wir vergebens“ von Robert Pracht, unter der Leitung von Karl Albert Geyer, begrüßte der zweite Vorsitzende Michael Graf die anwesenden Sangesbrüder und Freunde des Vereins.

Graf blickte auf die vergangenen Jahre seit der vorherigen Mitgliederversammlung 2019 zurück. Das Durchschnittsalter der Sänger liege bei 82 Jahren, derzeit bestehe der MGV aus 22 aktiven Sängern. Der zweite Vorsitzende erinnerte an die Gründung des Vereins vor nunmehr 160 Jahren durch 18 Männer, die zunächst im Kirchenchor sangen und gemeinsam den Sängerbund gründeten. Er bedankte sich für das große Engagement der Mitglieder in den vergangenen Jahren, das Feste und Konzertabende zu etwas ganz Besonderem gemacht habe.

Chorleiter Karl Albert Geyer bemerkte, dass nach der Corona-Zwangspause ein neuer Aufschwung dringend erforderlich sei. „Die Gemeinschaft im Chor ist angenehm. Die Freude am Klang des Gesangs tut allen gut.“ Öffentliche Konzerte seien, aufgrund der begrenzten Zahl der Sänger und des unterbesetzten Tenors, nicht mehr das große Ziel, betonte Geyer. In seiner Funktion als Kassierer informierte Stefan Loch darüber, dass die Vereinskasse ein gesundes Plus aufweist. Kurz darauf stand laut Sitzungsordnung das Thema Neuwahlen auf dem Programm.

Ohne Vorstand keine Zukunft für den Gaggenauer Verein

Doch zu diesen Neuwahlen sollte es bis zum Ende der Sitzung nicht mehr kommen. Als Michael Graf die Anwesenden darüber informierte, dass weder der erste Vorsitzende Willi Ball, der dritte Vorsitzende Wolfram Hurrle, sowie Stefan Loch als Kassierer als Vorstandsmitglieder zur Verfügung stehen, stand die Frage im Raum, wer von den Anwesenden künftig Ämter im Vorstand übernehmen möchte. Außer Michael Graf fand sich niemand, der ein Amt übernehmen wollte.

Mit einem Blick in die Vereinssatzung wurde jedem der Anwesenden klar, dass es ohne einen Vorstand keine Zukunft für den Traditionsverein geben konnte. Willi Ball schlug vor, den Verein aufzulösen, weil er keine Zukunft mehr habe. Betroffenes Schweigen lag über den Mitgliedern. In der daran anschließenden Diskussion wurde die Idee, junge Sänger für den Verein zu gewinnen, ebenso ausführlich beleuchtet, wie die Idee, die Satzung neu zu formulieren. Beide Ansätze führten zu keinem zielführenden Ergebnis.

Nachdem der erste Vorsitzende Willi Ball bemerkte, dass man auch ohne Verein sich zum Singen treffen könne und der Kassierer Stefan Loch auf die immer mehr sinkenden Mitgliederzahlen und -beiträge verwies, stimmten die Anwesenden darüber ab, ob der Verein nun aufgelöst werden soll oder nicht. Von den 24 anwesenden Mitgliedern stimmten 14 für eine Auflösung, neun dagegen, bei einer Enthaltung.

Damit eröffnete sich ein neues Dilemma, denn die von der Satzung vorgeschriebenen 75 Prozent der Stimmen, die es für eine Vereinsauflösung braucht, wurde verfehlt (58 Prozent). Nach zähem Ringen erklärten sich die Versammelten bereit, noch einmal ihre Stimme abzugeben, dieses Mal wurde darüber entschieden, ob sich der Verein in einem absehbaren Zeitraum auflösen sollte. Bei diesem Wahlgang stimmten mehr als 75 Prozent der Mitglieder für eine Vereinsauflösung, bei drei Gegenstimmen.

Zunächst gibt es weiterhin Singstunden

„Der Verein wird noch einige Zeit interimsmäßig vom bisherigen Vorstand weitergeführt, doch das Ende ist absehbar und wird kommen“, sagte Michael Graf sichtlich ergriffen. „Die Entscheidung tut weh, und wenn ich daran denke, dass in absehbarer Zeit eine 160-jährige Geschichte endet, bekomme ich Gänsehaut. Es wird zunächst weiterhin Singstunden geben, die Auflösung passiert nicht von heute auf morgen. Über alle weiteren Entwicklungen werdet ihr beizeiten informiert. So lange wird der Verein weiter existieren und weitersingen“, fügte Loch hinzu.

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