Skip to main content

Mit Tiertherapie gegen die Sucht

Fachklinik Fischerhaus in Gaggenau-Michelbach arbeitet mit vierbeinigen Therapeuten

Zorro, ein im Juni geborenes Ziegenböckchen, ist der Star in der Fachklinik Fischerhaus in Gaggenau-Michelbach. Die Einrichtung setzt auf Tiertherapie: Der Umgang mit Ziegen, Schafen und Pferden soll den Patienten helfen, ihr Leben ohne Suchtmittel in den Griff zu bekommen.

Fischerhaus Michelbach: Daniela Laubel (rechts), leitende Psychologin der Fachklinik Fischerhaus, verteilt zusammen mit Birgit Seiser, Tiergestützte Therapie und Verwaltung, Leckerli an Ziegen und Schafe. Foto: Martina Holbein

Von Martina Holbein

Birgit Seiser ruft nur einmal „Schafe kommen“ und schon stürmt ein Ziegenpaar und zwei Schafe, Mutter und Tochter, ans Gatter. Sie wissen, jetzt gibt es Leckerlis. Einer fehlt aber noch, der derzeitige Star der Fachklink Fischerhaus, das Anfang Juni geborene Ziegenböckchen Zorro, der aus den Büschen herangehüpft kommt. „Er ist von allen der Liebling“ sagt Daniela Laubel, leitende Psychologin, und streichelt dem Kerlchen über sein weiches Fell.

„Der ist einfach süß, wenn er so von hinten ankommt, einen pickst und gestreichelt werden will“, wird später in der Sitzung der Tierversorgergruppe auch der Rehabilitand sagen, der derzeit die Schafe und Ziegen umhegt.

Umsorgen bedeutet, dass die Patienten die Vögel und Hasen, die Katzen und Schafe, die Ziegen, die Wasserschildkröte und Pferde füttern und striegeln, dass sie die Ställe sauber machen und in Ordnung halten. Gatter und Zäune müssen kontrolliert und ausgebessert, der Vorrat an Tierfutter regelmäßig überprüft werden.

Fünf Patienten können ihren Hund oder ihre Katze mitbringen

Schon seit sieben Monaten betreut der junge Mann die zwei Pferde, die in der Reittherapie eingesetzt werden. „Manchmal ist das gar nicht so einfach, morgens alles unter einen Hut zu bekommen und dann pünktlich bei der Therapiestunde zu sein“. Alles heißt bei ihm: Das Pony Momo und den Fuchs Smauri zu versorgen, den eigenen Hund Gassi zu führen und selbst sich noch zu richten und zu frühstücken.

Denn das ist eine weitere Besonderheit der Fachklinik Fischerhaus: Es gibt fünf Plätze für Patienten, die ihren Hund oder ihre Katze mitbringen wollen. „Wir achten diese Beziehung“, so Daniela Laubel. Für manche Patienten ist das Haustier, der einzige „Mensch“, mit dem sie Umgang haben.

Und es funktioniert sehr gut: So gibt es für diese Patienten, die sehr schnell Kontakt zueinander aufbauen, spezielle Zimmer, die alle einen direkten Zugang nach draußen haben, so dass die Haustiere nicht durch das Haus müssen. Das gehört alles zur Therapie, kleine Bausteine, die erfordern, dass der Alltag strukturiert, dass Verantwortung angenommen und ernst genommen wird.

Für Reittherapie braucht es feinfühlige Pferde

Einfach war es nicht, das zu ermöglichen, aber Stolpersteine gab es auch in den Anfängen der Tiertherapie. Hygiene, Dreck etc. waren Argumente dagegen, aber die Befürworter konnten überzeugen und so läuft die Tiertherapie bereits seit mehr als 20 Jahren. „Das Team ist ganz wichtig“, so Birgit Seiser und Daniela Laubel übereinstimmend, „und es wird immer größer.“ Ein Gärtner und Arbeitstherapeut gehören dazu, eine Ergotherapeutin und die Reittherapeutinnen Birgit Seiser und Daniela Laubel.

Die Reittherapie ist besonders wertvoll für die Patienten, denn in den Pferden spiegelt sich der Reiter wieder. Dafür braucht es ausgeglichene und feinfühlige Pferde. Der fuchsfarbene Islandwallach „Smauri“ hat selbst schlechte Erfahrungen gemacht, ist quasi eine „Notaufnahme“.

Das sensible Pferd und wird seit zwei Jahren als Therapiepferd ausgebildet in der Nachfolge von Therapiepferd „Omur“, der in diesem Jahr altershalber eingeschläfert werden musste.

Islandpony „Momo” begeistert auch junge Patienten

„Freude über eine Geburt und Trauer über den Tod, diese existentiellen Erfahrungen fließen direkt in die Therapie mit ein“ so Daniela Laubel, die voll des Lobes über „Smauri“ sagt: „Er hat schon tolle Fortschritt gemacht“, so die Reittherapeutinnen, „und ist wegen seinem Einfühlungsvermögen bestens für die Arbeit geeignet“. „Er kommt jetzt auch schon ans Gatter und kennt uns“ freut sich einer aus der Tierversorgergruppe.

Frech, klein und knuffig – so lautet der Steckbrief von „Momo“, dem Islandpony. Und da fangen dann auch mal junge Rehabilitanden, die sich nicht gerne an Regeln halten, an zu genießen, wenn das temperamentvolle Kerlchen tatsächlich das macht, was von ihm erwartet wird.

Eine Maxime für die Arbeit mit den Tieren ist, dass weder Tier noch Mensch gedrängt werden. Es ist genügend Platz da, dass man sich ausweichen kann, einfach mal weggaloppieren und davon hüpfen, wenn es reicht.

Seit Anfang 2020 ist Bereich als vollwertige Arbeitstherapie anerkannt

Das Ziel der Tiertherapie ist klar: Sie soll helfen, dass die Patienten ihr Leben ohne Suchtmittel in den Griff bekommen. Und da helfen so kleine Mosaiksteine wie ein weiches Fell streicheln, spüren, dass man angenommen wird, wie man ist, schmusen oder einfach die Ruhe fühlen, die die Tiere, da es ihnen gut geht, ausstrahlen.

Wieder ein Gefühl für die Natur bekommen, damit auch für den eigenen Körper als Teil dieser Natur, das ist ein weiterer Effekt, der die Suchttherapie unterstützt und die Rehabilitanden stabilisiert. Seit Anfang 2020 ist der Bereich „Arbeitstherapie Tiere“ als vollwertige Arbeitstherapie anerkannt.

nach oben Zurück zum Seitenanfang