Skip to main content

Weiße Weihnachten in Höhengebieten

Frühaufsteher genießen traumhafte Winterlandschaft in Gernsbach-Kaltenbronn und auf der Schwarzwaldhochstraße

Wer hätte das nach dem Regen gedacht: Mit dem am späten Heiligabend in höheren Gegenden einsetzenden Schneefall besteht doch noch Aussicht auf weiße Weihnachten.
4 Minuten

Der Philosoph und Reiseschriftsteller Ludwig Roeder beschrieb die Landschaft um den Gernsbacher Höhenortsteil Kaltenbronn im Jahr 1822 als „scheußliche Gegend“. Wegen des rauen Klimas und den frostigen Temperaturen im Winter.

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2020 präsentiert sich das Höhengebiet zwischen Murg- und Enztal hingegen als traumhafte Winterlandschaft. Frühaufsteher kommen in den Genuss eines ganz besonderen Naturerlebnisses - und sie haben die Aussicht auf weiße Weihnachten.

Weiße Weihnachten gibt es eher selten. Zumindest, wenn der Begriff streng ausgelegt wird und damit gemeint ist, dass sowohl an Heiligabend als auch an den beiden Weihnachtsfeiertagen Schnee liegt. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) gab es in den vergangenen rund 100 Jahren nur ganze sechs Mal in Deutschland mehr oder weniger flächendeckend weiße Weihnachten über drei Tage hinweg: in den Jahren 1906, 1917, 1962, 1969, 1981 und 2010.

Vielleicht wird in dieser Statistik auch das Jahr 2020 auftauchen - zumindest die Höhenlagen des Schwarzwaldes könnten dort vertreten sein. Bei den Wetterprognosen bis Samstag wird die Pracht in den höheren Lagen wohl bis dahin noch halten.

Bereits in den letzten Stunden des Heiligabend ging in Lagen ab etwa 400 Meter der Regen in Schnee über. Ein ziemlich später Anfang für weiße Weihnachten zwar, aber immerhin ein Anfang.

Morgen beginnt mit Schneeschippen

Für Bewohner von Höhenstadtteilen wie den Gernsbacher Ortsteilen Reichental oder Kaltenbronn beginnt der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags mit Schneeschippen und, sofern der Wagen nicht in der Garage stand und für eine Fahrt gebraucht wird, mit dem Entfernen der weißen Winterbedeckung des Autos. Zu der Zeit sind einige Frühaufsteher schon in Richtung Höhengebiet um Kaltenbronn unterwegs.

Der Winter ist zurück: In Gernsbach-Kaltenbronn fielen mehr als zehn Zentimeter Schnee. Foto: Bernd Kamleitner

Zum Beispiel Andreas Krause aus Kuppenheim. Schon früh am Morgen waren Rodel und Po-Rutscher ins Auto geladen worden. Als Krause mit seiner Frau und den drei Kindern den Wagen an einem der Wandererparkplätze bei Kaltenbronn abstellt, herrscht dort noch ganz wenig Betrieb. Neben einem Wagen mit Stuttgarter Kennzeichen und einem Wohnmobil aus Friedrichshafen parkt etwa ein halbes Dutzend Fahrzeuge.

Freie Fahrt: Wer früh dran war, hatte den Rodelhang bei Kaltenbronn noch nahezu für sich alleine. Foto: Bernd Kamleitner

Die drei Kinder der Familie Krause im Alter von sieben, vier und zwei Jahren müssen sich den nahegelegenen kleinen Rodelhang zu der Zeit nur mit wenigen anderen kleinen Wintersportlern teilen. Der gegenüberliegende Skihang ist für eine solche Nutzung gesperrt.

Briefkasten im Winterkleid: Ein Motiv aus dem Gernsbacher Stadtteil Kaltenbronn, das auf fast 1.000 Meter Höhe liegt. Foto: Bernd Kamleitner

Die Gunst der Stunde nutzen

Eine Mutter aus dem benachbarten Sprollenhaus, einem Ortsteil von Bad Wildbad, hat mit ihren drei Kleinen ebenfalls die Gunst der Stunde genutzt. Ganz bewusst! „Bevor der große Andrang einsetzt“, erklärt die Frau.

Auch Ralf Müller aus Waghäusel-Wiesental im Kreis Karlsruhe freut sich auf ein beeindruckendes Naturerlebnis, das er mit der Kamera festhalten will. Er bevorzugt dafür Wanderwege, in denen keine Menschenmassen unterwegs sind. Mit seiner Frau ist er immer wieder auf der Suche nach wunderschönen Naturaufnahmen.

Winterliche Straßenverhältnisse: Im Gernsbacher Höhenstadtteil Kaltenbronn war am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags alles weiß. Foto: Bernd Kamleitner

Zum perfekten Motiv fehlt am Freitagvormittag lediglich das i-Tüpfelchen: Kaiserwetter. Der Himmel zeigte sich ziemlich bedeckt, doch die Winterlandschaft verfehlt ihre Wirkung dennoch nicht.

Im Laufe des Vormittags rollten immer mehr Fahrzeuge ins knapp 1.000 Meter hohe Gebiet. Anfangs war die Fahrbahn noch vollständig schneebedeckt und ein den Witterungsverhältnissen angepasstes Tempo ist hinsichtlich der Verkehrssicherheit angesagt. Der frühe Bus, der am Morgen Richtung Tal unterwegs war, rollt deswegen auch im Schneckentempo. Der Winterdienst, der schon seit dem frühen Morgen im Einsatz ist, entschärft die Lage auf den Straßen. Dazu trägt auch bei, dass der Schneefall nachlässt.

Schöne weiße Grundlage

Mit der Ruhe in Kaltenbronn war es dann aber nicht mehr so wie in den vergangenen Wochen des Lockdowns. „Da war fast nichts los“, betont eine Frau, die eines der wenigen Häuser im Gernsbacher Höhenstadtteil bewohnt und am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags von der Schneemenge überrascht wird. Es waren schon mehr als zehn Zentimeter - eine gute weiße Grundlage.

Fest im Griff des Winters: der Gernsbacher Höhenstadtteil Kaltenbronn Foto: Bernd Kamleitner

Die winterliche Pracht lockt auch an der Schwarzwaldhochstraße. Dort herrschte am ersten Weihnachtsfeiertag ab der Mittagszeit am ersten Weihnachtsfeiertag ebenfalls reger Ausflugsverkehr. Parkplätze waren etwa am Mummelsee am Nachmittag Mangelware.

Beliebtes Ausflugsziel auch im Lockdown: Der Mummelsee an der Schwarzwaldhochstraße. Foto: Klaus Schultes

Der erste Schnee in diesem Jahr war es aber nicht. Als der vor etwa zwei Wochen in den Höhenlagen fiel, war an dem Wochenende, trotz Lockdown, richtig viel los. Für Höhengebiet wie um Kaltenbronn ist das nichts Ungewöhnliches. Die Fläche zwischen Murg- und Enztal ist eines der beliebtesten Naherholungsziele für Badener und Schwaben im Nordschwarzwald und lockt auch Touristen von weiter her an. Über das urwüchsige Höhengebiet führt unter anderem der bekannte Westweg, der 280 Kilometer lange Fernwanderweg von Pforzheim nach Basel.

Der Winter lockt: Auf der Schwarzwaldhochstraße (B500) herrschte am ersten Weihnachtsfeiertag reger Ausflugsverkehr. Foto: Klaus Schultes

Wildsee ist ein naturbelassenes Hochmoorgebiet

Ein beliebtes Ziel ist der Wildsee, das größte naturbelassene Hochmoorgebiet Deutschlands. Auch im Winterkleid einfach ein wirklich schöner Flecken Natur. Der Kaltenbronn, wie die Gernsbacher das Höhengebiet nennen, war schon im Mittelalter ein bevorzugtes Jagdgebiet der Markgrafen von Baden. Auch für den legendären Türkenlouis, Markgraf Ludwig von Baden (1655-1707), war dort das Lieblingsjagdrevier.

nach oben Zurück zum Seitenanfang