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Krankenkasse zahlt Cannabis

Für einen Gaggenauer heißt die letzte Ausfahrt Cannabis

Vor 16 Jahren verändert sich das Leben von Michael Unkrig schlagartig. Ein Bandscheibenleiden zwingt den Gaggenauer auf den OP-Tisch – mit fatalen Folgen. Das am untersten Lendenwirbel eingesetzte Titanimplantat bricht. Nach einer zweiten Operation droht eine falsch platzierte Schraube eine Arterie zu verletzen. Unkrig muss wieder unters Messer.

Michael Unkrig, ehemaliger Cannabis-Patient aus Gaggenau Foto: Dominic Körner



In den Jahren danach wird der Schmerz für Michael Unkrig zu seinem ständigen Begleiter. Sechs weitere Operationen folgen, Nerven und ein Wirbel werden geschädigt. Unkrigs Beine versagen, er stürzt mehrfach, zieht sich Knochenbrüche zu. Allein seit 2012 kommt der Notarzt sechs Mal.

Unkrig, früher Projektleiter bei Daimler, wird arbeitsunfähig, verbringt Monate in der Klinik. In seiner Verzweiflung besucht er 30 Ärzte, starke Schmerzmittel greifen seinen Körper an. Das Morphium macht ihn depressiv.

Gaggenauer verliert 20 Kilogramm Gewicht

An manchen Tagen kann sich Unkrig kaum bewegen. Er verliert 20 Kilogramm Gewicht, viele Freunde und irgendwann die Lust am Leben. „Einmal habe ich an Selbstmord gedacht“, sagt er heute. Dass es nicht soweit kam, ist auch seiner Familie zu verdanken: „Meine Frau und die Kinder haben mich immer unterstützt“.

Heute ist Unkrig 58, und seine letzte Hoffnung heißt Cannabis. Seit zwei Wochen zählt er zu den wenigen Patienten in Deutschland, die den Hanfwirkstoff auf Rezept in der Apotheke erhalten. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Möglich macht dies eine Gesetzesnovelle, die der Deutsche Bundestag im Januar dieses Jahres auf den Weg gebracht hatte (siehe Hintergrund).

Unkrig, dem zweifachen Familienvater mit schier endloser Leidensgeschichte, zeigt sie eine Perspektive auf, die längst verloren schien. Mit Blick auf seinen 16 Jahre währenden Alptraum sagt er vorsichtig: „Wenn ich auf niedrigem Schmerzlevel weiterleben kann, bin ich zufrieden“.



Morphium setzte Körper zu

Immerhin: Dank Cannabis kommt Unkrig mittlerweile ohne Morphium über die Runden. Von der Politik fühlt er sich dennoch allein gelassen. „Warum musste es Jahre dauern, bis ich legalen Zugang zu Cannabis bekommen habe?“, fragt er sich. Das Morphium habe ihn „kaputt gemacht“.

Er hofft deshalb darauf, dass mehr chronisch kranke Patienten künftig Cannabis verschrieben bekommen, ehe sie zu starken Opiaten greifen müssen. Bislang war das nicht so. „Die Politik muss sich weiter bewegen“, fordert Unkrig, der zweimal täglich 0,2 Milliliter Tropfen zu sich nimmt. Zwar schlafe er viel, im Alltag behindere ihn der Konsum aber nicht.

Reichlich schwammig ist derweil die Regelung bezüglich seiner Teilnahme am Straßenverkehr. Zwar dürfen Patienten, die Cannabis zu sich nehmen, grundsätzlich Auto fahren, laut Gesetz aber „nicht in ihrer Fahrtüchtigkeit eingeschränkt“ sein. Darüber entscheidet im Ernstfall die Polizei. „Unfälle könnten dann ein Nachspiel haben“, sagt Unkrig, „auch dann, wenn der Cannabis-Konsum nicht ursächlich ist.“

Scheitern vor Gericht

Acht Jahre lang hat der Gaggenauer gegen die Operateure prozessiert, deren Eingriffe sein Leben auf den Kopf gestellt haben. Bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagte Unkrig, konnte den Ärzten ein „grob fahrlässiges Handeln“ aber nicht nachweisen. Bittere Pointe: „Einer der Gutachter am Oberlandesgericht kannte den ersten Operateur persönlich“, sagt Unkrig.

Die Hoffnung auf eine Entschädigung – mittlerweile zahlt die Berufsunfähigkeitsversicherung nicht mehr – hat er aufgegeben. Der studierte Betriebswirt blickt nun nach vorne, will sich selbstständig machen. Trotz aller Rückschläge steckt Unkrig heute wieder voller Lebensenergie: „Für die Rente bin ich zu jung“, sagt er entschieden. Er habe „gelernt, mit den Schmerzen zu leben“. Dabei soll ihm nun das Cannabis helfen – 16 Jahre nach seiner ersten Operation.



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