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Bisher etwa 600 infizierte Tiere in Deutschland

Gefahr durch Afrikanische Schweinepest: Warum die Zahl der Wildschweine im Landkreis Rastatt trotzdem steigt

Die Population der Wildschweine nimmt im Landkreis Rastatt seit Jahren kontinuierlich zu. Durch Corona fallen auch wichtige Treibjagden aus, um den Bestand unter Kontrolle zu bringen. Genau diese wären wichtig gewesen, um vor der Afrikanischen Schweinepest gewappnet zu sein.

Intelligentes Tier: Wildschweine gehen zum Teil rückwärts in den Wald zurück, wenn sie verdächtige Geräusche hören. Eine Umfrage unter Jägern im Landkreis hat ergeben, dass sie im Schnitt 25 Stunden aufbringen, um ein Wildschwein zu erlegen. Foto: Jule Müller

Stefan Bettendorf ist genervt. Auf seiner Wiese in Gaggenau-Selbach gibt es überall tiefe Furchen. Die Erde ist umgewühlt. Grasfetzen und Dreck liegen auf dem angrenzenden Weg. Die Wildschweine waren wieder da. „Irgendwann habe ich die Nase voll“, sagt Bettendorf. Er besitzt vier Wiesen in Selbach, die regelmäßig verwüstet sind. Es sei kaum noch möglich, die Grundstücke richtig zu mähen. Bettendorf betont, dass sich das Problem in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft habe.

Mit dieser Beobachtung ist der Selbacher nicht allein. „Wildschäden nehmen immer mehr zu“, sagt Frank Schröder, Kreisjägermeister im Landkreis Rastatt. Er erklärt die Entwicklung damit, dass die Schwarzwildbestände seit 30 Jahren kontinuierlich anwachsen. Obwohl jährlich im Landkreis Rastatt immer mehr Tiere erlegt werden, ist die Vermehrung nicht aufzuhalten. Gründe dafür sind etwa das gute Nahrungsangebot und die milden Winter.

Schröder bereitet auch der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest Sorgen. Die Krankheit ist für den Menschen ungefährlich, verläuft bei Wild- und Hausschweinen in der Regel aber tödlich. In Deutschland gibt es nach Angaben der Agrar-Zeitschrift Agrarheute aktuell mehr als 600 Fälle bei Wildschweinen in Brandenburg und Sachsen.

Es besteht die Gefahr, dass sie sich weiter ausbreitet - auch bei Nutzschweinen. Der wirtschaftliche Schaden für Landwirte wäre enorm, sagt Frank Schröder. „Intensives Jagen ist extrem wichtig, um eine Einschleppung der Seuche zu verhindern“ , erklärt er. Genau da hakt es derzeit.

Wegen Corona fielen Drückjagden aus

Wegen Corona und Schnee fielen zuletzt einige Drückjagden aus. Diese sind laut Thomas Nissen, Leiter der unteren Forstbehörde im Landkreis Rastatt, die effektivste Jagdmethode. Dabei wird das Wild mithilfe von Jagdhunden gezielt zusammengetrieben. Im Jahr 2019 war eine Drückjagd von Kuppenheim bis Gernsbach sehr erfolgreich: 125 Wildschweine wurden erlegt. Allein weil eine solche Jagd im Januar ausgefallen ist, rechnen Nissen und Schröder im Landkreis Rastatt mit 350 mehr Wildschweinen im kommenden Jahr.

Als Beeinträchtigung beim Jagen kommt hinzu, dass wegen Corona immer mehr Menschen in der Nacht durch den Wald joggen. „Ohne ein Wärmebild sind Sportler in der Dunkelheit manchmal gar nicht erkennbar. Sie begeben sich in eine große Gefahr“, sagt Kreisjägermeister Schröder. Er appelliert an die Bevölkerung, spät abends nicht mehr im Wald joggen zu gehen.

Und dann sind da noch die Wildschweine selbst, die den Jägern das Leben schwer machen. „Wildschweine sind extrem intelligent“, sagt Martin Hauser, Wildtierbeauftrager des Landkreises Rastatt. Sie bewegten sich zum Teil rückwärts von einer Lichtung zurück in den Wald, wenn sie Gefahr riechen oder hören. Zudem merke sich vor allem die Bache - ein weibliches Wildschwein mit Führungsrolle in einer Rotte - gefährliche Orte, wo schon einmal tödliche Schüsse gefallen sind. „Die Tiere lassen sich also nur schwer mit Futter anlocken“, sagt Hauser.

Kreisjägermeister: Eher Jungtiere erschießen

Im Durchschnitt müssen Jäger etwa 25 Stunden aufbringen, um ein einzelnes Wildschwein zu erlegen. Das zeigen Umfragen des Landratsamts in Rastatt. Kreisjägermeister Schröder spricht sich dafür aus, eher die Jungtiere zu erschießen und die Bache bei der Rotte zu lassen. Das verhindere eine frühzeitige Geschlechtsreife des Nachwuchses - was zu einer noch stärkeren Vermehrung führen würde.

Der Kreisjägermeister sieht die Jagd als einziges Mittel, um die Population in den Griff zu bekommen. 2021 müssten ihm zufolge mindestens zwei Drittel der Wildschweine erlegt werden, damit der Bestand nicht weiter ansteigt. Schröder befürchtet, dass die Zahlen aber weiter nach oben schießen werden. Trotzdem kommen Saufänge für Nissen und Schröder aus tierschutzrechtlichen Gründen nicht infrage. Es sei denn, die Afrikanische Schweinepest dringt bis in den Landkreis vor.

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