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„Tag gegen den Schlaganfall“

Beängstigendes Erlebnis: Gernsbacher Reha-Patient berichtet von seinem Schlaganfall

„Es war, als würde der Stecker rausgezogen“, sagt Bernd F. (Name von der Redaktion geändert): Von einem Moment auf den anderen verlor er die Fähigkeit zu sprechen. Er hatte einen Schlaganfall – den ersten von vier.

Üben ist das A und O: Erich Hefter trainiert unter Aufsicht von Camelia Hallmen im Reha-Zentrum Gernsbach seine Beine. Durch einen Rückenmarksinfarkt seien sie wie eingeschlafen gewesen, berichtet er. Doch er macht große Fortschritte – nicht zuletzt dank seiner Disziplin. Er geht jeden Tag zwischen zehn und fünfzehn Kilometer. Foto: Christiane Widmann

Bernd F. erinnert sich genau an seinen ersten Schlaganfall. Er lag nach einer Operation im Krankenhaus. Ärzte und Krankenschwestern hatten sich zur Visite um sein Bett versammelt. „Eine der Schwestern spricht mich an – und nichts geht mehr.“ Er hörte, sah und verstand sie, doch er konnte nicht sprechen. „Es war kein Schmerz, sondern als würde der Stecker rausgezogen.“

Die folgenden Stunden erlebte er als beängstigend. Die Schwestern brachten ihn im Eiltempo zum Computertomografen und ließen ihn untersuchen, dann fuhren sie ihn zur Beobachtung in sein Zimmer und blieben bei ihm. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was für eine Beruhigung das ist“, erzählt Bernd F.

„Ich hatte Anflüge von Panik, weil ich nicht wusste: Was soll das Ganze?“ In seiner Verzweiflung habe er auch sprechen wollen, doch aus seiner Kehle drangen nur Laute. „Das hätte jeder Ochsenmaulfrosch besser gemacht.“ Erst nach einigen Stunden fand er wieder Worte.

Ich habe Glück, dass ich hier sitzen und erzählen kann.
Bernd F., Reha-Patient in Gernsbach

„Ich mache über die ganze Situation heute Witze, weil ich heilfroh bin, dass diese Frauen so schnell und präzise gearbeitet haben“, sagt Bernd F. „Ich habe Glück, dass ich hier sitzen und erzählen kann.“ Umso mehr, als innerhalb weniger Wochen drei weitere Schlaganfälle folgen sollten. Sie hinterließen Spuren.

Betroffene müssen lernen, mit Behinderungen umzugehen

Noch heute, Monate später, hat Bernd F. Schwierigkeiten, alle Worte zu finden. Er ist sehr eloquent, drückt sich sehr gewählt aus. Doch manchmal muss er ins Englische ausweichen.

„Der Zugriff auf die andere Sprache ist für mich einfacher.“ Auch in anderen Bereichen merkt er: „Dinge, die früher einfach waren, gehen mir nicht mehr von der Hand.“ Er spürt: „Du bist nicht mehr du selbst.“ Er sieht sich großen Fragen gegenüber: „Wer bist du eigentlich? Wo stehe ich? Wie weit komme ich damit klar?“

Rat vom Fachmann: Christian Wolf bittet eindringlich darum, bei Anzeichen eines Schlaganfalls einen Arzt aufzusuchen – lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Er ist Chefarzt in der Fachklinik für Neurologie im Mediclin Reha-Zentrum Gernsbach. Foto: Jörg Wilhelm

Diese letzte Frage – wie komme ich klar – ist ein wesentlicher Teil der Reha-Therapie. „Sehr viel ist Kompensation“, erklärt Christian Wolf. Patienten müssen lernen, mit einer Behinderung umzugehen. Wolf ist Chefarzt der neurologischen Fachklinik im Mediclin Reha-Zentrum Gernsbach. Bernd F. ist dort in Reha.

Ganz am Anfang hat man das meiste in der Hand.
Christian Wolf, Chefarzt im Reha-Zentrum Gernsbach

Bei den meisten Betroffenen bleiben dauerhafte Schäden zurück. „Dass man absolut auf dasselbe Vorniveau kommt, ist selten“, sagt Wolf. Doch wie schwer die Schäden sind, sei sehr unterschiedlich.

„Ganz am Anfang hat man das meiste in der Hand.“ Deshalb ist es so wichtig, sofort zu reagieren. „Da geht’s wirklich um Minuten“, betont der Arzt. „Je länger man wartet, desto mehr Zellen sind abgestorben. Die Behandlungserfolge minimieren sich nach hinten deutlich.“

Schlaganfälle können zu Behinderungen führen – oder sogar zum Tod. Laut dem statistischen Bundesamt sind 2019 fast 11.000 Menschen daran gestorben. Der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zufolge erleiden jährlich 270.000 Menschen einen Schlaganfall.

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Wenn die Durchblutung gestört ist fehlt Sauerstoff

Bei einem Schlaganfall ist die Durchblutung im Gehirn gestört. Eine häufige Ursache sind Gerinnsel, die ein Blutgefäß verstopfen. Zu den möglichen Ursachen gehören auch Engstellen in den Adern oder Blutungen.

In der Folge kommt nicht überall im Gehirn genug Blut an – und damit nicht genug Sauerstoff. Deshalb sterben Zellen ab. „Je nach Region treten unterschiedliche Schäden auf“, sagt Wolf. Beispielsweise kann die Fähigkeit zu sprechen betroffen sein, die Erinnerung, der Bewegungsapparat.

Ärzte müssen schnell die Ursache klären und entsprechend reagieren. Eine Blutung müssen sie stillen, ein Gerinnsel mithilfe eines Blutverdünners oder operativ entfernen. Dann prüfen sie, welche Beeinträchtigungen ihr Patient davongetragen hat und die Therapie beginnen.

Es gibt Zellen, die nicht betroffen sind und über Lernmechanismen einspringen. Das unterstützen wir in der Reha.
Christian Wolf, Chefarzt im Reha-Zentrum Gernsbach

Der schnelle Therapiestart ist wichtig. „Die Zellen sind in Netzwerken verbunden. Diese Netzwerke müssen aufrecht erhalten werden“, erklärt Wolf. „Es gibt Teilbereiche, die funktionieren. Es gibt Zellen, die nicht betroffen sind und über Lernmechanismen einspringen. Andere Gehirnbereiche übernehmen Funktionen. Das unterstützen wir in der Reha.“

Praktisch bedeutet das: Die Patienten müssen üben, üben, üben. „Für die allermeisten erreichen wir gute Verbesserungen“, sagt Wolf. Einer davon ist Erich Hefter. Nach einen Rückenmarksinfarkt sind seine Beine beeinträchtigt.

Seit sieben Wochen bewegt er sie, so viel er nur kann. Mittlerweile geht er täglich zwischen zehn und fünfzehn Kilometer, berichtet er stolz. Sein linkes Bein sei noch etwas wackelig, aber sein rechtes Bein gehorche ihm schon wieder ziemlich gut. Er ist entschlossen: Er übt weiter.

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