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Belegschaft ist verunsichert

Kurzarbeit und Stellenabbau: Das erwartet die Mitarbeiter im Gaggenauer Benz-Werk

Daimler treibt den geplanten Personalabbau weiter voran. Auch im Gaggenauer Benz-Werk erhalten Mitarbeiter in diesen Tagen Angebote zu Abfindungen und Altersteilzeit.

Auch im Gaggenauer Benz-Werk erhalten Mitarbeiter in diesen Tagen Angebote zu Abfindungen und Altersteilzeit. Foto: Daimler

Im Gaggenauer Benz-Werk wird im August und September keine Kurzarbeit mehr stattfinden. Darüber informierte Standortleiter Thomas Twork am Dienstag in einer Telefonkonferenz mit Pressevertretern.

Unterdessen treibt der Stuttgarter Autobauer den angekündigten Personalabbau voran. Seit Wochenbeginn erhalten Beschäftigte in Gaggenau Angebote zu Abfindungen, Altersteilzeit und Frühpension. Auch betriebsbedingte Kündigungen in der Produktion sind nicht ausgeschlossen. Betriebsratsvorsitzender Michael Brecht kritisiert Personalvorstand Wilfried Porth.

Verzicht auf Kurzarbeit in den Ferien

Die Mitarbeiter im Pkw-Bereich sind bereits seit Anfang Juli nicht mehr in Kurzarbeit. Im August zieht die Lkw-Sparte nach. „Bis Ende September wird es am Standort Gaggenau keine Kurzarbeit geben”, betont Thomas Twork im Pressegespräch. In den Ferienmonaten entspannt sich die Situation, weil viele Mitarbeiter ohnehin in Urlaub fahren. Laut Brecht handelt es sich um 30 bis 35 Prozent der Beschäftigten.

Über September hinaus wagt Twork keine Prognose. „Wir befinden uns in einer fragilen Situation und müssen schauen, wie sich die Märkte entwickeln”, erklärte der Werksleiter: „Aktuell fahren wir auf Sicht.” Brecht verdeutlicht, wie eng die Unternehmen in der Branche miteinander verwoben sind: „Wenn ein Zulieferer in Schwierigkeiten gerät, kann die gesamte Automobilindustrie stillstehen.”

Daimler leidet seit Monaten unter einem konjunkturellen Rückgang der Nachfrage in wichtigen Märkten. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation zusätzlich. Hinzu kommt: Gemeinsam mit Volvo will Daimler die Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Brennstoffzellensystemen in Lkw vorantreiben. Die geplante Transformation hin zum emissionsfreien Transport wird teuer.

Keine Jobgarantie bei Daimler

Daimler muss deshalb Personalkosten einsparen. Auch betriebsbedingte Kündigungen im Produktionsbereich sind, trotz Beschäftigungssicherung bis Ende 2029, nicht vom Tisch: „Wenn wir keine Autos verkaufen, haben wir ein Problem”, sagt Michael Brecht: „Eine 100-prozentige Jobgarantie gibt es nicht.”

Wegen der Pandemie ist die Nachfrage eingebrochen. Nach Angaben des Betriebsratschefs produzierte Daimler 2019 rund 2,4 Millionen Autos. In diesem Jahr sind es bislang nur 890.000. „Wir werden lange brauchen, bis wir wieder das Niveau vor der Krise erreicht haben”, räumt Brecht ein.

Um Kündigungen zu vermeiden, setzt der Autobauer auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Viele Beschäftigte erhalten in diesen Tagen Angebote, die ihnen einen Abschied schmackhaft machen sollen. Es geht um Abfindungen, Altersteilzeit und Frühpension.

Auch Arbeitszeiten könnten, wie in der Finanzkrise 2009, reduziert werden. Die Kurzarbeit der vergangenen Monate sorgt für eine zusätzliche Entlastung. „Es gibt viele Instrumente, um die Personalkosten in der Krise deutlich herunterzufahren”, betont Brecht.

Stellenabbau in der Verwaltung

Zunächst gilt also: Wer geht, tut das freiwillig. Laut Twork sind davon bis auf Weiteres nur sogenannte „indirekte Mitarbeiter” betroffen, also in der Verwaltung, Instandhaltung und im Betriebsmittelbau.

„Die Beschäftigten haben über den Sommer Bedenkzeit”, kündigt Twork an: „Wenn wir die Rückmeldequote kennen, entscheiden wir, wie es weitergeht.” Das Unternehmen müsse jetzt handeln. „Leider haben wir keine Zeit, Daimler geht es schlecht. Deshalb ist die Verschlankung alternativlos.”

Zur Höhe der Abfindungen macht Daimler keine konkreten Angaben. Es handele sich um „sehr attraktive Angebote, die zur Lebenssituation der Mitarbeiter passen”, unterstrich Twork. Brecht sprach von „sehr hohen Beträgen.”

Belegschaft ist verunsichert

Nach seiner Ansicht sollen die meisten Gespräche über Abfindungen schnell über die Bühne gehen, „damit sich niemand im Urlaub Gedanken über Horrorszenarien machen muss.” Die Beschäftigten sind verunsichert: „Die meisten Informationen haben wir aus der Presse”, beklagt eine Daimler-Mitarbeiterin gegenüber den BNN. Dadurch entstünden wilde Gerüchte. „Das ist sehr ärgerlich.”

Zuletzt hatte Personalvorstand Wilfried Porth den Abbau von mindestens 15.000 Stellen angekündigt und vom Betriebsrat mehr Zugeständnisse eingefordert. Auch betriebsbedingte Kündigungen im Produktionsbereich hatte Porth nicht ausgeschlossen.

Brecht wirft dem Personalchef „schlechten Stil” vor: „Seine Drohkeule bringt alle in Wallung”, kritisiert er, „die Aussagen haben für viel Unruhe in der Belegschaft gesorgt.” Die Lage sei ernst, aber man werde „auch diese Krise überstehen.” Laut Brecht liegen bislang erst 700 unterschriebene Verträge für Abfindungen, Altersteilzeit und Frührente vor.

Dennoch bleibt er optimistisch: „Herrn Porths Äußerungen klingen, als würden wir jetzt mit dem Dampfhammer drauf schlagen. Tatsächlich haben wir für den Stellenabbau mehrere Jahre Zeit.” In den kommenden Jahren würden ohnehin viele Mitarbeiter aus Altersgründen ausscheiden.

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