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Keine Entschädigung

Nach Wolfsrissen: Murgtäler Tierhalter kritisieren das Land

Schon mehrfach riss der Wolfsrüde "GW852m" Schafe und Ziegen im Murgtal. Eine Entschädigung vom Land erhielten die Tierhalter in der Regel nicht. Die Begründung: Ihre Weiden waren nicht ausreichend gesichert. Die Halter fühlen sich dagegen vom Land im Stich gelassen, weil sie mit dem Aufbau der wolfssicheren Zäune überfordert sind.

Frustrierter Tierhalter: Sven Strobel fordert beim Aufbau von wolfssicheren Zäunen mehr Unterstützung vom Land. Foto: Bauer

Wenn der Wolf kommt, fühlen sie sich machtlos: Hans-Joachim Graf, Christian Striebich und Sven Strobel. Die drei Murgtäler haben mehrere ihrer Tiere durch Wolfsrisse verloren. Der Räuber war immer derselbe: der Rüde „GW852m“. Graf hat für seinen materiellen Verlust eine Entschädigung erhalten.

Strobel und Striebich gingen leer aus, weil der Schutz ihrer Weiden nicht den Vorschriften entspricht. Zwar übernimmt das Land innerhalb der „ Förderkulisse Wolfsprävention “ die Materialkosten für einen Elektrozaun. Das Problem ist aber ein anderes: Die Hobby-Tierhalter können den Aufbau nicht stemmen.

Beispiel Sven Strobel: In Weisenbach, Scheuern und Langenbrand hält er mehr als 200 Schafe und Ziegen. Seine Weiden haben eine Gesamtfläche von 30 Hektar.

Sven Strobel inmitten seiner Herde Foto: None

Dort einen wolfssicheren Zaun zu errichten – 1,20 Meter hoch, fünf Stromlitzen mit mindestens 4.000 Volt, 20 Zentimeter Mindestabstand zum Boden – hält er ohne Hilfe für unmöglich.

„Vor kurzem haben wir auf vier Hektar zwei Zaunanlagen aufgebaut“, berichtet Strobel, „wir waren 15 Mann und haben dafür neun Stunden gebraucht.“

Tierhalter fordert Hilfe vom Land

Seine Schilderungen verdeutlichen die Schwierigkeiten vieler Tierhalter. In der Murgtäler Topografie mit steilen Hängen, engen Bachläufen und verwinkelten Weiden sind sie mit dem Schutz vor dem Wolf überfordert. Im Oktober riss „GW852m“ vier von Strobels Schafen .

Grafik Foto: None

Eine Entschädigung erhält er nicht – weil die Weide nicht wolfssicher ist. Er fordert deshalb mehr Unterstützung vom Land. Man müsse den Tierhaltern eine „Fachfirma zur Seite stellen, die uns beim Aufbau der Zäune hilft.“

Lamas sollen Wolf verjagen

Bis dahin setzt Strobel auf tierischen Schutz: Lamas sollen den Wolf künftig in die Flucht schlagen. „Sie sind dafür bekannt, dass sie eine Herde behüten können“, erklärt Strobel. Ein Testlauf mit seinem Hund macht ihm Mut. „Die Lamas sind gleich dazwischen gegangen, als er sich der Herde genähert hat.“

Wachsame Tiere: Sven Strobel setzt Lamas zum Schutz seiner Herden vor dem Wolf ein. Foto: Hildebrand

Ein 100-prozentiger Schutz vor dem Wolf sei aber nicht möglich, ist Strobel überzeugt: „Er ist ein guter Jäger und wird immer einen Weg finden.“

Keine Entschädigung für Christian Striebich

Auch Christian Striebich bekam keine Entschädigung. Seine Herde aus 40 Tieren stand im Oktober 2019 im Gausbacher Gewann Tennet, nur 100 Meter von der Wohnbebauung entfernt, als der Wolf zuschlug.

Bei dem Angriff verendeten ein Schaf und eine Ziege. Striebich erhielt kein Geld, weil auch er seine Weide nicht ausreichend gesichert hatte.

Wenn es zur Regel wird, dass ich morgens tote Tiere auf der Weide finde, ist Schluss.
Tierhalter Christian Striebich aus Forbach

Sein Fall zeigt ein weiteres Problem: Er habe unmittelbar nach dem Wolfsriss das notwendige Zaunmaterial bestellt, erklärt Striebich gegenüber den BNN. Erhalten habe er es bis heute nicht – mehr als vier Monate danach. „Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam“, klagt er.

Leichte Beute: Dieses Schaf von Christian Striebich in Gausbach fiel im Oktober 2019 einem Wolfsangriff zum Opfer. Foto: Keller

Striebichs Frust ist groß: „Ich mache weiter“, kündigt er zwar an, „aber wenn es zur Regel wird, dass ich morgens tote Tiere auf der Weide finde, ist Schluss.“ Ihm geht es, wie Hans-Joachim Graf, weniger um deren materiellen Wert: „Wir ziehen sie von Hand auf – da hängt viel Herzblut dran.“

Erster Wolfsriss im September 2018

Graf hatte Glück. Er war im September 2018 der erste Murgtäler, dessen Tiere vom Wolf gerissen wurden . In einer Nacht starben vier Schafe.

Auch Grafs Weide war nach der Definition des Umweltministeriums nicht ausreichend gesichert. Allerdings galt damals noch eine Übergangsregelung, die Haltern Zeit geben sollte, ihre neuen Zäune zu errichten. Graf wurde entschädigt.

Ich fühle mich von allen Stellen verarscht.
Tierhalter Hans-Joachim Graf aus Reichental

Verärgert ist er dennoch: „Ich fühle mich von allen Stellen verarscht“, schimpft er, „man muss sich nicht wundern, wenn die Tierhalter hinschmeißen.“ Graf ist 61 Jahre alt. „Ich muss mir das nicht mehr antun“, sagt er.

Bild des Wolfsrüden "GW852m" von einer Fotofalle im Murgtal Foto: FVA Baden-Württemberg

Er hat 50 Schafe und 25 Ziegen, die auf 17 Hektar im Milbigtal, am Scheublich und an der Gernwiese in Reichental weiden. Die Stadt Gernsbach und das Forstamt hätten ihm Unterstützung zugesichert, sagt Graf: „Passiert ist bislang nichts.“

Zaunbau überfordert Tierhalter im Schwarzwald

Noch sind seine Tiere im Winterstall. Wenn sie im Frühjahr wieder auf die Weiden müssen, sind sie dem Wolf fast schutzlos ausgeliefert. „Wir reden nicht von einer flachen Wiese“, erklärt Graf, „es gibt Bäche, Buckel und Gräben.“

Der Zaunpfahl müsse einen Meter tief in den Boden: „Das schaffe ich nicht alleine.“ Die Kosten für den Einsatz einer Fachfirma übernimmt das Land nicht.

Kritik an der Landesregierung

Hans-Joachim Graf ist laut eigener Aussage „kein Wolfsgegner“. Er sieht in seinem Vorkommen sogar Chancen für die Region. „Mehrere Rudel könnten zum Beispiel die Wildschwein-Population im Zaum halten.“

Allerdings sei die Politik auf die Rückkehr des Wolfes „schlecht vorbereitet“ gewesen. „Dass er wieder kommen würde, war lange klar“, sagt Graf. „Man hätte vorher für Schutz sorgen müssen – nicht hinterher.“

Seine Herde sei nach dem Wolfsangriff „völlig verängstigt“ gewesen, habe sich mittlerweile aber wieder beruhigt. Allein: Einen wirkungsvollen Schutz vor dem Wolf hat Graf bis heute nicht.

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