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Podiumsdiskussion mit Verkehrsminister Hermann

Verkehrsexperte: Unfallrisiko durch Oberleitungs-Lkw im Murgtal unklar

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann hat den Pilotbetrieb von Oberleitungs-Lkw im Murgtal verteidigt. Welche Unfallgefahr davon ausgeht, ist unklar.

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Zweiter von rechts) beim Besuch der Baustelle für das Oberleitungs-Projekt eWayBW im Murgtal. Foto: Hans-Jürgen Collet

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat bei einer virtuellen Podiumsdiskussion die Bedeutung des eWayBW-Projekts im Murgtal für die Verkehrswende bekräftigt. Auch Wissenschaftler halten den Einsatz von Oberleitungs-Lkw für vielversprechend. Unklar ist, welches Unfallrisiko von ihnen ausgeht.

Neben Hermann sprachen die Grünen-Staatssekretäre Jens Deutschendorf (Hessen) und Tobias Goldschmidt (Schleswig-Holstein) – mit kritischen Einlassungen war daher eher nicht zu rechnen. „Die Oberleitung ist die effizienteste Form, Energie in Bewegung umzusetzen“, unterstrich Hermann.

Hermann ist heute vom Oberleitungs-Projekt überzeugt

Gleichwohl räumte der Verkehrsminister ein, dass auch er zunächst skeptisch war: „Als ich vor zehn Jahren das erste Mal von Oberleitungs-Lkw gehört habe, dachte ich: Die spinnen doch.“ Heute ist Hermann von der Technologie überzeugt. Allein mit dem Gütertransport durch die Bahn sei ein klimaneutraler Verkehr kaum zu erreichen.

Zustimmung erhielt er von Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut. Seinen Angaben zufolge werden aktuell nur 17 Prozent der Güter auf der Schiene transportiert: „Es braucht Alternativen zur Bahn.“

Noch nie haben wir bei einem Projekt solche Prügel eingesteckt.
Winfried Hermann, baden-württembergischer Verkehrsminister

Winfried Hermann ging in seinem Kurzvortrag auch auf die Proteste gegen das eWayBW-Projekt im Murgtal ein. Das Land habe Bürger und Kommunen „umfassend über das Projekt informiert“. Offenbar mit überschaubarem Erfolg: „Noch nie haben wir bei einem Projekt so viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und dennoch solche Prügel eingesteckt.“

Vorenthaltene Informationen oder Fortschrittsfeindlichkeit?

Bürger, Kommunen und Politiker verschiedener Parteien hatten den Pilotversuch auf der B462 teils scharf kritisiert. „Die Bürger sind erst informiert worden, als das Projekt bereits beschlossen worden war“, moniert etwa der Landtagsabgeordnete Alexander Becker (CDU). Der Bund der Steuerzahler wirft dem Land die Verschwendung von Steuergeldern vor.

Hermann hatte seinerseits den Gegnern des Oberleitungs-Projekts bei einem Baustellen-Termin Ende Juli im Murgtal „Fortschrittsfeindlichkeit“ vorgehalten . In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass es auf der Baustelle wegen der Corona-Pandemie zu Verzögerungen kommt. Der nächste Bauabschnitt kann deshalb erst Anfang 2021 beginnen.

„Wir müssen frühzeitig für Akzeptanz sorgen“, betonte Hermann im Hinblick auf einen möglichen Oberleitungs-Ausbau auf deutschen Straßen. „Mit einem Netz von 4.000 Kilometern und 250.000 Lkw lassen sich zwölf Millionen Tonnen CO2 einsparen“, rechnete der Grünen-Politiker vor.

Unfallrisiko: Kameras sollen Fahrverhalten analysieren

Sinnvoll sei der Einsatz der Hybrid-Lkw mit Batterie und Stromabnehmer besonders dort, „wo keine leistungsfähige Schiene vorhanden ist“. Als Beispiel nannte Hermann die A6.

Nach Aussage von Wietschel ist die Akzeptanz zumindest bei den teilnehmenden Speditionen groß: „Sie machen sich mit ihren lauten Dieselmotoren bei Anwohnern nicht beliebt und sind deshalb offen für neue Lösungen.“

Über das Unfallrisiko wissen wir noch relativ wenig.
Martin Wietschel, Experte vom Fraunhofer Institut

Wietschel hält die elektrische Antriebsform über Batterie oder Oberleitung für die aussichtsreichste. „Synthetische Kraftstoffe sind zu teuer“, erklärte er. Auch Florian Hacker vom Öko-Institut sieht bei der Elektromobilität die größte Marktreife: „Die Wasserstoffzelle ist noch nicht so weit.“

Unklar ist unterdessen, welche Auswirkungen der Einsatz von Oberleitungs-Lkw auf die Verkehrssicherheit hat. „Über das Unfallrisiko wissen wir noch relativ wenig“, räumte Wietschel ein. Das Fraunhofer-Institut werde mithilfe von Kameras „beobachten, was sich durch das neue Fahrverhalten verändert“.

Sicher sei dagegen, „dass Rettungshubschrauber bei Unfällen im Oberleitungsbereich nicht auf der B462 landen können“.

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