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Handwerkstradition

Wahl-Gaggenauerin schnitzte einst im Erzgebirge Spielzeug

Gerda Motschmann, im Erzgebirge aufgewachsen, hat dort ihr ganzes Berufsleben als Spielzeugbauerin gearbeitet. Jetzt blickt sie auf die Schnitzkunst-Tradition ihrer Heimat zurück.

Gerda Motschmann, Spielzeugmacherin aus Seiffen, mit Tochter Annelie Metzner. Foto: Christiane Krause-Dimmock

Irgendwo muss sie doch leben, diese Familie Nikolaus, die für all die schönen Kinderfilme mit Hämmerchen und Säge ans Werk geht, um zu zeigen, wo die Geschenke garantiert nicht herkommen. Wer mit Gerda Motschmann ins Gespräch kommt, der ist gewillt, seine Zweifel an der Existenz der himmlischen Weihnachtswerkstatt zu überdenken.

In ihrer Wohnung in Gaggenau erzählt Gerda Motschmann die Geschichte von der Lichterweihnacht in ihrer alten Heimat Seiffen, während sie die filigranen Schmuckstücken aus Holz in Position bringt, damit sie den Advent über leuchten.

Der Bergmann im Habit und seine Angetraute, sprich sein persönlicher Schutzengel, die Weihnachtspyramide, der Nussknacker – die muntere Seniorin kennt sie alle ganz genau. Aus gutem Grund. Sie wurde mitten hinein geboren ins Erzgebirge und hat dort ihr ganzes Berufsleben lang als Spielzeugbauerin gearbeitet.

Ein Beruf, der in ihrer Heimat Tradition hat, berichtet sie, während sie Licht um Licht in ihrer Wohnung entzündet. Ganz ähnlich muss es wohl ehedem auch im Erzgebirge gewesen sein, als der Bergbau dort begann und damit zum Entstehen einer kleinen Streusiedlung beitrug.

In strengen Wintern wurde im Erzgebirge viel geschnitzt

„Damals waren die Winter noch streng“, erzählt sie von langen kalten Abenden mit viel Schnee. Es wurde viel geschnitzt. Und die Menschen stellten Lichter auf, damit sie im Dunkeln wieder nach Hause fanden. „Damals war es eine Notwendigkeit. Heute ist es ein großer Luxus“, schwärmt sie von den traditionell gezierten Fenstern, in denen die Zahl der dort aufgestellten Figuren zeigten, wie groß die Familie ist, die dort lebte.

Irgendwann habe sich die alten Traditionen in Seiffen verändert. „Im West-Erzgebirge schnitzen sie heute noch.“ Im Mittelerzgebirge, im Seiffener Raum, wir dagegen gedrechselt. Das war ein großer Fortschritt, denn plötzlich war eine Vervielfältigung möglich. „So entstand dort die Industrie.“ Die Maschinen, mit denen ihre eigenen Großeltern diese Arbeiten leisteten, wurden nach einem Konzept von Leonardo da Vinci mit der Kraft der Füße angetrieben. Heute gehe das alles längst automatisch.

Drechselmaschinen lösten die Handschnitzereien ab

Doch die Großeltern, die sich 1906 in einer Mietwohnung selbstständig gemacht hatten, erlebten diese Ära noch hautnah mit. „Entlang dem Seiffenbach gab es Wasserkraft.“ Entsprechen boten findige Vermieter Drechselmaschinen in ihren Hallen zur Miete an. Zuhause wurden die Rohlinge dann verfeinert.

Keine Frage, dass sowohl ihr Vater als auch sie selbst in diese Fußspuren traten. „In Seiffen gab es damals schon eine Fachschule, in der die Spielzeugmacher ausgebildet wurden.“ Auch sie wurde dort später tätig und gab ihr Wissen an die jungen Lehrlinge weiter. Doch zuerst musste sie in den großväterlichen Betrieb einsteigen. „Dabei wäre ich viel lieber eine große Firma gegangen.“

Zwei Jahre später wurde ihre Tochter geboren. Das veränderte alles. Als sie in den Kindergarten kam, feilte sie an ihrem Wissen und bildete sich fort. „Das Fernstudium fiel mir schwer“, erinnert sie sich gut an die Problematik, Kind und Job unter einen Hut zu bringen. „Ich hatte ja auch keine Vorkenntnisse. Ich hatte, wie so viele, die Schule nach der achten Klasse verlassen.“ Aber sie schaffte es, bestand alle Prüfungen. „Ich wurde Holzgestalter. Heute sagt man Designer.“

Ich wurde Holzgestalter. Heute sagt man Designer.
Gerda Motschmann, Spielzeugbauerin

Ganz tief hat sie sich die Historie der alten Heimat verinnerlicht, die in den kommenden Tagen ihre ganz hohe Zeit erleben wird. Auch Tochter Annelie Metzner, die in Gaggenau als Zahnärztin tätig ist und dafür sorgte, dass die Mutter ebenfalls ins Murgtal zog, kennt diese vielen Traditionen nur zu gut.

Sie selbst gehörte den Kurrendesängern ihrer Heimat an. Mit den besonderen, oftmals selbst hergestellten kunstvollen Laternen am Stock zog diese Gruppe etwa bei der Christmette in die Kirche ein. „Das war immer wunderschön.“

Auch die Gaggenauer bekommen ein wenig vom Seiffener Glanz ab

Mindestens so schön wie all die kleinen Kunstwerke, die sie selbst in ihrem Hausstand bewahrt hat. Sie werden nun alle zur Geltung kommen, so dass dank Gerda Motschmann auch die Gaggenauer ein klein wenig vom Seiffener Glanz abbekommen.

Denn auch die sogenannten Schwibbögen sind Teil davon. Sie sind dem Eingang der früheren Stollen nachempfunden. „Am Heiligen Abend nach der Mettenschicht, dies ist die letzte Schicht der Bergleute im Jahr, platzierten sie ihre noch brennenden Grubenlampen rund um den Stolleneingang, so soll der halbkreisförmige Lichterkranz entstanden sein.“

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