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Einrichtung für Drogenabhängige

Wie der Rehaklinik in Freiolsheim der Spagat zwischen Corona und Rehabilitation gelingt

Die Rehaklinik in Freiolsheim arbeitet im Pandemie-Modus: Strenge Regeln bestimmen den Alltag. Für die Patienten ist das nicht immer leicht – und auch das Personal hat mit der Situation zu kämpfen.

Die übliche Nähe ist nicht möglich: Die Corona-Pandemie wirkt sich auf Gruppensitzungen ebenso aus wie auf den Klinikalltag. Das Personal in Gaggenau-Freiolsheim arbeitet unter anderem mit Abstandsregeln, festen Plätzen und strengen Lüftungsvorgaben. (Symbolfoto) Foto: Felix Kästle /dpa

„Man sitzt hier ein bisschen fest. Mich frustet das.“ Seit Mai lebt Anne M. (Namen aller Patienten geändert) mit ihrem kleinen Kind in der Rehaklinik in Freiolsheim. Diese hilft drogen- und mehrfachabhängigen Menschen auf ihrem Weg aus der Sucht – und operiert seit Monaten im Corona-Modus.

Es gibt nach wie vor Therapie- und Freizeitangebote, doch überall in der Einrichtung gelten strenge Abstands- und Maskenregeln. Wohngruppen bleiben weitestgehend unter sich, im Speisesaal herrscht Schichtbetrieb, in Gruppenräumen sind die Personenzahlen begrenzt und detaillierte Lüftungspläne einzuhalten, bei Sitzungen sind feste Plätze vorgegeben. Hinzu kommen strikte Ausgangs- und Besuchsbeschränkungen.

Mit der Quarantäne kommt auch Angst

Die Mitarbeiter „machen viel möglich“, sagt die 29-Jährige. „Ich kann die Regeln nachvollziehen. Aber es strengt an.“ Besonders die Vorstellung, sich irgendwie mit dem Coronavirus anzustecken, bereitet ihr Sorge. Denn eine Quarantäne verbindet sie mit „der Angst, dass man quasi weggesperrt wird“. Sie vermisst den persönlichen Austausch mit Bekannten und Verwandten.

Zudem tun sie und ihre Eltern sich mit den Besuchsregeln schwer. Derzeit darf nur eine Person kommen. Die Wahl fiel auf ihren Partner. Ihre Eltern dürfen nur noch das Enkelkind vor dem Haus abholen. „Es fällt nicht immer leicht, sich an die Regeln zu halten.“

Die erste Zeit war horrormäßig.
Wolfgang Indlekofer, Therapeutischer Gesamtleiter

„Es geht allen auf den Wecker, inklusive dem Chef“, sagt Wolfgang Indlekofer. Der Chef, das ist er selbst: Er ist der therapeutische Gesamtleiter der Einrichtung. Doch die Maßnahmen sind notwendig, damit er bei einem Infektionsfall nicht den Laden dichtmachen muss. Im Ernstfall kann er dem Gesundheitsamt sagen: Neben Mitarbeiter X oder Patient Y saßen nur diese und jene Personen, Kontakt gab es nur mit festen Gruppen, für Abstand und Schutz war gesorgt.

„Die Kunst ist: Wie findet man eine Balance zwischen Infektionsschutz und Rehabilitationsprogramm?“ Gerade zu Beginn der Corona-Krise bestimmte der Infektionsschutz den Alltag, berichtet Indlekofer. „Die erste Zeit war horrormäßig.“ Die Patienten hatten wochenlang weder Ausgang noch Besuch noch Heimfahrten. Die einzige Abwechslung boten Spaziergänge. „Es war wirklich: zwei Monate weggesperrt“, sagt er offen. „Es gab Patienten, für die war das der blanke Horror. Und Patienten, die gesagt haben: Ich bin froh, dass ich hier drin bin.“

Das Personal hält den Therapie-Alltag aufrecht

Auch für die Mitarbeiter war und ist es „furchtbar anstrengend“, sagt Indlekofer. „Wir versuchen, ein so normales Therapie-Angebot wie möglich stattfinden zu lassen.“ Privat sind die Mitarbeiter gehalten, sich auf die notwendigsten Kontakte zu beschränken. „Beim kleinsten Anzeichen von Erkrankung“ müssen sie zuhause bleiben und zum Arzt gehen. „Im Notfall fallen Angebote aus.“

Doch das Klinik-Team sorgt beherzt für Programm, organisiert Angebote für geteilte Gruppen doppelt und erledigt all die Zusatzaufgaben, die die Pandemie mit sich bringt. Dafür ist ihr Chef dankbar. „Wir haben wirklich durchgeackert.“

Patienten nehmen die Anstrengungen des Personals wahr. „Es wird das Maximum rausgeholt“, sagt Harri B. Der 35-Jährige ist seit August mit seiner Familie in Freiolsheim. „Man hat hier drin seine Einschränkungen“, aber auch Ausgang, Fitnessraum und Sauna. Im Sommer gab es zudem Gruppenausflüge mit den Kindern. Seine größte Sorge war, „ob meine Kids sich hier wohlfühlen“, und die „kommen gut klar“.

Die Pandemie hat ihm die Entscheidung herzukommen sogar erleichtert: „Draußen gibt’s nichts, meine Kinder verpassen nichts.“ Für ihn ist das einzige Lästige die Maskenpflicht. „Mit dem Rest kann man sich abfinden.“

Als ich die ganze Zeit zuhause saß, habe ich wieder angefangen zu konsumieren.
Lukas G., Patient (Name geändert)

„Die Decke fällt mir hier nicht auf den Kopf“, sagt auch Lukas G. (28) „Man hat so viel, an dem man arbeiten kann.“ Er ist seit Mai in der Reha. Trotz der Beschränkungen findet er: Die verbliebenen Freiheiten sind „nicht selbstverständlich“. „Das ist der Vertrauensvorschuss, den die Klinik uns gibt. Das finde ich super.“ Er ist froh, seinen Platz angetreten zu haben. Im Frühjahr hat die Corona-Krise seine Branche lahmgelegt. „Als ich die ganze Zeit zuhause saß, habe ich wieder angefangen zu konsumieren.“ Nun kann er sich auf seine Therapie konzentrieren.

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