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100 Billionen wurden verteilt

100 Jahre nach Beginn der Inflation: Acherner besitzt noch Not-Geldscheine von 1923

Geld in Hülle und Fülle gab es, als vor 100 Jahren die Inflation begann und auf deren Höhepunkt die Stadt Achern Notscheine in Milliarden Höhe druckte - hier Karl Römer mit den fünf und zehn Milliarden Scheinen Foto: Roland Spether

Wie lange Bürgermeister Wilhelm Schechter und Stadtrechner Sauer 1923 brauchten, um auf dem Höhepunkt der Inflation 14.000 Acherner Geldscheine zu unterschreiben, ist im Stadtarchiv nicht hinterlegt.

Wohl aber, dass die Gemeinderäte nach einer Recherche der Stadtarchiv-Leiterin Andrea Rumpf am 26. Oktober 1923 beschlossen, 6.000 Notscheine zu jeweils zehn Milliarden und 8.000 zu jeweils fünf Milliarden zu drucken und in einem Wert von 100 Billionen unter die Bürger zu bringen.

„Als sie endlich die 14.000 Scheine unterschrieben hatten, war das Geld nichts mehr wert“, so der Hobby-Numismatiker Karl Römer, der Originalscheine aus jener völlig verrückten Zeit besitzt.

Inflationsrate lag im vierstelligen Bereich

Es war eine wahre Sisyphus-Arbeit, mit den Notscheinen der seit 1921 dahin galoppierenden Inflation hinterher zu hecheln. Doch bei einer Inflationsrate von jährlich weit über 1.000 Prozent (heute 1,5 Prozent) war die Unterschriftenaktion aussichtslos und die städtischen Milliarden waren danach keinen Pfifferling mehr wert.

Die Acherner Milliarden-Scheine wurden von Bürgermeister und Stadtrechner eigenhändig unterschrieben Foto: Roland Spether

„Die Herstellungskosten bei den Badischen Nachrichten lagen bei 3,5 Millionen Mark, was bei den damaligen Verhältnissen in schwindelerregender Höhe von Milliarden oder Billionen scheinbar nicht viel Geld war, so Andrea Rumpf.

Die Badischen Nachrichten waren mit dem 1866 gegründeten Acher-Bote das Presseorgan in der Stadt, in der Hauptstraße 124 wurde auch das Verkündigungsblatt für den Amtsbezirk Achern gedruckt. Da lag es nahe, dort auch flugs Notgeld drucken zu lassen, damit die Acherner wenigsten etwas Papiergeld hatte, um sich auf dem Markt mit Kraut, Karotten und Kartoffeln einzudecken.

Tageslohn von einer Billion

Für große Sprünge reichten die Milliarden auf gar keinen Fall. Denn zum Ende der Inflation und dem großen Streichkonzert der Nullen hinter der Zahl war eine Billion (Zahl mit zwölf Nullen) noch eine Rentenmark oder eine Goldmark wert, was dem Gegenwert eines Tageslohns entsprach.

Wollte jemand vor der Inflation nach Amerika fliehen und dort sein Glück versuchen, musste er für 4,2 Dollar eine Billion Papiergeld hinblättern. Doch für ein Ticket sollten da schon ein paar harte Dollar mehr im Säckel sein.

Die Ursachen für die Inflation lagen in den enorm hohen Kosten, die Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an die Sieger zahlen mussten, was finanziell, wirtschaftlich und sozial zu einem völligen Desaster führte.

Hinzu kam, dass zehn Millionen Menschen aus früheren Gebieten des Deutschen Reiches in das „Restreich“ kamen und versorgt werden mussten, was für eine zusätzliche Belastung führte.

Es fehlte an allem, es gab keine Arbeit, die Preise für die wenigen Waren stiegen und stiegen und die Inflation kam vor 100 Jahren richtig in Schwung, was auch die Bürgers Acherns zu spüren bekamen.

Bevölkerung sollte Staat Geld spenden

Die Regierenden wussten sich nicht mehr zu helfen, griffen zu „Plan B“ und riefen die Bevölkerung auf, dem Staat mit Gold unter die Arme zu greifen. Das Motto lautete: „Gold gab ich zur Wehr - Eisen nahm ich zur Ehr“.

Der Trick war clever, denn die Leute sollten ihr Gold spenden und dafür bekamen sie als „Auszeichnung“ eine eiserne Ehrenmünze mit einer stilisierten Frau, die ihren Schmuck ablieferte. Wer drucken konnte, druckte Geld in Hülle und Fülle auf Papier und Leder, Aluminium und Seide, mit Gedichten von Goethe oder mit Dampflokomotiven, Brücken und Bahnhöfen wie die Reichsbahn.

Der „Acherner Vorschussverein“, Vorläufer der Volksbank, ließ Geldscheine im Wert von bis zu zwei Millionen drucken, der höchste Wert der Reichsbahn lag bei 20 Billionen. „Jeder hat gedruckt so viel er wollte und am Ende war Chaos hoch Drei“, führt Römer weiter aus.

Mit einem Wert von nur 1.000 Mark war die Aktie der „Badische Albertus Fahrzeugwerke“ aus Achern eher bodenständig angesiedelt, um Kapital in die Fabrik mit 300 Arbeitern zu pumpen. Diese produzierten Rohölmotoren für Motorräder, Kraftwagen und Boote. Doch der Höhenflug an der Börse dauerte von 1923 nur ein Jahr, dann folgte der Absturz und der Pleitegeier segelte über den Motorenbauern.

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