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53 Menschen gestorben

Im Ortenaukreis gibt es mehr Corona-Tote als in jedem anderen Kreis im Südwesten

Das Coronavirus und die von ihm ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 werfen noch viele Fragen auf – auch danach, wie die Statistik zur Zahl der Infizierten und Toten geführt wird. Das zeigt sich am Beispiel des Ortenaukreises. Die Zahl der Infizierten ist moderat, die der Toten die höchste im Südwesten. Was stimmt an der Statistik nicht?

Andere Testmethode, andere Ergebnisse: Bei vergleichsweise moderaten Infiziertenzahlen berichtet der Ortenaukreis regelmäßig von der höchsten Zahl von Corona-Todesfällen im Südwesten. Foto: Marquais

Es sind erschreckende Zahlen: Mehr als 800 Menschen sind im Ortenaukreis, amtlich festgestellt, mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert. 53 von ihnen sind inzwischen gestorben. Warum liegt die Todesrate in der Ortenau so hoch wie in keinem anderen Landkreis im Südwesten?

Fast jedes 13. Todesopfer durch das Virus im Südwesten stammt aus dem Ortenaukreis – und das, obwohl die Hotspots, betrachtet man die Zahl der offiziell gezählten Infizierten, teilweise ganz woanders liegen. Zum Beispiel in den Landkreisen Esslingen oder Ludwigsburg, bei denen bereits vergangene Woche deutlich mehr als 1.000 Virusträger registriert waren. Warum also die hohe Todesrate im Ortenaukreis?

Nur noch besonders gefährdete Menschen werden getestet

Der Kreis hat sehr früh damit begonnen, nicht mehr alle Verdachtsfälle auf das Virus zu testen, sondern nur noch besonders gefährdete Menschen und solche, die im Gesundheitswesen arbeiten. Das heißt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit bleiben sehr viele Infektionen unentdeckt.

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Das wirft eine wichtige Frage auf: Ist die Zahl der tatsächlich mit dem Virus infizierte Menschen weit höher als offiziell angegeben? Im Offenburger Gesundheitsamt geht man ohnehin davon aus, dass sechs- bis zehnmal mehr Menschen sich angesteckt haben als die Statistik ausweist.

Grenze zum massiv von Corona betroffenen Elsass blieb lange offen

Bemisst man die Infektionsrate an der Zahl der Todesopfer, wäre der Ortenaukreis einer der Hotspots im Südwesten. Eine nicht ganz abwegige Annahme angesichts der lange offenen Grenzen zum massiv betroffenen Elsass, mehr aber auch nicht. Das Landratsamt jedenfalls hält sich da in einer schriftlichen Stellungnahme auf eine Anfrage dieser Zeitung hin bedeckt – und verweist auf die geänderte Testmethode.

Die Zahl älterer Patienten nimmt zu

„Wir haben im Ortenaukreis recht früh begonnen, unsere Testungen zu priorisieren“, sagt Sprecher Kai Hockenjos. Umgerechnet auf 100.000 Einwohner liege die sogenannte Inzidenz bei etwa acht Todesfällen – „es gibt einige Kreise in Baden-Württemberg, die höher liegen“, so Hockenjos. Die steigende Todesrate erkläre sich durch die zunehmende Zahl älterer Patienten.

Straßburg und das Elsass gehören zu den Corona-Hotspots in Frankreich. Foto: Deck

Anfangs seien es vor allem jüngere Menschen gewesen, die sich angesteckt hatten und getestet wurden, so Hockenjos, beispielsweise Reiserückkehrer, die das Virus mit aus dem Urlaubsland brachten. Da seien die Erkrankungen häufig vergleichsweise milde verlaufen. Inzwischen aber habe das Virus die ältere Bevölkerungsschicht erreicht, und auch Menschen mit Vorerkrankungen. Das durchschnittliche Alter der Menschen, die nach einer Covid-19-Erkrankung im Ortenaukreis starben, liege bei Mitte 70 Jahren.

Neue Testmethode seit 21. März

Der Ortenaukreis habe bereits am 21. März seine Testmethodik umgestellt und sich vor allem darauf konzentriert, Risikogruppe zu schützen. Dabei gehe es zum Beispiel darum, zu verhindern dass Infizierte ausgerechnet in den Bereichen arbeiten, wo sie besonders gefährdete Menschen anstecken könnten – beispielsweise im Krankenhaus oder der Altenpflege.

„Unsere Tests verfolgen die Strategie, Infizierte von den am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen fern zu halten“, so Hockenjos. Dabei würden weiterhin die vorhandenen Laborkapazitäten völlig ausgeschöpft.

Viele Fragen bleiben offen

Welche Rolle der Ortenaukreis im landesweiten Corona-Geschehen tatsächlich hat, wird wohl noch für geraume Zeit offen blieben. „Die Testhäufigkeit beeinflusst ganz entscheidend die Anzahl der berichteten Infektionen“, so Lisa Schlager für das Landesgesundheitsamt. Dieses erstellt die tägliche Fallstatistik, die später vom Sozialministerium veröffentlicht wird.

Eine Vergleichbarkeit auf Kreisebene sei deshalb nur bedingt gegeben, zumal das Ergebnis auch von sogenannten Hotspots der Infektionen wie im Hohenlohekreis beeinflusst werde. Zudem habe sich das Geschehen in den vergangenen Wochen „sehr dynamisch“ entwickelt.

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