Skip to main content

„I hätt do mol e Frog“

In der ehemaligen Fautenbacher Kirche herrschten etwas andere Regeln

In der Kirche hatten die Geschlechter einst streng getrennt zu sitzen, Frauen links, Männer rechts - in Fautenbach war das in der Alten Kirche aber genau umgekehrt. Die Redaktion hat nach dem Grund dafür geforscht.

Links die Männer, rechts die Frauen: So saßen die Gottesdienstbesucher mit Blickrichtung zum Altar in der Alten Kirche Fautenbach in den Bankreihen. Foto: privat

Verkehrte Welt in Fautenbach? Im Acherner Stadtteil ist man in der Vergangenheit aus der Reihe getanzt – zumindest im ehemaligen Gotteshaus, denn dort galten einst andere Regeln als üblich. ABB-Leser Wilhelm Jäger hat die Redaktion gefragt, was es mit der etwas anderen Sitzordnung in der früheren katholischen Kirche auf sich hatte.

Während in Kirchen heute freie Platzwahl herrscht, galt in früheren Zeiten eine strenge Verteilung der Sitzplätze: Die Geschlechter hatten getrennt voneinander Platz zu nehmen, die Männer üblicherweise in Blickrichtung zum Altar in den Bänken auf der rechten Seite, die Frauen auf der linken.

In der Fautenbacher Alten Kirche war es aber ganz genau umgekehrt. „Es ist verwunderlich, dass es nur in dieser Kirche so gewesen zu sein scheint“, sagt Wilhelm Jäger. Auf der rechten Seite saßen einst ganz vorne auf den Kniebänken die Mädchen, dahinter einige Ordensschwestern und dann die weiteren Frauen. Eine eindeutige Erklärung für den Seitentausch scheint es nicht zu geben, dafür aber allerhand Theorien und Erzählungen.

Kriegsbedingt kamen mehr Frauen als Männer in die Gottesdienste

An eine davon erinnert sich Jäger selbst zurück: In seiner Zeit als Messdiener habe der damalige Pfarrer Richard Schmitt als Begründung angedeutet, dass der „Ehrenplatz“ der Kirchenbesucherinnen in Fautenbach auf der „besseren“ rechten Seite auf ein „gutes Werk“ von Frauen zurückgehe – was er damit gemeint haben könnte, lässt sich allerdings nicht herausfinden. Oder lag es vielleicht daran, dass die Kirche selbst einer Frau geweiht war, nämlich der Christina von Bolsena?

Eigentlich zu klein: Im Innenraum ging es einst häufig sehr beengt zu, einige ältere Fautenbacher erinnern sich, dass sie früher sogar auf den Stufen zur Orgel hinauf saßen. Foto: privat

An die strenge Trennung erinnert sich auch Erwin Manz von der Fautenbacher Geschichtswerkstatt: „Als Ehepaar zusammen in der Kirche zu sitzen, war undenkbar.“ Je nach Alter wechselte man innerhalb der Kirche den Platz: Als Junge saß er bis zur sechsten Klasse vorne auf Bänkchen ohne Rückenlehne, ab 18 Jahren durfte er auch auf die Empore, wo die Männer links vom Kirchenchor saßen.

Kriegsbedingt besuchten mit der Zeit viel mehr Frauen als Männer die immer gut gefüllte Kirche, sodass zeitweise die hinteren Reihen auf der linken „Männerseite“ für ältere Frauen reserviert wurden, sagt Erwin Manz. „Ich habe sehr gestaunt, als ich einmal in einer anderen Kirche im Gottesdienst war und alle anders saßen.“

In der neuen Fautenbacher Kirche St. Bernhard war die Links-Rechts-Regelung dann wieder umgekehrt. Die strenge Trennung der Geschlechter sei nach Manz‘ Erinnerung gegen Ende der 1960er Jahre aufgeweicht worden. Die Alte Kirche, die heute ein Konzertsaal ist, gehört seit 1978 der Familie des Acherner Bauunternehmers Karl Bold, der das Haus kaufte, renovierte und so vor dem Verfall bewahrte.

Geschlechtertrennung gegen „zu große sündige körperliche Nähe“

Die Geschlechtertrennung in der Kirche gibt es seit dem frühesten Christentum. Das sagt Andrea Rumpf, die Leiterin des Acherner Stadtarchivs, die auf das „Online-Brauch-Wiki“ des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege verweist: Einen eindeutigen Grund für die Seitenwahl und die übliche Regelung „Männer rechts, Frauen links“ könnten selbst Kirchenhistoriker nicht nennen, heißt es in dem dortigen Eintrag zur „Sitzordnung“, die in allen christlichen Konfessionen bekannt ist.

Grundsätzlich sollte mit der Geschlechtertrennung die „zu große sündige körperliche Nähe“ zwischen Frauen und Männern im Gotteshaus verhindert werden. Im Kirchenraum befänden sich zudem traditionell auf der Männerseite, der sogenannten Epistelseite rechts, häufig Seitenaltäre, die männlichen Heiligen geweiht seien, auf der Frauenseite links, der sogenannten Evangelienseite, eher Marienaltäre.

Ältere Fautenbacher berichten nach Auskunft von Andrea Rumpf übereinstimmend, dass sie früher mit ihren Vätern in der beengten Alten Kirche auf der Treppe zur Orgel gesessen hätten: jeder Zentimeter Platz sei während des Gottesdienstes ausgenutzt worden. „Die Kirche war für 220 Personen ausgelegt, oft wollten aber 400 in die Messe – Fautenbach ist im Verlauf der Jahrhunderte kräftig gewachsen“, sagt die Stadtarchiv-Leiterin.

Der 1950 geborene Fautenbacher Leopold Lorenz erinnert sich etwa daran, dass in seiner Kindheit oft die Frauen in die Frühmesse gingen, während die Männer in dieser Zeit die Arbeit im Stall erledigten.

Auch das „Schisshüsl“ befand sich auf der linken Seite

„Nach der Frühmesse konnten sich die Frauen dann dem Kochen und der Haushaltsführung widmen, während die Männer die Messe besuchten und hinterher beim Frühschoppen im Gasthaus verweilten. Danach ging es zu Fuß nach Hause zum Mittagessen.“

Für die Fautenbacher Sitzverhältnisse hat Leopold Lorenz eine praktische Idee: Auf der linken Seite habe sich das „Schisshüsl“ befunden, also die „Toilette“ der Kirche – dort sind heute die Gefallenen-Denkmäler. So hätten die älteren Männer mit schwacher Blase unauffällig verschwinden können, um ihre weltlichen Bedürfnisse zu stillen und hinterher genauso unauffällig wieder dem Gottesdienst beiwohnen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang