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Bewohner und Mitarbeiter an der Belastungsgrenze

Keine Spur von der neuen Freiheit durch Corona-Impfungen in den Pflegeheimen im Ortenaukreis

Die mobilen Impfteams in den Pflegeheimen im Ortenaukreis haben ihre Arbeit getan. Doch das Leben der Menschen in den Heimen bleibt weiter streng reglementiert.

In den Pflegeheimen in der Region herrscht weiter ein strenges Corona-Regime, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Die vom Land in Aussicht gestellten Lockerungen gibt es erst einmal nur auf dem Papier. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Ende März waren die 62 Pflegeheime im Ortenaukreis „durchgeimpft“. Doch bis zur erhofften Normalität ist ein weiter Weg. Und der ist beschwerlich. „Die Menschen haben das Thema Corona einfach satt, sie fühlen sich wie in einem Hamsterrad, immer kommt etwas Neues“, sagt Marco Porta.

Er leitet das Pflege- und Betreuungsheim des Ortenaukreises, in dem rund 300 Menschen wohnen. Zweimal hatte man das Virus schon im Haus, einmal waren 15 Menschen betroffen, einmal 20. „Es gab auch Todesopfer“, sagt Porta.

Die Hoffnung, dass mit der flächendeckenden Impfung der Menschen in den Heimen nun endlich wieder so etwas wie Alltag einkehrt, sie hat sich zerschlagen. Das liegt am tückischen Virus selbst, es liegt aber auch an der Bürokratie, die bisweilen kein Problem hat, auf der Einhaltung offensichtlich widersprüchlicher Regeln zu beharren. Und die vor allem Eines ist: kompliziert.

Am Montag waren wir erst einmal etwas verwirrt durch zwei unterschiedliche Coronaverordnungen.
Simone Sindram, Leiterin Villa Antica

„Am Montag waren wir erst einmal etwas verwirrt durch zwei unterschiedliche Coronaverordnungen“, sagt Simone Sindram. Sie leitet das Pflegeheim Villa Antika in der Acherner Oberstadt. Zu Arbeitsbeginn habe man zwei unterschiedliche Regelwerke vorgefunden: Die allgemeine Coronaverordnung des Landes und die spezielle für Kliniken und Pflegeheime.

Einmal wird eine Alltagsmaske vorgeschrieben, einmal ein FFP-2-Schutz. „Das war“, sagt Sindram, „auch für die Mitarbeiter nicht mehr nachvollziehbar“. Ständig würden neue Regeln oben drauf gepackt – „die Stimmung ist immer angespannter“, sagt Sindram, die Beschäftigten seien an der Belastungsgrenze.

Lockerungen bei Impfrate von 90 Prozent schwer zu erreichen

Erste Lockerungen winken, wenn die Bewohner der Heime zu 90 Prozent geimpft sind. Diese Ankündigung des Landes am Wochenende hatte bei vielen Angehörigen pflegebedürftiger Menschen Erleichterung ausgelöst. Endlich, so die Hoffnung, könne man einander wieder unbefangener gegenübertreten, auch einmal die Maske abnehmen. Doch der Teufel liegt im Kleingedruckten. Denn 90 Prozent Impfquote, das erreichen die Pflegeheime nicht so einfach.

Einige Senioren haben die Spritze abgelehnt, auch wenn inzwischen immer mehr doch um eine Impfung bitten. Dann ist da noch die unvermeidliche Fluktuation: Wenn ein älterer Mensch stirbt, ist längst nicht sicher, dass der, der auf ihn folgt, auch schon seine Spritze bekommen hat. „Wir sind unter 90 Prozent, ich war auch überrascht“ sagt beispielsweise Marco Porta. Also wird es erst mal nichts mit den Lockerungen.

Die wären aber sowieso überschaubar gewesen, am Testprocedere für Besucher und der Maskenpflicht in den meisten Situationen ändert sich erst einmal wenig. Und dann stellt sich noch die Frage, was eigentlich passiert, wenn zwei Menschen in einer Wohngruppe zugleich Besuch bekommen.

Dies nämlich verstößt gegen die allgemeine Coronaverordnung, die für jedermann gilt: Besuch nur von nur einer haushaltsfremden Person. „Das ist für mich nicht klar geregelt“, sagt Simone Sindram. Sie hätte auch sagen können: Ein heilloses Durcheinander.

Achener Krankenhaus fordert eine Zukunftsperspektive

Bewohner und Mitarbeiter leben seit mehr als einem Jahr mit den Beschränkungen, und sie kommen an ihre Belastungsgrenzen. „Je länger es dauert, umso schwieriger wird es“, sagt Sabine Fronz, Geschäftsführerin der Altenpflegeheims St. Franziskus am Acherner Krankenhaus.

Die Situation treffe die Menschen in einer Phase, wo man sich immer bewusster werde, dass die verbleibende Lebenszeit begrenzt ist. „Da fragt man sich dann unwillkürlich, wie man seinen nächsten Geburtstag wohl feiern kann“. Um so schmerzlicher sei es, wenn so ein Jahrestag dann praktisch ausfällt, weil niemand zum Feiern kommen darf.

„Wir brauchen“, so Fronz, „jetzt eine Perspektive, mit welchen Maßnahmen wir ans Ziel kommen“. Es werde immer schwieriger. „Am Anfang haben wir die Ärmel hochgekrempelt, jetzt aber merkt man, wie kräftezehrend es für alle ist“. Die Bürokratie sei beachtlich, mit „Formularen, Registrierungen, Abklärungen“.

Und dann die Vorgaben von oben: „Was vom Land kommt, das kommt immer von heute auf morgen“. Auch die Tests – nicht geimpfte Mitarbeiter müssen drei Mal pro Woche ran – seien ein Kraftakt, mit umfassenden Dokumentationen und viel Zeitverlust.

Oft nur jeder zweite Mitarbeiter gegen Corona geimpft

Immerhin: Viele, die anfangs skeptisch waren, lassen sich jetzt immunisieren. Das gilt vor allem für die Mitarbeiter. Während die Senioren nur ausnahmsweise Nein sagten zur Spritze, ist in manchen Heimen nur jeder zweite Beschäftigte geimpft.

„Ich sage jetzt nicht, was in von den Mitarbeitern halte, die sich geweigert haben“, sagt einer der Gesprächspartner am Rande. Denn nur auf zwei Wegen kann das Virus in die Heime kommen: Über die Beschäftigen oder über Besucher.

Dass dies immer wieder geschieht, ist eine bittere Erkenntnis. „Wir hatten Corona glücklicherweise erst im Haus, nachdem alle geimpft waren“, sagt Simone Sindram. Glück gehabt, es blieb bei leichten Verläufen, manche Senioren waren symptomfrei. Doch die Gefahr lauert. „Es gibt“, so Sabine Fronz, „immer mal wieder einen Fall. Es ist nicht so, dass Corona nicht mehr präsent ist“.

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