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Musikschule Bühl stellt Angebot um

Coronavirus: Musiklehrer kommen per Video-Chat ins Haus

Die Corona-Krise zwingt die Musikschulen und ihre Lehrkräfte zum Umdenken. Da aufgrund der Pandemie die Schulräume bis auf Weiteres geschlossen sind, rückt der Online-Unterricht in den Fokus. Die Städtische Schule für Musik und darstellende Kunst hat dazu ein Kompetenzteam gebildet.

Die Musik geht online: Der Gitarrist Sebastian Koehn hat seinen Unterricht bereits umgestellt. Foto: pr

Musik verbindet – trotz Corona. Angesichts geschlossener Schulräume gehen immer mehr Musiker dazu über, ihre Schülerinnen und Schüler online zu unterrichten. Chat-Dienste wie Skype und Facetime machen’s möglich. Die Schule für Musik und darstellende Kunst Bühl ist derzeit dabei, einen Großteil ihres Unterrichtsangebotes auf die neue Situation umzustellen, berichtet deren Leiter Bernhard Löffler. Dazu sei eigens ein Kompetenzteam gegründet worden, in dem sich Lehrer gegenseitig unterstützen.

Unterrichtsstunde per Skype

Sebastian Koehn, der an den Musikschulen in Bühl und Kandel sowie privat E-Gitarre unterrichtet, war einer der ersten Musiklehrer der Region, die auf das Online-Angebot umstellt haben. „Seit ich das erste Video über Corona im Januar gesehen habe, war für mich klar: Da geht was ab“, berichtet der Profi-Musiker. Deshalb habe er sich schon lange vorbereitet, um den Unterricht nach der Schließung der Musikschulen weiterführen zu können. Denn wer als Honorarkraft nicht unterrichtet, dem brechen die Einnahmen weg.

Seit 16. März läuft der Unterricht nun online aus seinem privaten Musikzimmer – vier Quadratmeter groß, wie Koehn augenzwinkernd anmerkt. Was die Übertragungstechnik anbelangt, so hat sich der Lehrer selbst von seinen jungen, Internet-erfahrenen Schülern helfen lassen. Um die 70 Gitarrenfans im Alter von sechs bis 60 Jahren und damit 95 Prozent seiner Schüler nehmen das Online-Angebot wahr, freut sich Koehn über die große Resonanz.

Videos als Lernhilfen für die Schüler

Da das Zusammenspielen nicht möglich ist, hat er den Unterricht etwas umgestellt und verschickt auch Videos, auf denen die Schüler in Ruhe das Erlernte nochmal durchgehen können. Mit Älteren wird auch die Harmonielehre, also Theorie, vertieft – nach dem Motto „Die Zeit sinnvoll nutzen“. „Es ist super anstrengend, ich falle abends todmüde ins Bett“, sagt Koehn mit Blick auf das straffe Arbeitsprogramm von täglich 13 bis 22 Uhr.

Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen in der Bühler Musikschule fangen jetzt auch mit dem Online-Unterricht an, so Koehn, der an dieser Stelle den Eltern der Schüler für ihre Unterstützung dankt. Der Musiklehrer weiß auch um den psychologischen Effekt des Musikunterrichts: Da Schule und Sport komplett wegfallen, sei er für die Schüler ein fester Punkt im derzeit eingeschränkten Leben. Und das Online-Angebot scheint offensichtlich zu fruchten. Koehn: „Bei manchen habe ich schon den Eindruck, dass sie mehr üben.“

Die Schüler müssen auch in den harten Corona-Zeiten eine Abwechslung haben.
Jürgen Mehrbrei, Profi-Musiker

„Die Schüler müssen auch in den harten Corona-Zeiten eine Abwechslung haben“, sagt Jürgen Mehrbrei. Der Profi-Musiker aus dem Sinzheimer Ortsteil Müllhofen hat den Hobbyraum in seinem Keller zum Unterrichtszimmer umfunktioniert und ist seit einer Woche online. „Mit Unterstützung durch meine Frau habe ich mich da reingearbeitet, man lernt ja nie aus.“ Mehrbrei spielte viele Jahre bei der Bundeswehr, so ab 1992 im Luftwaffenmusikkorps Karlsruhe (Tuba, Kontrabass, E-Bass), das 2014 im Zuge der Bundeswehrreform aufgelöst wurde. „Seit ich gezwungenermaßen in Pension bin, habe ich das Unterrichten etwas forciert“, berichtet der Musiker, der jetzt an der Acherner Musikschule Klangfabrik tätig ist und als Dirigent die Sasbacher Trachtenkapelle sowie den Musikverein Fautenbach leitet.

Unterricht aus dem Hobbykeller: Jürgen Mehrbrei. Foto: None

Angebot stößt auf große Resonanz

Momentan unterrichtet er online knapp 40 Jugendliche im Alter von zehn bis 14 Jahren, aber auch einige Erwachsene auf den Instrumenten Tuba, Tenorhorn und Posaune, also im tiefen Blech. Sowohl Musikschüler als auch Vereinsmitglieder und private Interessenten bilden sich bei ihm fort. „Die Resonanz ist gut. Ich war überrascht, wie das angenommen wird“, freut sich der Musiklehrer. Über Skype müsse man den Kindern und Jugendlichen eh nichts mehr beibringen: „Die kennen sich aus am Laptop oder Tablet, das auf dem Notenpult liegt. Da geht das ruckzuck, da kann ich von ihnen noch was lernen.“

Um 11 Uhr beginnt der Online-Unterricht, schildert Mehrbrei den Tagesablauf, der momentan etwas zerstückelter sei als sonst, da die Kinder auch viele Hausaufgaben machen müssten. Die Technik funktioniere, auch wenn der Ton zu wünschen übrig lasse und ein Zusammenspiel nicht möglich sei. Aber beim Einzelspiel kann er die Schüler korrigieren und Tipps geben.

„Das Wichtigste ist, dass die Kinder an der Stange bleiben und Spaß an der Musik haben. Man weiß ja nicht, wie lange das andauert mit Corona. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Kinder am 20. April wieder in die Schule gehen.“ Musik soll helfen, die schweren Zeiten, in denen Sport- und andere Freizeitangebote der Vereine wegfallen, zu überbrücken.

Die Folgen der Corona-Pandemie treffen die selbstständigen Kulturschaffenden hart. Der Deutsche Tonkünstlerverband warnt vor einem Kollaps der Kultur- und Kreativszene durch massive Verdienstausfälle und fordert im Schulterschluss mit dem Deutschen Musikrat ein zunächst auf sechs Monate begrenztes Grundeinkommen in Höhe von 1.000 Euro netto für alle Mitglieder der Künstlersozialkasse. Eine Forderung, die Wolfgang Joho mit Nachdruck unterstreicht. Der freiberufliche Musiker aus Ottenhöfen unterrichtet an der Lenderschule Sasbach und Waldorfschule Offenburg und hat jetzt auch den Online-Unterricht gestartet.

Der Geiger und Bratschist ist üblicherweise auch bei Konzerten in der Region gefragt. Sechs bis acht Auftritte hat er jedoch bereits aus seinem Kalender streichen müssen – und damit auch die Gagen. Und es wird seiner Auffassung noch lange dauern, bis die Chöre ihre Proben und den Konzertbetrieb wieder aufnehmen und er als Gast-Profimusiker verpflichtet wird.

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