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„MINT-freundliche Schulen“

Naturwissenschaften sind nichts für Mädchen? Zwei Acherner Lehrer im Interview

Naturwissenschaften und Technik werden häufig als „Jungen-Schulfächer“ wahrgenommen. Ob das stimmt, erklären zwei Acherner Fachlehrer im Interview.

Technische Programme oder selbstkonstruierte Bauteile: In den naturwissenschaftlichen Fächern geht es häufig darum, etwas praktisch selbst zu bauen, zeigen die Fachlehrer vom Gymnasium Achern, Heidrun Gutt und Stefan Hunn. Foto: Stefanie Prinz

Wenn es in der Schule um Technik und Zahlen geht, haben Jungen meist die Oberhand – so zumindest das landläufige Vorurteil. Aber stimmt es immer noch?

Darüber sprach Redakteurin Stefanie Prinz mit zwei Fachlehrern der sogenannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik vom Gymnasium Achern, das neben anderen Schulen in der Region kürzlich als „MINT-freundlich“ ausgezeichnet worden ist: Stefan Hunn ist Koordinator dieser Fächer am Gymnasium, Heidrun Gutt ist Mathematiklehrerin.

Klischeemäßig sind die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer eher „Jungsfächer“. Ist da heutzutage etwas dran?
Stefan Hunn

Leider hat sich das meiner Erfahrung nach im Vergleich zu früher nicht verändert. Ich habe da zwar auch Mädchen im Unterricht, aber wenn man sieht, was sie alles können, dürften es noch mehr sein: Die Mädchen, die das Fach NWT wählen, also „Naturwissenschaft und Technik“, sind oft sehr erfolgreich darin. Viele von den letztjährigen Zehnern machen damit dann auch in der Oberstufe weiter. Andererseits verkennen manche dieses Fach ein bisschen als Basteln oder Werken, aber das ist es eben auch nicht.

Gilt das Klischee eigentlich auch für den Kreis der Lehrer?
Heidrun Gutt

In der Mathematik sind wir im Kollegenkreis in der Mehrheit Lehrerinnen. Bei den Schülern gibt es in diesem Fach weder mehr Jungen oder Mädchen noch eine besondere Aufteilung bei den Leistungen.

Stefan Hunn

In Physik, Chemie und Biologie sind wir im Kollegenkreis dahingehend gut aufgestellt, nur bei NWT sind wir leider ein reiner Männerverein. Das Fach lief bisher eher nebenher mit, das ändert sich jetzt aber massiv: Wir haben hier einen Referendar, der tatsächlich NWT studiert hat – das ist eine Besonderheit im Regierungspräsidium Freiburg, denn er gehört zum ersten Jahrgang mit diesem Studium, der gerade ausgebildet wird.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, hat einmal vorgeschlagen, diese Schulfächer nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten, weil Studien zufolge eher Mädchen technische Berufe ergreifen, die von reinen Mädchenschulen statt von gemischten Schulen kommen. Wie sehen Sie das?
Heidrun Gutt

Prinzipiell kann ich mir vorstellen, dass sich Schülerinnen in diesen Fächern vielleicht eher etwas zurücknehmen, weil noch immer die Mainstream-Meinung gilt, Naturwissenschaften und Technikfächer seien nichts typisch Mädchenhaftes.

Stefan Hunn

Als Lehrer kann man das zum Teil steuern: Wenn man in Projektarbeiten reine Mädchengruppen bildet, hat man nicht das Problem, dass sich die „lauten Jungen“ immer durchsetzen. Allerdings finde ich, dass man das weniger am Geschlecht festmachen kann und es viel mehr auf den Charakter der Person ankommt.

Um das Siegel „Mint-freundliche Schule“ zu bekommen, müssen mindestens zwei der vier Buchstaben eine Rolle spielen. Wie sieht das am Gymnasium aus?
Stefan Hunn

Bei uns kommen alle vier vor und das auch einigermaßen gleichwertig.

Heidrun Gutt

Der erste Buchstabe, die Mathematik, ist bei uns sowohl durch Wettbewerbe vertreten, an denen die Schüler teilnehmen können, als auch durch die Module, sprich Arbeitsgemeinschaften, die wir in unserem Wahlpflichtbereich anbieten. Es geht dabei nicht nur darum, schwache Schüler zu stützen, sondern auch darum, stärker Schüler weiter zu fördern. In dem Modul MKID („Mathe kann ich doch“), einem Programm der Vector-Stiftung Stuttgart, ist das Ziel, Schüler für Mathematik zu begeistern, indem man sie weniger theoretisch angeht, sondern mehr selbst ausprobiert. Die Schüler lernen dabei aber auch Dinge, die sie in den anderen Fächern brauchen können: wie man ein Problem reduziert betrachtet, es beobachtet und systematisch nach einer Lösung sucht.

Stefan Hunn

Alle Bereiche, die gefordert sind, anzubieten, ist nicht ganz leicht, weil man ja als Lehrer ein begrenztes Budget an Stunden hat. Im Bereich Informatik ist es zum Beispiel so, dass auch einer unserer Schüler als Mentor eine Programmiersprache unterrichtet. Im Shutdown im Frühjahr hat er angefangen, Kurse zu geben, die sehr gefragt waren. Am Anfang habe ich noch Tipps gegeben, aber das wurde ein richtiger Selbstläufer: Die Schüler machen selbst weiter, online und zum Teil sogar samstags.

Heidrun Gutt

Die anderen Naturwissenschaften sind bei uns im Pflichtunterricht vertreten, dazu kommen zum Beispiel noch Dinge wie „Jugend forscht“ oder Astronomie als Wahlfach in der Oberstufe. Das Siegel ist für den Kollegenkreis auch ein Zeichen, dass die Naturwissenschaften neben den klassischen Hauptfächern und den Sprachen auch ein Schwerpunkt bei uns sind.

Wo sehen Sie in diesem Bereich Verbesserungsbedarf?
Heidrun Gutt

Manches ist strukturell bedingt nicht so gut: Die Informatik zum Beispiel ist in der siebten Klasse im Bildungsplan integriert, und dann bricht das ab. Bei uns an der Schule können wir das Fach danach in einem Modul „warmhalten“, bis es in der Oberstufe wieder angeboten wird.

Der Initiative zufolge, die hinter der Auszeichnung steht, soll es auch darum gehen, die Zahl der Studienanfänger in diesen Fächern an den Hochschulen zu erhöhen.
Stefan Hunn

Wir wollen die Schüler nicht dazu drängen, in den Ingenieursberuf zu gehen, nur, weil sie das Fach NWT gewählt haben, aber man sollte schon zeigen, was in dem Gebiet alles möglich ist.

Heidrun Gutt

Das funktioniert auch dadurch, dass die Schüler in dem Bereich Erfolgserlebnisse sammeln: In Projekten stellen sie etwas her, das man später tatsächlich anschauen kann und das auch funktioniert.

Stefan Hunn

Solche Produkte können, wie aktuell, eine Ampel für den CO2-Anteil im Raum oder auch ein im 3D-Druck erstelltes Bauteil sein. Ein anderes Beispiel: Schüler haben für einen möglichen Sitzbereich hinter unserer Mensa statische Berechnungen und eine Präsentation erstellt. Nach einer Kostenaufstellung und Modellen wäre der nächste Schritt, dass das alles der Stadt und der Schulleitung vorgestellt wird, um das Projekt zu realisieren. Die Idee kam von den Schülern, aber Statik und technische Mechanik, die hier wichtig waren, sind auch Inhalt des Bildungsplans. Oft sind Schüler so fixiert darauf, was sie planmäßig alles wissen müssen, dass sie bei Projekten wie diesem gar nicht merken, dass sie gerade ganz viel gelernt haben.



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