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Tiefkühl-Boom durch Corona

Plötzlich „cool“: Mit dem Eismann unterwegs in Achern

Die Tiefkühl-Lieferdienste erleben seit dem Beginn der Corona-Pandemie einen enormen Kunden-Ansturm. Die Redaktion hat einen Fahrer begleitet.

Corona-bedingter Abstand an der Haustür: Verkaufsfahrer Ralf Grether (rechts) packt die tiefgekühlten Waren in einen Korb, den Kunde Sven Essig in Oberachern bereitgestellt hat. Foto: Stefanie Prinz

Fisch soll es heute sein, sagt Frau Huber. Nur welcher? „Eismann“ Ralf Grether zückt den dicken Ordner, in dem alle Gerichte abgebildet sind. Lachs? Nein, lieber Kabeljau. Der wandert jetzt in die Kühltruhe von Frau Huber, die ihren Vornamen nicht verraten will. Tiefgekühlte Lebensmittel direkt an die Haustür – dieses Geschäft erlebt seit Corona einen enormen Zulauf. Das bekommt auch Fahrer Grether zu spüren, der an diesem Vormittag in Oberachern ausliefert. „Und heute ist es noch ruhig – manchmal sind es zwischen 70 und 80 Kunden an einem Tag“.

Hinter den Kulissen: Der Verkaufswagen wird im Regionallager in Ettlingen bestückt. Der „Eismann“ besucht die Kunden alle drei Wochen. Foto: Stefanie Prinz

Seit der Corona-Krise macht das Unternehmen Eismann 30 bis 40 Prozent mehr Umsatz pro Tag, sagt Maximilian Bröcker, der als regionaler Vertriebsleiter auch für Achern zuständig ist: „Von den ersten Hamsterkäufen im Februar haben wir noch gar nichts mitbekommen, aber mit dem Lockdown im März ging der Boom los, und auch jetzt merken wir noch, dass es deutlich mehr ist als im Vorjahr“.

Auch Mitbewerber Bofrost verzeichnet seit Beginn der Krise Zuwachs; dabei hätten Kunden pro Besuch mehr bestellt als gewöhnlich, und das in höherer Frequenz, sagt Ronald Ehring, Niederlassungsleiter in Offenburg: „Wir gehen davon aus, dass viele Kunden weiter den Gang in den Supermarkt scheuen werden und sich auf die regelmäßige Versorgung durch Lieferdienste verlassen“. Besonders deutlich sei der Anstieg im sogenannten E-Commerce gewesen, dem elektronischen Handel über das Internet, und durch Telefonmarketing. Insgesamt sei in dieser Zeit sehr viel neue Kundschaft dazugekommen, sagen beide Unternehmen.

Großteil der Käufer hat Verständnis fürs Abstandhalten

Eismann-Fahrer Ralf Grether hat es an diesem Morgen dagegen mit Stammkunden zu tun, die seit Jahren dabei sind – man kennt sich. Ob sie beim nächsten mal, wenn der „Eismann“ in drei Wochen wieder bei ihr klingelt, zu Hause sein wird, kann die nächste Kundin noch nicht sagen: Eine Knie-Operation steht an, verrät sie ihm, als er ihr die Tüten mit gefrorenen Pilzen an der Haustür sicherheitshalber am langen Arm übergibt. „90 Prozent der Kunden hat Verständnis, was das Abstandhalten angeht“, sagt Grether. „Aber wir können das ja auch gut kontrollieren. Bei manchen spürt man aber regelrecht die Angst vor dem Virus.“

Nicht so bei Wilhelm Hiegert, der wenige Straßen weiter wohnt. Er hat die Waren-Nummern der Eissorten, für die er sich entschieden hat, schon auf einem Zettel notiert. Der Fahrer legt die Packungen in eine Kiste, die Hiegert auf den Stufen vor dem Hauseingang bereitgestellt hat – so geht die Übergabe ohne Kontakt und ohne die Lebensmittel etwa direkt in die Küche zu tragen. Zwar gehe er, auch in der jetzigen Situation, ab und an in den Supermarkt, der Lieferdienst sei aber zusätzlich praktisch, sagt der Oberacherner und nimmt noch einen Gruß an die Ehefrau von der Haustür mit.

Einen speziellen Kunden-Typen gibt es nicht

„Die Menschen sind in der Corona-Zeit deutlich dankbarer, dass es mobile Lieferungen gibt, vor allem die Älteren“, hat Ralf Grether beobachtet. Einen speziellen Kunden-Typ gebe es aber nicht, das sei altersmäßig bunt durchmischt. Zur jüngeren Generation gehört zum Beispiel Sven Essig, der ebenfalls nicht erst seit der Pandemie liefern lässt – über die Schwiegereltern sei er dazu gekommen. Der nächste Liefertermin überschneidet sich mit seinem Urlaub. „Wir telefonieren“, meint Grether und macht sich wieder auf den Weg.

Außentemperatur im Blick: Im Transporter ist es beim Start minus 40 Grad kalt. Foto: Stefanie Prinz

Der führt am Mittag noch nach Ottenhöfen. Vom Achertal reicht Grethers Einsatzgebiet über Achern und Renchen bis Oppenau sowie von Kehl bis Freistett. Bestückt wird der rote Lieferwagen im Lager in Ettlingen. Wenn er dort am Morgen losfährt, liegt die Kühltemperatur bei minus 40 Grad; im Lauf des Tages klettert sie auf 20 Grad unter Null. Steigt sie noch höher, muss die Fahrt beendet werden, auch wenn die Temperatur den Tiefkühlwaren noch nichts ausmacht. „An warmen Tagen wie heute ist das manchmal schwierig.“

Tiefgekühlte Waren bringen auch die 36 Verkaufsfahrer der Offenburger Niederlassung von Bofrost in die Region – in der aktuellen Situation mit Mundschutz und ebenfalls kontaktlos. Aktuell ganz besonders gefragt bei den Kunden seien Erbsen, wie Niederlassungsleiter Ronald Ehring wissen lässt: In allen zwölf europäischen Ländern, in denen Bofrost unterwegs ist, seien in den vergangenen Wochen 590 Tonnen davon verkauft worden – würde man einen Tiefkühlwagen nur mit Erbsen beladen, käme man damit auf rund 620 Fahrzeuge.

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