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Politischer Druck wächst

Streitgespräch um Motorradlärm im Nordschwarzwald: „Anwohner haben am Wochenende kaum eine ruhige Minute”

Die Debatte über rasende Biker und zu laute Auspuffanlagen hat sich hochgeschaukelt. Der Bundesrat schockte im Mai die Biker-Gemeinde mit einem radikalen Forderungskatalog; zehntausende Motorradfahrer gingen danach auf die Straße. Wie können beide miteinander auskommen?

Wie viel Repression gegenüber Motorradfahrern ist nötig? Sasbachwaldens Bürgermeisterin Sonja Schuchter und Michael Lenzen vom Bundesverband der Motorradfahrer sprechen über Motorenlärm - und sind sich weitgehend einig. Foto: Screenshot BNN

Die Sasbachwaldener Bürgermeisterin Sonja Schuchter, die gemeinsam mit dem Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung, Thomas Marwein, das Thema wieder auf die politische Agenda gesetzt hat, nahm sich auf Einladung der Badischen Neuesten Nachrichten Zeit für ein Streitgespräch mit Michael Lenzen.

Von den Protesten hält der Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer selbst nicht viel.

Und auch sonst offenbart das von BNN-Redakteur Frank Löhnig moderierte Streitgespräch weitaus mehr Gemeinsamkeiten als Dissens.

Frau Schuchter, wann war Ihnen klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann?
Sonja Schuchter

Das Thema hat mich schon bei der Bürgermeisterwahl 2016 begleitet. Im August kamen die Menschen mit dem Problem auf mich zu – die Sasbachwaldener Ortsdurchfahrt wird von vielen Zweiradlenkern als Auffahrt zur Schwarzwaldhochstraße genutzt,die Anwohner haben an den Wochenenden kaum eine ruhige Minute. Anfangs fand ich es gar nicht so schlimm, doch 2017 und 2918 hat sich die Situation massiv zugespitzt. Von Freitag bis Sonntag heulen die Motoren. Ich habe dann versucht,Druck auf die Landesregierung auszuüben, ich fühle mich dazu gegenüber den Bürgern verpflichtet, die kaum noch eine Tasse Kaffee auf der Terrasse trinken können ohne dass die Heizer und Raser hier durchfahren.

Michael Lentzen

Ich kann die Anwohner verstehen, das ist ein ernstes Problem. Ich verfolge den Motorradmarkt seit 30 Jahren – die Zulassungszahlen steigen stetig und die Maschinen werden immer lauter.

Sonja Schuchter

Seit mindestens zehn Jahren beschweren sich die Bürger bei der Gemeinde. Es ist keine Frage, der Verkehr hat deutlich zugenommen.

Lenzen

Das deckt sich mit unseren Beobachtungen. Nicht nur im Schwarzwald gibt es immer mehr Freizeitverkehr. Es reicht auch nicht mehr aus, bei den Bikern auf einzelne Schwarze Schafe zu verweisen, der Verkehr hat überall deutlich zugenommen, sei es mit dem Motorrad oder dem Auto. Dazu kommt: Die Auspuffklappen, die es inzwischen auch bei vielen Autos gibt, sind eine fatale Entwicklung. Sie produzieren Lärm, den man nicht braucht. Der Ansatz, hier die Zulassungsbestimmungen zu ändern, ist wichtig und richtig. Auch eine Lärmobergrenze ist notwendig, doch die vom Bundesrat geforderten 80 dB sind unsinnig. Das würde das Aus für Verbrennungsmotoren bedeuten, auch bei vielen Autos übrigens.

Offensichtlich trägt die Debatte bereits Früchte – im Sasbachwaldener Gemeinderat gibt es jedenfalls Stimmen, dass sich die Situation seit der Aufstellung des Lärmdisplays verbessert hat.
Schuchter

Ja,und das freut mich. Ich sehe drei Ansätze für eine Lösung: Den politischen Druck auf den Gesetzgeber, dass gewisse Dinge künftig nicht mehr erlaubt sind,die Sensibilisierung von Motorradfahrern, von denen ich bereits erste positive Rückmeldungen erhalten habe und schließlich das Gespräch mit den Herstellern der Maschinen. Die Obergrenze von 80 dB ist wohl zu eng gesteckt. Wir müssen das jetzt abarbeiten und sehen, was technisch möglich ist und was nicht. Und ja, ich muss Herrn Lenzen recht geben, wenn er auf die Autos verweist: Unser Lärmdisplay spricht bei 85 dB an. Wenn es regnet, dann haben die Autos wegen der Abrollgeräusche der Reifen praktisch keine Chance, an dieser Stelle unter dem Wert zu bleiben. Wenn man den Weg zu 80 dB konsequent gehen wollte, dann wäre das eine ziemliche Herausforderung für die Industrie.

Lenzen

Der Bundesrat hat es sich viel zu einfach gemacht. Wie auch der Bundesverkehrsminister: Er lehnt Fahrverbote ab, hat aber nicht gesagt, wie es anders gehen könnte. Ein schwieriges Thema ist die Sensibilisierung der Biker. Die unbelehrbaren werden wir niemals erreichen. Für die aber gibt es bereits jetzt ausreichend gesetzliche Möglichkeiten, um ihnen beizukommen. Allerdings müssten wir dazu die gesetzlichen Vorgaben konsequent durchsetzen, und gerade in den ländlichen Regionen kann die Polizei das kaum leisten. Wir Motorradfahrer wollen nicht alle Leute nerven, aber wir bekommen ja auch nicht alle von heute auf morgen auf das Elektromotorrad. Der BVDM hat jetzt ein Projekt gemeinsam mit einer Hochschule für Kommunikationsdesign gestartet – da werden Studenten versuchen, die Biker zu einer rücksichtsvollen Fahrweise zu motivieren. Die Situation ist so zugespitzt, dass wir dringend etwas tun müssen. Wir wollen verhindern, dass die Dinge weiter eskalieren und es wieder zu Anschlägen auf Motorradfahrer kommt.

Bestimmte Biker werde Sie aber kaum erreichen. Die zeigen ja nicht einmal Einsicht, wenn sie von anderen Motorradfahrern auf ihr Verhalten angesprochen werden – sei es ein extrem lauter Auspuff oder halsbrecherische Fahrmanöver.
Lenzen

Für die, die sich nicht korrekt verhalten, muss es entsprechende Konsequenzen geben. Die Polizei betreibt in den Städten immensen Aufwand, um der Autoposer Herr zu werden. Ähnliches muss man auch in den ländlichen Gebieten machen, um bestimmte Motorradfahrer zur Vernunft zu bringen. Da muss es drastische Maßnahmen geben.

Schuchter

Ich sehe es, wie auch die betroffenen Anwohner, als Problem, dass die Polizei nicht stärker kontrolliert. Wir freuen uns, die vernünftigen Motorradfahrer bei uns zu begrüßen, aber wir müssen auch erreichen, dass die Politik mehr Druck macht, um die Uneinsichtigen zu treffen. Fahrverbote sind immer ungerecht, doch das Problem hat sich bei uns über die Jahre hochgeschaukelt. Wenn wir jetzt diese weitreichenden Proteste provoziert haben, so ist dies bereits ein Erfolg. Denn das Thema ist damit im Gespräch. Inzwischen gibt es auch einen Dialog mit der Industrie, das wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Die Biker und wir von der Initiative, wir müssen uns nicht lieben, aber wir müssen jetzt eine Lösung finden, die beiden Seiten gerecht wird. Enttäuscht bin ich von Verkehrsminister Scheuer, der sich meines Erachtens nicht wirklich mit dem Thema auseinandersetzt. So etwas würde ich schon von ihm erwarten. Wenn er das nicht kann, dann ist er nicht richtig an seinem Platz.

Lenzen

Ich gebe Frau Schuchter recht, die Konfrontation war hilfreich. Das war ein Zusammenschluss, den wir so in der Motorradszene noch nie hatten. Doch er hat seine Kehrseite: Da haben sich oft auch die falschen Leute in ihrem Verhalten bestärkt gefühlt. Es gibt jetzt viele Motorradfahrer, die sagen: Ihr könnt uns gar nix. Das ist natürlich nicht der richtige Weg. Und doch gibt es Bewegung in der Sache. Der Industrieverband Motorrad hat auf einen Offenen Brief unseres Verbands hin angekündigt, leisere Motorräder anzubieten, wenn die Kunden sie wollen. Und selbst Harley-Davidson bietet inzwischen ein Elektromotorrad an. Technisch geht mittlerweile viel, man muss es nur für die richtigen Ziele einsetzen. Inzwischen ist das Plop jeder Autotür genau auf seinen Klang hin abgewogen. Des geht auch bei Motorrädern – der typische Sound eines Boxers oder eines Vierzylinders soll bleiben, aber er muss ja nicht so laut sein. Ein Orchester kann auch piano gut klingen, nicht nur fortissimo.

Schuchter

Die Hersteller haben jetzt die Chance, zu zeigen was sie können, denn die Menschen reagieren ganz anders auf Lärm als noch vor ein paar Jahren. Was Sounddesignbringen kann, zeigen die Windräder – dort hat es die Industrie geschafft, die Geräusche ganz erheblich zu reduzieren. Das muss auch bei Motorrädern möglich sein.

Lenzen

Ich warne aber vor hohen Erwartungen. Der Motorradbestand ist im Schnitt 15 Jahre alt, da dauert es, bis sich etwas ändert. Das muss man den betroffenen Anwohnern schon vermitteln.

Schuchter

Ich mache mir Sorgen, dass es am Ende zu Konfrontationen kommt, wenn extreme Ansichten auf extreme Ansichten treffen. Deshalb sehe ich mich in der Pflicht,einen Kompromiss zu initiieren. Wir müssen weiter Druck machen. Das Schlimmste wäre, wenn man jetzt vom Gaspedal geht.



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