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Zweiter Weltkrieg

Vor 75 Jahren starben Dutzende Menschen beim Luftangriff auf Achern

„Nur“ zehn Minuten dauerte am 7. Januar 1945 der amerikanische Fliegerangriff auf Achern. In dieser Zeit wurden drei Viertel der Wohngebäude beschädigt oder zerstört. 36 Acherner waren sofort tot, weitere starben in den folgenden Tagen. Ein Rückblick auf das Geschehen vor 75 Jahren.

Zerstörung, Leid und Tod brachte der Luftangriff auf Achern. Im Bild der Adlerplatz. Foto: Roland Spether/Stadtarchiv Achern
Von unserem Mitarbeiter Roland Spether

7. Januar 1945: Es ist ein kalter, klarer Wintertag, Schnee liegt in der Stadt und ein strahlend blauer Himmel lässt nach dem Dreikönigstag noch einmal weihnachtliche Stimmung aufkommen. Die Kinder fahren Schlitten, manche bauen Schneemänner und andere sitzen nach dem Mittagessen an den Hausaufgaben.

Leute gehen zur Arbeit, in der Stadt läuft das Leben soweit es geht seinen „normalen“ Gang. Die Menschen waren buchstäblich ahnungslos, als gegen 12.45 war aus der Ferne lautes Dröhnen, zu hören war. Oft sind in den letzten Kriegsjahren Bomber-Geschwader über die Stadt geflogen, und auch an jenem 7. Januar dachte mancher: „Wo werden sie heute hinfliegen und ihre Bomben abladen?“

Luftangriff beginnt um 12.45 Uhr

Doch wenige Minuten später war alles anders, denn nach dem Blick in den blauen Himmel waren die ersten entsetzten Rufe zu hören: „Sie setzen Rauchzeichen!“ Wer dieses Signal sah, wusste, dass diese Zeichen sich schnell in Vorboten der Zerstörung, des Leides und Todes verwandeln würden.

„Wir hatten unser Mittagessen noch nicht beendet, als ich etwa um 12.45 Uhr Flugzeuggeräusche hörte. Auf das Motorengeräusch hin ging ich zum Küchenfenster. Von dort aus sah man in Richtung Klauskirchl“, so ein Bericht von Maria Riegelsberger für die Gedenkfeier der Stadt 2005 (Quelle: Stadtarchiv).

Die damals 27-jährige Frau wohnte in der Kapellenstraße etwa auf der Höhe der heutigen Einmündung in die Wilhelm-Schechter-Straße und von hier aus sah sie, wie sich die Bomber aus Richtung Fautenbach näherten. „Ich wollte rasch in den Keller eilen. Beim Passieren der Haustüre wurde diese durch den Luftdruck der auf der Straße explodierenden Sprengbombe ins Innere des Hausgangs gedrückt. Ich suchte erst einmal in einem Winkel des Treppenhauses Schutz."

Bombentrichter im Hof

Die Vorhänge brannten und im Speicher flackerten kleine Brände, die Maria Riegelsberger löschen konnte. „Größerer Schaden war zwar durch die Brände nicht entstanden, schlimm waren jedoch die Auswirkungen der Sprengbomben. Im Hof registrierte ich einen Bombentrichter. Sämtliche Fenster der Wohnung waren zu Bruch gegangen, auch war das Hinterhaus im Hof in Mitleidenschaft gezogen worden."

Im Keller der völlig zerstörten Stuhlfabrik Meder im Stadtzentrum hatten viele Menschen Schutz gesucht. Foto: Spether/Stadtarchiv

Die junge Frau war wie andere Überlebende im Haus zunächst damit beschäftigt, weitere Mitbewohner zu suchen, in Sicherheit zu bringen und Feuer zu löschen. Dann sah sie, dass viele Gebäude in der Stadt getroffen und vernichtet waren. „Die Stuhlfabrik Meder lag in Trümmer. Im Keller hatten Familien Zuflucht gesucht. Von einer jungen Frau aus dem Achertal, die in diesem Areal zu Tode kam, war nichts mehr zu finden. Später hörte ich, dass im Keller mehr als zehn Menschen den Tod fanden".

Aus den umliegenden Orten verfolgten die Menschen mit Schrecken und Entsetzen den Angriff, ein damals 15-jähriger Junge aus Memprechtshofen erinnerte sich: „Wir hatten den ganzen Tag Schützengräben ausgehoben und waren mit den Lastwagen auf der Heimfahrt. Da sahen wir die Staffel, vier Jagdbomber und Mustangs. Die Flugzeuge kreisten über der Stadt, stießen nach unten und zogen wieder hoch. Die machten Jagd auf alles, was sich bewegte”, so ein Auszug aus Unterrichtsmaterial der Robert-Schuman-Realschule.

Auch 17-jähriges Mädchen stirbt bei Jagdbomberangriff

Die Angriffe der Tiefflieger bestätigte Maximilian Schwenk aus Mösbach, der unterwegs nach Oberachern war und die angreifenden „Jabos“ sah. Diesen fiel die 17-jährige Hilda Stech zum Opfer, die nach Achern radelte, um Stoff zu kaufen. Dabei wurde sie tödlich getroffen. „Es war eine Klassenkameradin von mir, mit dem gekauften Stoff haben sie Hilda zugedeckt“, so Greta Wilhelm.

31 Bomber waren auf Achern angesetzt: Eine von ihnen abgeworfene Bombe wurde später im Heimat- und Sensenmuseum gezeigt. Foto: Spether/Stadtarchiv

Der damals 16-jährige Walter Konrad war bei der Feuerwehr Renchen und hatte wie seine Kameraden und die Mitbürger durch den Artilleriebeschuss von Frankreich aus schon Erfahrungen mit Granaten und Bränden. „Die Sirene ging runter und ich stand im Hof und sah, wie die Bomber über Renchen flogen." Wenig später hörte er ein dumpfes Grollen, eine Stunde danach saß er mit anderen Feuerwehrleuten auf einem Lastwagen, der eine Lafetten-Pumpe nach Achern zog.

Die Armada der Alliierten war gewaltig. An jenem für Achern verheerenden Tag setzte die 2. Air Division der 8. amerikanischen Luftflotte 1 046 Bomber und 674 Jäger ein. Von englischen Flugplätzen starteten 304 Bomber des Typs B 24 „Liberator” und 94 Langstreckenjäger des Typs P 51 „Mustang” in Richtung Südwestdeutschland. Auf das Ziel Achern waren 31 Bomber angesetzt, die 115,3 Tonnen Bomben abwarfen.

Binnen weniger Minuten standen große Teile der Stadt in Flammen, bis zu 80 Menschen verloren durch den Angriff ihr Leben. Die Stadt lag in Schutt und Asche, 108 Gebäude mit 160 Wohnungen wurden total zerstört; 69 Häuser mit 79 Wohnungen wurden schwer, 315 Gebäude mit 568 Wohnungen leicht beschädigt. Etwa 164 von 656 Gebäuden erlitten nur leichte Schäden oder blieben ganz unbeschädigt. Der Angriff am 7. Januar 1945 traf drei Viertel der Stadt Achern.

Das Kriegstagebuch der U.S. 8th Army Air Force bestätigte die schon vor vielen Jahren vorgenommenen Recherchen von Horst Brombacher, Fachlehrer für Geschichte und langjähriger Leiter des Heimat- und Sensenmuseums, dass der Angriff auf Achern wesentlich mit der am 5. Januar begonnenen deutschen Offensive im Zusammenhang stand.

Damals drang die Wehrmacht zwischen Freistett und Gambsheim über den Rhein, um noch einmal für „Führer, Volk und Vaterland“ das Elsass zu besetzen und die Hakenkreuzfahne in Straßburg aufzuziehen. Für diese komplett sinnlose „Großoffensive” spielte Achern als nächstgelegener Bahnhof eine zentrale Rolle, das Risiko möglicher Angriffe des Feindes nahm man offenbar in Kauf.

Das Kriegstagebuch nennt als Angriffsziele der Alliierten die „Eisenbahnanlagen” und den „Verschiebebahnhof”. Dass viele Bomben das eigentliche Ziel verfehlten, nahmen die alliierten „Strategen“ offensichtlich als „Kollateralschäden” in Kauf.

Nach Forschungen von Gerhard Lötsch war Heinrich Himmler wenige Tage vor dem Angriff auf Achern in Sasbachwalden und redete davon, dass am Oberrhein eine Offensive geplant sei. „Dann Sieg, dann Friede” soll er nach der Recherche von Gerhard Lötsch damals gesagt haben.

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