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Offene Fragen zum Ferienbeginn

Corona stellt Schulen in der Ortenau vor einen Berg von Problemen

Der Infektionsschutz stellt nicht nur Schulen in der Ortenau vor schier unlösbare Probleme - vor allem finanzielle. Mit einer zweiten Welle könnte es erst recht kritisch werden.
5 Minuten

Welche Herausforderungen hält die Corona-Krise für die Schulen noch bereit? Kann der Unterricht nach den Ferien tatsächlich wieder starten wie vor der Pandemie - vielleicht mit ein paar Sicherheitsauflagen, aber sonst in den gewohnten Klassengrößen? Sollte das Virus im Herbst wieder kommen, von Reiserückkehrern eingeschleppt werden und unter Umständen noch Monate oder Jahre kursieren, so stellt dies Schulbehörden und Schulträger, aber auch die Eltern und Schüler, vor unabsehbare Probleme. Und auch der Fernunterricht per Internet ist ein eher heikles Thema.

Es werden, wenn die Ferien zu Ende sind, Lehrer fehlen, und es wird an Platz für den nötigen Abstand mangeln, von hinreichenden Lüftungsanlagen ganz zu schweigen. Im Winter kann man schließlich nicht bei offenem Fenster unterrichten, um infektiöse Aerosolwolken zu verhindern. Entsprechend ratlos reagieren die Schulträger. Sechs Wochen Sommerferien bis zum Schulbeginn sind schließlich eine knapp bemessene Zeit. Die Schulen bis dahin Corona-fest zu machen, ist praktisch unmöglich. Und niemand weiß überdies, was der Herbst bringen wird. Es gibt erste Anzeichen, dass die Infektionszahlen auch im Ortenaukreis wieder (moderat) anziehen.

Für die Schulträger nicht anders zu stemmen

„Wir haben neue Hinweise aus dem Ministerium bekommen, ab September gibt es in den Unterrichtsräumen kein Abstandsgebot mehr für die Schüler“, sagt Bernhard Kohler, Leiter des Amts für Schule und Kultur im Landratsamt. Er ist verantwortlich für die 22 zumeist beruflichen Schulen das Kreises, an denen vor allem ältere Jugendliche und junge Erwachsene unterrichtet werden.

Es wird, so sagt Kohler, noch einige Vorgaben geben, spezielle für die Erwachsenen, zur Handhygiene, zum Tragen einer Maske außerhalb der Klassenzimmer auch für die Schüler. Und man solle für eine entsprechende Durchlüftung der Klassenräume sorgen – durch Stoßlüftung alle 45 Minuten. Das dies nicht viel mehr ist als das, was ohnedies in den Fünf-Minuten-Pausen üblich ist, das räumt auch Kohler ein.

Mundschutz in den Klassenzimmern: Noch wird er nicht verlangt, doch die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie ist unklar. Foto: Robert Michael/dpa

Wechselnde Verordnungen „Katastrophe” für die Unterrichtsplanung

Doch wie sonst soll anders gehen? „Für die Schulträger ist das kurzfristig nicht anders zu stemmen“, sagt Kohler. Es sei schlicht unmöglich, in alle Schulen jetzt adhoc Belüftungssysteme einzubauen. Auch sonst leben Schulträger, Land und Schulämter im Blick auf Corona von der Hand in den Mund. „Ich erlebe das so, dass die von Woche zu Woche irgendwelche Entwicklungen mit neuen Verordnungen auf die Reihe kriegen“.

Ein Rezept, das im Frühjahr, als alle von Corona überrascht wurden, zu massiven Unterrichtsausfällen geführt hat. Immerhin: Dass es jetzt bereits fünf Wochen vor Unterrichtsbeginn eine klare Ansage aus Stuttgart gab, sei ein Lichtblick. Zu Beginn der Pandemie mussten die Schulen im Wochenturnus neue Stundenpläne ausarbeiten. „Eine Katastrophe“ sagt Kohler. Es gebe aber auch jetzt „keinen Plan A und Plan B, falls es im Herbst doch wieder anders kommt“.

Für den Kreis sei das Problem immerhin besser beherrschbar als für andere Schulen. Zum einen habe man meist Schüler „der Generation 16 plus“, bei denen sich das Problem der Betreuung bei Unterrichtsausfällen nicht in dieser Schärfe stelle wie beispielsweise bei Grundschulen. Zum anderen leidet die berufliche Bildung seit Jahren unter rückläufiger Nachfrage – an Klassenräumen herrscht also kaum Mangel.

Personalsituation schon ohne Lockdown kritisch

Anders sieht das bei Lehrern aus: „Bei einem worst case könnten wir ein Problem kriegen“, sagt Kohler, wenn zum Beispiel viele Lehrer ausfallen, weil sie selbst Corona haben. Immerhin: Der Kreis setzt auf mobilen Unterricht, hat mehr als 1.500 Geräte bestellt, um Schüler bei einem erneuten Lockdown damit auszustatten.

Tatsächlich könnte vor allem die Lehrerversorgung, auch ohne erneuten Lockdown, zu einem zentralen Problem der kommenden Wochen und Monate werden. Nach derzeitigen Stand seien rund 80 Prozent der Lehrer dienstbereit, sagt Mazze Biegert, designierter Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Mit anderen Worten: Jeder Fünfte ist es nicht.

Da die Personalpläne ohnedies auf Kante genäht seien, könnte dies zu Problemen führen: „Das reduziert einiges“, auch wenn viele Pädagogen versuchen würden, sich von außen einzubringen. Dies, so zeige die Erfahrung der vergangenen Monate, stoße aber an Grenzen.

Sanierungsmaßnahmen müssen aufgeschoben werden

In den vergangenen Wochen habe sich auch gezeigt, wie schwierig der Präsenzunterricht sein kann. Die 1:1 Betreuung zwischen Lehrer und Schüler funktioniere ganz gut, doch viele moderne Unterrichtsformen wie das soziale Lernen seien kaum machbar. „Das ist für alle unzureichend“, so Biegert. Er verstehe auch die Kritik der Eltern gut, die wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren müssen.

Ob die Schulen nun durch Umbauten auf die Herausforderungen regieren können? Biegert zeigt sich skeptisch. Es gebe einzelne Schulträger, die hätten unbürokratisch reagiert und beispielsweise die Aula als Lernraum für die Abschlussklassen zur Verfügung gestellt. Auf der anderen Seite kenne er viele Schulen, in denen Sanierungsmaßnahmen „so lange aufgeschoben werden, wie es irgend geht“. Bei diesen Schulträgern habe er kaum Hoffnung, dass man so schnell zu einer Lösung komme.

Mindestens ein Fünftel der Lehrer könnte ausfallen

Bleibt die Frage nach der Lehrerversorgung. Die Zahlen würden sich praktisch täglich ändern, heißt es aus dem Freiburger Oberschulamt, deshalb werde man vor einem offiziellen Statement des Kultusministeriums am 10. September keine Informationen dazu herausgeben, sagt Sprecherin Heike Spannagel.

Bei einem worst case könnten wir ein Problem kriegen”
Mazze Biegert, designierter Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), über mögliche Personalaufälle

Doch die Prognosen sind trübe. Michael Mittelstädt, Vorsitzender des Landeselternbeirats im Südwesten, teilt die pessimistischen Einschätzungen der Lehrergewerkschaft. Die coronabedingten Ausfälle von geschätzten sechs Prozent der Lehrerschaft kämen auf die zehn Prozent obendrauf, die ohnedies an der Tagesordnung sind. „Mit ein bisschen Rundung haben sie 20 Prozent, das ist das Mindeste, was wir an Ausfall haben werden“.

Mittelstädt setzt sich für mehr Unterricht mit modernen Medien ein. Das komme auch den Kindern zugute, die öfter krank sind – sie könnten so wieder besser eingebunden werden. Doch dass es hier zu einer flächendeckenden Lösung kommt, erwartet er zunächst einmal nicht. Jede Schule sei frei in ihrer Entscheidung, wie sie mit solch modernen Medien umgehe.

Zudem: Dass jetzt Tablets oder Computer angeschafft werden, ohne die entsprechende Infrastruktur bei Schulen, Lehrplänen oder Software zu haben, sei ohnedies nicht sehr sinnvoll: „Da ist keine Systematik dahinter, die zielführend wäre“.

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