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Ärzte an der Belastungsgrenze

Fast 600 Infektionen am Wochenende: Corona-Lage im Ortenaukreis droht außer Kontrolle zu geraten

Impfungen gegen das Coronavirus sind plötzlich wieder gefragt im Ortenaukreis. Liegt es am drohenden 2G oder allein an den steigenden Infektionszahlen? Die Ärzte jedenfalls kommen kaum hinterher mit den rettenden Spritzen.

Impfungen sind wieder gefragt im Ortenaukreis, inzwischen wurden fünf mobile Impfteams installiert. Teilweise müssen die Mitarbeiter Überstunden machen. Foto: Martin Schutt/dpa

Die Corona-Lage im Ortenaukreis droht außer Kontrolle zu geraten. „Meine Prognose ist eher düster, wenn wir nicht mehr Geimpfte an den Start bekommen“, sagt die Leiterin des Offenburger Gesundheitsamts, Evelyn Bressau. Sie schließt weiter drastisch steigende Fallzahlen nicht aus und fürchtet „mehrere hundert, bis zu 400 Neuinfektionen am Tag“.

Einen Vorgeschmack gab es am Wochenende. Von Freitagmittag bis Sonntag wurden beim Landesgesundheitsamt 599 Fälle aus dem Kreis registriert. In einem Pressegespräch appellierte Bressau an die Menschen, sich impfen zu lassen und freiwillig auf nicht nötige Kontakte zu verzichten: „Jeder ist gefordert.“

In der vergangenen Woche habe es immer wieder Tage mit so vielen Neuinfektionen wie nie zuvor gegeben, die kreisweite Inzidenz der Ansteckungen habe am Montagnachmittag bei 242 gelegen.

Tief Luft holen, durchatmen und trotzdem kein Land sehen.
Doris Reinhardt, Ärztin

Gleichzeitig wurde deutlich: Die steigenden Infektionszahlen beleben das seit dem Spätsommer vor sich hin dümpelnde Impfgeschehen sehr wohl. Das aber bringt die niedergelassenen Ärzte und die erst kürzlich aufgestockten mobilen Impfteams an den Rand ihrer Möglichkeiten. „Tief Luft holen, durchatmen und trotzdem kein Land sehen“, beschreibt die Pandemiebeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung, Doris Reinhardt, die Lage in den Praxen.

Verschärft werde dies durch den Ausfall kranken Personals: „Es gibt Praxen, da fehlt die Hälfte der Mitarbeiter, die bekommen nicht einmal mehr die Routinearbeit gestemmt.“ Da wirke sich der Mehraufwand für Corona-Tests und Impfungen fatal aus. „Ich hätte mir nach zwei Jahren Pandemie und einem Jahr Impfen auch gewünscht, dass wir woanders stehen als dort, wo wir jetzt stehen“, sagt die Ärztin.

Zahl der mobilen Impfteams wächst

Hilfe bekommen die Ärzte von den mobilen Impfteams. Nach Schließung der Kreisimpfzentren gab es zunächst zwei solcher Trupps, inzwischen sind es fünf.

Die Impfbereitschaft, so Reinhardt, habe sich geändert, sie selbst habe erst kürzlich drei Personen mit Corona-Infektionen in der Praxis gehabt. Alle drei hatten gezögert, sich immunisieren zu lassen: „Man sieht, wie flächendeckend sich die nicht Geimpften jetzt infizieren“, sagt Reinhardt. Dies spreche sich auch in der Community der nicht Geimpften herum.

Die Menschen mussten stundenlang anstehen.
Diana Kohlmann, Dezernentin im Landratsamt

Doch auch bei den mobilen Impfteams zeichnet sich ein Engpass ab, wie sich in Offenburg zeigte: „Vergangene Woche hatten wir lange Schlangen, die Menschen mussten stundenlang anstehen“, sagt Diana Kohlmann, die im Landratsamt für die Koordinierung der beim Klinikum angesiedelten Teams zuständig ist. Teilweise würden vier oder fünf Mal so viele Menschen zu den Terminen erscheinen wie erwartet.

Die mobilen Teams müssen sich nach der Decke strecken – schließlich gehörten zu ihren Aufgaben auch die so genannten Boosterimpfungen in den Pflegeheimen. Dies habe das Land als oberste Priorität vorgegeben, so Kohlmann, die aber betonte: „Der Booster in den Pflegeeinrichtungen ist schon sehr weit fortgeschritten.“

Kohlmann stimmt auf Rückfrage dennoch nicht in die immer wieder erhobene Forderung nach Wiedereröffnung der Impfzentren ein: „Man muss abwägen, die Impfzentren sind sehr aufwändig und teuer.“ Allerdings wäre es aus ihrer Sicht möglich, zumindest das Kreisimpfzentrum in Lahr in kürzester Zeit wieder an das Netz zu bringen, falls dies erforderlich und politisch gewollt sei.

Große Unterschiede zum Corona-Herbst 2020

„Die Situation ist ganz anders als vergangenes Jahr um diese Zeit, damals haben wir über einen bundesweiten Lockdown nachgedacht“, sagt Evelyn Bressau. Das wirke sich auf das Infektionsgeschehen aus und es verändere die Arbeit der Gesundheitsämter, die, wie berichtet, die sogenannte Kontaktverfolgung aufgegeben haben.

„Jeder ist gefordert“, sagt Evelyn Bressau, Leiterin des Offenburger Gesundheitsamts. Foto: Kai Hockenjos

Sie konzentrieren sich jetzt auf große Einzelereignisse wie Infektionen in Pflegeheimen, Arztpraxen, Kindergärten, Unternehmen oder bei Veranstaltungen. Bilanz bisher: 15 Ausbrüche in Pflegeheimen, sechs in Kitas und Schulen sowie sieben in Unternehmen oder bei größeren privaten Veranstaltungen, die allein an diesem Dienstag gemeldet wurden.

Ortenaukreis informiert auf der Homepage

Da die Menschen inzwischen wieder viel mehr soziale Kontakte hätten als vor Jahresfrist, sei es kaum noch möglich, Begegnungen nachzuverfolgen und Betroffene zu warnen. Die Verantwortung liege bei den Infizierten.

Der Kreis stellt dazu ein umfassendes Informationsangebot auf seiner Homepage unter www.ortenaukreis.de bereit.

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