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Geheimzutat aus der Ortenau

Die Piemont-Kirsche aus Italien ist ein Mythos: So müsste sie eigentlich heißen

„Mit der Piemont-Kirsche beginnt das Geheimnis von Mon Chéri” – so lautete ein Werbespot der Praline in den Neunzigern. Dabei soll es eigentlich um den besonderen Geschmack der Kirsche gehen. Das viel größere Geheimnis ist aber: Die Piemont-Kirsche gibt es gar nicht. Eigentlich müsste sie viele verschiedene Namen haben. Zum Beispiel könnte sie auch „Mösbach-Kirsche” heißen.

Eine dieser Kirschen könnte eines Tages in einer Mon-Chéri-Praline landen. Aus dem Piemont kommt sie allerdings nicht. Foto: Michaela Bross

Von Michaela Bross

Jeder kennt die Werbung von „Mon Chéri mit der Piemont-Kirsche“. Doch viel mehr als der Piemont in Italien hat Mösbach, der kleine Acherner Stadtteil im Herzen der Ortenau mit etwas mehr als 1.500 Einwohnern, mit der Kirsche zu tun. Die „Piemont-Kirsche” ist lediglich der cleveren Werbestrategie eines italienischen Süßwarenproduzenten zu verdanken, die auch bekannte Werbespots wie diesen hervorgebracht hat:

Seit 1957 werden Pralinen mit der Kirsche bereits als „Mon Chéri“ verkauft. Dafür erfand das Unternehmen, das 1946 in Alba im Piemont gegründet worden war, eine neue Sorte. Sie stellt den Bezug zur Herkunft der Firma her. Dabei gibt es gar keine Kirschen im Piemont, dafür umso mehr Nüsse.

Die Piemont-Kirsche soll ein Qualitätsmerkmal sein. Deshalb, und gerade damit wirbt das Unternehmen, ist die Auswahl der Früchtchen für „Mon Chéri“ mit Blick auf den „kleinen großen Genuss“ so wichtig. Und seit über zehn Jahren kommen die Kirschen auch aus dem Acher- und Renchtal in der Ortenau.

Ausgewählte Kirschen aus der Ortenau

Mit dem Piemont („al pie dei monti“ „am Fuß der Berge“) kann sich die Ortenau durchaus vergleichen. Liegen die norditalienischen Hügel zwischen Alpen und Po, breitet sich Mittelbadens Obstgarten zwischen Schwarzwald und Rhein aus. Exzellente Weine, ob Barolo oder Spätburgunder, sind in beiden Gegenden heimisch.

Das Wappen von Achern-Mösbach zieren drei Kirschen. Foto: Stadt Achern

Vor allem im Acherner Stadtteil Mösbach gibt es einige Landwirte, die die süßen Steinfrüchte für die knackigen Pralinen ernten, wie Ortsvorsteherin Gabi Bär weiß. Das Drei-Kirschen-Dorf ist prädestiniert als Kirschenlieferant. Seit 1320 stehen auf den Feldern des Dorfes Kirschbäume. Und das Wappen von Mösbach, das darf dann nicht mehr überraschen, zieren drei Kirschen.

Einer der Landwirte, der Kirschen für den Pralinenhersteller erntet, ist Max Lemminger. Er selbst nennt weder den Namen des Unternehmens noch den Namen der Praline, für die seine Kirschen bestimmt sind. Viel wichtiger ist für ihn die Qualität. Die Kirschen müssen fest, knackig und aromatisch sein. Auch die Größe sei wichtig. Zwischen 18 und 21 Millimeter müssen sie haben. Sind sie zu klein, werden sie gebrannt, sind sie zu groß, werden sie zu Marmelade verarbeitet. Schließlich ist in einem „Mon Chérie“ nicht allzu viel Platz.

Die Kirsche liegt darin im Branntwein. Von „Mon Chérie“ werden jährlich auf der Welt etwa 130 Millionen Kilogramm gekauft. Wegen des Branntweins dürfen die Süßigkeit nur Erwachsene erwerben. Und es gibt sie auch nicht das ganze Jahr, auch damit wirbt das Unternehmen:

Die Piemont-Kirsche ist eine Marke - keine Sorte

Die „Sommerpause“ ist für eine Süßigkeit ziemlich einzigartig. Klar, auch Schoko-Weihnachtsmänner machen eine Sommerpause, aber bei einem Süßwarenprodukt, das eigentlich das ganze Jahr verkauft werden könnte, ist die Pause vor allem eine Werbestrategie. Wenn es das im Sommer nicht gibt, ist die Freude darüber im Herbst umso größer, das jedenfalls dürfte die Theorie sein, die sich findige Marketing-Experten ausgedacht haben. Auch wenn der Hersteller es offiziell so begründet: „Weil Mon Chéri empfindlich gegenüber hohen Temperaturen sind, ist die Pralinenspezialität während der heißen Jahreszeit nicht erhältlich.“

Zur Bekanntheit des Produkts haben auch die Werbeträger der Marke einiges beigetragen: Etwa Eislaufkönigin Katharina Witt oder Schauspielerin Iris Berben. Laut Zutatenliste macht die Kirsche bei einem „Mon Chéri“ 18 Prozent aus, knapp die Hälfte ist Halbbitterschokolade, dazu der Branntwein und Kakaobutter. Die Piemont-Kirsche ist eine Marke, eingetragen im Markenregister. Eine Sorte mit dem Namen gibt es nicht. Die Kirschen kommen freilich nicht nur aus der Ortenau, sondern beispielsweise auch aus Polen und aus Chile.

Wie die Piemont-Kirsche aus der Ortenau geerntet wird

An den Bäumen von Max Lemminger werden bei starkem Regen die Kirschen auch mal abgedeckt, damit sie nicht aufplatzen. Frost war in diesem Jahr leider ebenso ein Thema. Manche Kirschbäume hatten früh geblüht und sind dann erfroren. Genauso spielt die Trockenheit der vergangenen Jahre eine große Rolle bei der Größe der Kirschen.

Bei der Ernte werden die Kirschen geschüttelt. Sie landen dann auf großen Kirschtüchern unter dem Baum. Mit dem Seilschüttler, weiß Max Lemminger, begann der Massenanbau der Kirschen. Was vorher mühsam mit Leitern und Körben in Handarbeit geerntet wurde, mitunter in schwindelerregender Höhe, erledigt diese Maschine in einem Bruchteil an Zeit.

Heutzutage werden immer modernere Maschinen gebaut. Der Kirschenschüttler legt seine beweglichen Teile um den Stamm und schüttelt den Baum. Die Früchte fallen auf das Tuch. Dieses wird anschließend von einer Aufsammelmaschine eingerollt. Dadurch gelangen die Kirschen auf ein Förderband und von dort in eine Kiste. Wie das aussieht, zeigt dieses Video:

Im Obstgroßmarkt in Oberkirch werden die Kirschen in der Kiste nochmals sortiert und anschließend in Alkohol eingelegt. Fertig, um dann später im Hause des Pralinenherstellers von Schokolade umhüllt zu werden – und dann als „Piemont-Kirsche“ in den Regalen der Supermärkte zu landen. Beim Genuss müssen die Gedanken dann gar nicht bis in den Piemont schweifen. Vielleicht kommt diese eine Kirsche ja auch aus dem Badischen.

Mythos und Wirklichkeit: Wie viele Mon Chéri machen eigentlich betrunken? „Mon Chérie“ gibt es aus gutem Grund nur für Menschen ab 18 Jahren zu kaufen: Denn darin ist Alkohol enthalten und zwar hochprozentiger. Stellt sich die Frage: Macht „Mon Chéri“ betrunken? Und wenn ja, wie viele darf man essen, um noch Auto fahren zu dürfen?

Ausgangsbasis für die Frage ist die Zutatenliste, die der Hersteller liefert: In 100 Gramm Mon Chéri sind acht Milliliter Alkohol enthalten. Wer in Deutschland in eine Auto steigt, darf nicht mehr als 0,5 Promille im Blut haben. Nun wird die Rechnung nicht ganz einfach, weil Alkohol sehr unterschiedlich wirkt, je nach dem wie viel Körpergewicht jemand mitbringt und ob er es gewohnt ist, Alkohol zu sich zu nehmen oder nicht.

Eine Frau mit einem Gewicht von etwa 60 Kilogramm müsste 23 „Mon Chéri“ essen, um die 0,5-Promille-Grenze zu erreichen - also fast zwei Packungen. Bei einem Mann mit einem Gewicht von etwa 80 Kilo wären es 35 „Mon Chéri“. Die Modellrechnung eignet sich trotzdem keinesfalls zum Ausprobieren. Die Auswirkungen von Alkohol auf den Körper sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und lassen sich nicht pauschalisieren.

BNN



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