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3,6 auf der Richterskala

Wieder bebt in Straßburg und Kehl die Erde

Seit Ende Oktober bebt im Elsass immer wieder die Erde. Als Verursacher könnte ein Erdwärmekraftwerk im Großraum Straßburg gelten. Wie französische Medien berichten, handelte der Kraftwerksbetreiber nach den jüngsten Erdstößen. Im Elsass wie in Baden sind die Bürger auf den Barrikaden, der Widerstand wächst - zum Beispiel ganz konkret im Rheinauer Stadtteil Honau.

Im Großraum Straßburg/Kehl hat es an diesem Freitag mal wieder gebebt. 3,6 betrug die Stärke auf der Richterskala. (Symbolbild) Foto: Archivfoto: Oliver Berg/dpa

Ein weiteres Erdbeben hat an diesem Freitagmorgen gegen 7 Uhr vor allem die Menschen in Straßburg, aber auch im badischen Kehl und anderen Kommunen im nördlichen Ortenaukreis aufgeschreckt. In Achern wachte eine Frau auf. „Das war deutlich zu spüren“, berichtet sie der Redaktion. Und die Nachricht machte über die familieneigene WhatsApp-Gruppe rasend schnell die Runde.

Dabei stellte sich heraus: Sogar in Oberkirch im Renchtal war das Rumpeln zu bemerken. In der Rheinauer Facebookgruppe sind die heftigen Erdstöße mit 3,6 auf der Richterskala das bestimmende Thema. „Das war heute Morgen ein Rummsen mit Nachbeben“, lautet einer von gut 120 Kommentaren, die bis zur Mittagszeit schon veröffentlicht worden waren. Im Rheinauer Stadtteil Honau machen die Bürger inzwischen richtig Putz: Das Thema wird am 21. Dezember im Ortschaftsrat diskutiert und es ist eine Bürgerinitative geplant.

Denn seit langem vermuten viele Menschen dies- und jenseits des Rheins, dass die Erdstöße mit dem aktuell gestoppten Geothermie-Projekt (Erdwärme-Kraftwerk) auf einem ehemaligen Raffinerie-Gelände in Vendenheim/Reichstett – nur gut zehn Kilometer von Straßburg entfernt – zusammenhängen. Laut der Erdbeben-Seite des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB/Regierungspräsidium Freiburg) befand sich das Epizentrum in La Wantzenau, einer 6.000-Seelen-Gemeinde vor den Toren Straßburgs. Dort wurden besagte Stöße mit einer Stärke von bis zu 3,6 auf der Richterskala registriert. Angesichts bisheriger Werte, die deutlich darunter lagen, hat das nun eine neue Qualität.

Um 6.59 Uhr rumpelte es

Exakter Zeitpunkt des Bebens war um 6.59 Uhr, das Epizentrum lag auf den Koordinaten 48,66 Grad Nord und 7,81 Grad Ost. Die so genannte Herdtiefe befand sich fünf Kilometer unter der Erdoberfläche. „Vermutlich war das Beben im Umkreis von 20 Kilometern des Epizentrums zu spüren“, teilen die Experten des LGRB mit, es handle sich wahrscheinlich um ein „induziertes Beben“. Damit bezeichnen Wissenschaftler Erdstöße, die vom Menschen ausgelöst wurden.

„Diese wird oftmals durch größere technische Eingriffe im Untergrund verursacht. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Erdbeben sehr klein und an der Oberfläche kaum spürbar“, heißt es dazu auf den Seiten des Schweizerischen Erdbebendiensts der ETH Zürich. Und genau diese Ausnahmen sorgen eben auch in Rheinau und in Kehl für Ärger, Besorgnis, gar Angst. Bereits um 11.20 Uhr hat es noch einmal gebebt, gemessen wurde ein Wert von 2,8 auf der Richterskala.

Dass der Oberrheingraben tektonisch gesehen eine heiße Zone ist und es immer wieder natürliche Beben gab und gibt, ist bekannt. Doch in den vergangenen drei Tagen rumpelte es nun zum dritten Mal – und allem Anschein nach ist die Ursache dafür erneut keine natürliche. Die Bürgerinnen und Bürger im Raum Vendenheim/Reichstett sind längst auf den Barrikaden, sie fürchten um ihre Sicherheit und forderten schon lange die Behörden zum Handeln auf. Und generell scheint es da ein Problem zu geben, das auch in Straßburg kritisch gesehen wird: Die Informationspolitik der zuständigen Präfektur.

Die „Préfète de la Region Grand Est et du Bas Rhin“ handelt jetzt aber: Im Einvernehmen mit den betroffenen Bürgermeistern und der Präsidentin der Eurometropole Straßburg, Pia Imbs, fordert die Präfektur die sofortige Einstellung aller Aktivitäten in Vendenheim. Experten sind derzeit zur Inspektion und zur Auswertung der wissenschaftlichen Daten vor Ort. Pia Imbs, die ehemalige Bürgermeisterin von Holtzheim, einem Straßburger Vorort, wurde gerade im Sommer zur Metropol-Präsidentin gewählt. Laut Informationsportal der Metropolregion bezeichnet sie Fonroches Entscheidung, das Projekt in Vendenheim zu beenden, als „klug“. Imbs spricht sich dezidiert für eine genaue Untersuchung aus und fordert ein dauerhaftes Ende der Geothermie vor den Toren Straßburgs.

Die Sorgen der Betroffenen werden auf der Rheinauer Facebook-Seite offenbar: „Die Beben werden stärker und flacher. Da steht uns was bevor“, schreibt ein Kommentator. Und auch in Rheinau haben die Menschen die Faxen längst dicke. Es formiert sich der Widerstand. „Geothermie in einem so sensiblen und destabilen Gebiet wie dem Oberrhein birgt unabschätzbare Gefahren. Der Honauer Ortschaftsrat beschäftigt sich mit dem Thema recht intensiv, vernetzt sich und hat für den 21. Dezember auch einen Referenten eingeladen. Rheinau sollte gemeinsam Nein zur Tiefengeothermie am Oberrhein sagen. Honau ist aufgrund der unmittelbaren Nähe zu einem der Epizentren (La Wantzenau) besonders betroffen, dennoch ist es nicht nur ein Honauer Thema. Wer unterstützen möchte, darf sich sehr gerne melden!“, schreibt Honaus Ortsvorsteherin Annette Fritsch-Acar auf der Rheinauer Facebook-Seite.

Kraftwerksbetreiber stellt Aktivitäten ein

Wie die elsässische Zeitung Dernières Nouvelles d’Alsace (DNA) berichtet, ist der Kraftwerks-Betreiber Fonroche Géotermie angesichts des Bebens an diesem Freitag initiativ geworden und stellt seine Aktivitäten ein. (im französischen Originaltext heißt es: „Fonroche Géothermie reconnaît sa responsabilité dans le séisme survenu ce vendredi matin“ (Quelle in französischer Sprache).

In der Nacht vom Montag, 30. November, auf Dienstag, 1. Dezember bebte es bereits im Schwabenland. Epizentrum der Erdstöße mit einer Stärke von 3,7 auf der Richterskala war im Raum Burladingen/Jungingen (Zollernalbkreis) und war in weitem Umkreis zu spüren.

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