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Interview

Wolfram Britz übt Kritik: „Gesundheitskonferenz hätte vor der Klinikreform stattfinden müssen”

Seit Jahren wird im Ortenaukreis um die Krankenhausreform gestritten. Was wollen die Gegner der „Agenda 2030”? Der Vorsitzende der Fördervereins für das Kehler Krankenhaus, Wolfram Britz, erklärt es im Interview. Das Klinikum war zuletzt als Corona-Isolierzentrum genutzt worden, inzwischen läuft der normale Betrieb wieder an.

Die Tage sind gezählt: Auch das Kehler Krankenhaus soll im Zuge der Agenda 2030 geschlossen werden. Der Widerstand dagegen ist nicht so unversöhnlich wie in Oberkirch. Foto: Habura

Die Debatte um die Krankenhausreform im Ortenaukreis wird zunehmend unversöhnlich. Kritische Töne kommen vor allem aus Oberkirch, Kehl und Ettenheim, also aus den drei Städten, in denen bis 2030 die Kliniken geschlossen werden sollen. Dabei ist nicht immer ganz klar, wie die Reformgegner sich eine Lösung der offenkundigen personellen, finanziellen und organisatorischen Probleme beim größten kommunalen Klinikträger im Landvorstellen.

Frank Löhnig hat in Kehl nachgefragt. Gesprächspartner Wolfram Britz steht in vielerlei Hinsicht im Zentrum der Debatte: Als Stadtrat, SPD-Kreisrat, als Pfleger am Kehler Klinikum und als Vorsitzender des Fördervereins für das Haus.

Wolfram Britz Foto: privat

Könnte man zwei Jahre nach dem Kreistagsbeschluss nicht endlich mal Ruhe geben?
Wolfram Britz

So einfach ist das nicht. Der Kreis hat in der Vergangenheit immer wieder „Beruhigungspillen“ verteilt. Als Ausgleich für den Wegfall der Entbindung, Gynäkologie und dann der Chirurgie hat man Kehl immer eine Stärkung des Standortes versprochen, und das wurde leider nicht umgesetzt. Es ist verständlich, dass dies einen Vertrauensverlust zur Folge hatte. Es gibt ja auch immer noch eine vom Kreistag beschlossene Überprüfungsklausel. Und in die setzt man wieder Hoffnungen. Das ist sicher nachvollziehbar.

Wenn man sich die Argumente beider Seiten anschaut und das ganze politische und rhetorische Getöse abzieht, dann bleibt am Ende eine Glaubensfrage. Und die lautet: „Sind kleinere Krankenhäuser besser als große?“.

Da muss ich widersprechen: Als „Getöse“ kann man die Widerstände aus Kehl nicht bezeichnen. Alle in Kehl Beteiligten versuchen einen konstruktiven Weg zu gehen und arbeiten aktiv in den verschiedensten Gremien an einer sachorientierten Lösung. Ihre Frage kann man nicht so einfach mit Ja oder Nein beantworten. Aus wirtschaftlichen Gründen müssen Großkliniken geschaffen werden. Aber wenn man das tut, dann muss man Nägel mit Köpfen machen und den Weg gehen, der beim Klinikum Mittelbaden diskutiert wird: ein zentrales Großkrankenhaus bauen. Dann würde man sich rein an der Wirtschaftlichkeit orientieren, ohne Lahr und Achern, auch nicht unbedingt in Offenburg, sondern an einem für alle gut erreichbaren Standort im Ortenaukreis und mit der Schaffung entsprechender Verkehrsstrukturen. Diesen Weg will der Kreistag jedoch nicht gehen.

In einem immer leistungsfähigeren Medizinbetrieb will man doch auch möglichst bei einem Arzt landen, der die jeweilige Erkrankung schon das eine oder andere Mal behandelt hat. Das spricht doch klar für große Häuser?

Der Patient will die optimale Gesundheitsversorgung, und zwar dann, wenn er sie braucht. Der Weg dahin führt, wenn es kein Fall für den Notarzt ist, über den Hausarzt, den Facharzt, die Fachklinik in die Spezialklinik. Und das spricht nicht gegen kleine Häuser vor Ort. Bei einer Spezialbehandlung ist es Patienten vielleicht sogar egal, ob die in Offenburg oder sogar in Hamburg erfolgt. Unser Grundproblem ist, dass wir das Gesundheitswesen nicht nur stationär betrachten dürfen. Wir müssen den gesamten Verlauf ansehen, ambulant und stationär, was den Prozess nicht einfacher macht.

Das tut der Kreis doch mit seiner kommunalen Gesundheitskonferenz. Und da wird ziemlich klar, dass es im ambulanten Sektor mindestens so im Argen liegt wie stationär.

Die kommunale Gesundheitskonferenz hätte vor der Klinikreform stattfinden müssen. Der gesetzliche Auftrag, den die Konferenz hat, wird oft nur als Beruhigungspille für eine Schließung der Klinken gesehen. Es hätte uns viel Diskussionen und Verärgerung in der Bevölkerung erspart, wenn wir diesen Prozess nicht mit der Agenda 2030 gekoppelt, sondern vorgezogen hätten. Die Verantwortlichen der Kommunalen Gesundheitskonferenz leiden vermutlich stark darunter, dass ihre Arbeit nun nur als Beschwichtigung wahrgenommen wird.

Glauben Sie denn, dass es genug Druck auf die niedergelassenen Ärzte gibt, um ein gemeinsames Paket mit dem Kreis zu schnüren? Ohne sie wären die geplanten Lösungen für die Klinikstandorte Kehl, Oberkirch und Ettenheim ja nur potemkinsche Dörfer.

Wir werden im Gesundheitswesen nie eine Lösung finden, die alle mittragen. Dass die Kassenärztliche Vereinigung in diesem Prozess nicht so kritisch wahrgenommen wird wie es angebracht wäre, wird diese sehr freuen. Das Augenmerk der Bevölkerung liegt ja auf den Kliniken. Für die unbesetzten Praxen ist aber die KV in der Verantwortung. Die große Sorge der Menschen ist doch, dass die kleinen Krankenhäuser geschlossen werden und die funktionierenden Strukturen auch dort wegfallen. Die Leistungen, welche dort erbracht werden könnten, muss dann die KV übernehmen, kann dies aktuell und vermutlich in Zukunft aber auf Grund des Ärztemangels gar nicht leisten.

Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft des Kehler Krankenhauses?

Als was fragen Sie mich?

Fangen Sie mal an…

Als Fördervereinsvorsitzender wünsche ich mir den Erhalt des Kehler Krankenhauses. Als Gemeinderat wünsche ich mir eine sehr gute Gesundheitsversorgung der gesamten Raumschaft von Kehl und Rheinau bis Willstätt und Appenweier.

Und als Kreisrat?

Als Kreisrat wünsche ich mir einen an der Sache orientierten Dialog und einen ebenso differenzierten wie kritischen Umgang mit dem Thema im Kreistag. Derzeit gibt es in der Wahrnehmung nur zwei Arten von Kreisräten: die engagierten Reformbefürworter und diejenigen, die sich komplett dagegen sperren. Für Zwischentöne ist viel zu wenig Raum, das muss sich ändern.

Liegt der Streit auch an Kommunikationsproblemen?

Das glaube ich nur bedingt. Der Kreis betreibt einen enormen Aufwand, um die Menschen auf dem Weg mitzunehmen, dass dies aber noch besser gemacht werden könnte, denke ich schon. So wäre es sinnvoller, differenzierter die Auswirkungen für die einzelnen Kreisregionen aufzuzeigen als immer nur das große Ganze ins Blickfeld zu rücken. Auf Grund der Beteiligung verschiedener Ebenen - Bund, Land, Kreis, Kassenärztliche Vereinigung - ist es recht schwierig, die komplexen Zusammenhänge zu durchschauen und zu verstehen, was funktionieren kann und was nicht. Das braucht viel Energie um da durchzusteigen, und so ist es verständlich, dass sich nur ein gewisser Teil der Bevölkerung für das Thema interessiert, auch weil man sich ja vielleicht persönlich gar nicht betroffen fühlt. Noch.

Gehen Kreis und Klinken denn offen mit den Kreisräten um? Manche Zahl und Entwicklung schien ja in der Vergangenheit auch recht überraschend für die Volksvertreter zu kommen. Man denke an die heftigen Mehrkosten…

Es gibt sehr umfangreiche Unterlagen, und man muss sich fragen, ob wir dies als ehrenamtliche Politiker immer bis ins letzte Detail durchdringen können. Bei den Mehrkosten teilte sich der Kreistag wieder in zwei Lager: Die einen haben es sich schön gerechnet und gesagt, die 500 Millionen Euro sind irgendwie stemmbar. Sie haben nur auf den reinen Klinikbereich geschaut, welcher ja auch noch gefördert wird. Dass da noch umfangreiche Nebenkosten für Parkhäuser, Schwesternwohnheime und vieles mehr anfallen, haben viele nicht bedacht – Kreisräte, aber auch die Öffentlichkeit oder die Reformgegner. Vor meiner Wahl in den Kreistag 2019 bin ich schon von mindestens einer Milliarde Euro ausgegangen und mir wurde gesagt, dass ich übertreiben würde. Heute würden sich viele freuen, wenn es bei der einen Milliarde geblieben wäre. Wie viel es am Ende wirklich sein wird, kann vermutlich keiner sagen, sogar die bereits im Raum stehenden 1,3 Milliarden Euro werden nicht reichen, was den ganzen Prozess nicht einfacher macht.

Wann wird der Kreistag seinen Frieden machen mit der Agenda 2030?

Erst wenn es eine gute Lösung gibt, die die primäre Gesundheitsversorgung und Notfallversorgung vor Ort garantiert, dann wird die Akzeptanz für die Agenda sicher auch in Kehl zunehmen. Es geht also gar nicht darum, dass der Kreistag seinen Frieden macht, sondern dass die Akzeptanz in der Bevölkerung durch die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung in der Fläche erreicht wird. Das kann nur durch Notarztstandorte und Notfallpraxen im kleinräumigen Bereich geschehen. Manchen scheint es, dass in Kehl und an den anderen Standorten die Bereitschaft, für das Krankenhaus zu kämpfen, noch nicht groß genug sei. Es ist scheinbar noch lange bis 2030 – und vielleicht hofft man auch, dass es so schlimm schon nicht kommen wird. Je näher der Tag einer Schließung kommt, ohne dass es verlässliche Ersatzangebote gibt, um so schneller kann sich die Stimmung in der Bevölkerung massiv ändern.



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