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Transformator unterwegs zur Frischzellenkur

245-Tonnen-Trafo reist auf Straße und Schiene von Offenburg nach Halle

Den packt man nicht einfach mal in einen Koffer: Wenn ein 245-Tonnen-Trafo auf die Reise geht, bedarf es einiger Vorplanung, mehrerer Fachleute und geeigneten Rollmaterials.

Durch die Nacht: Allerdings nicht atemlos sondern eher gemächlich mit 20 Stundenkilometern machte sich der Trafo des Umspannwerks Offenburg-Weier auf die Reise. Foto: Foto: Thomas Gries

245 Tonnen: So ein dickes Ding trägt man nicht mal eben weg. Der Abtransport eines Transformators aus dem Umspannwerk Weier des Stromnetzbetreibers TransnetBW Mitte erforderte dieser Tage ein gerütteltes Maß an Logistik. Der Koloss reiste auf der Straße zum Offenburger Rangierbahnhof und von dort mit der Bahn nach Halle/Saale.

„Der Transport auf der Straße hatte 20 Achsen bei 45 Metern Länge“, berichtet David Moser, Pressesprecher von TransnetBW. Der 220-Kilovolt-Umformer wird in Sachsen-Anhalt überprüft und gegebenenfalls aufgearbeitet.

Der Bühler Thomas Gries gehörte zu den Augenzeugen. Er dokumentierte den Weg des Kolosses auf der Straße sowie seine Verladung auf die Bahn fotografisch. „Das ist schon beeindruckend“, konstatiert der Eisenbahnhistoriker und Strom-Experte, der schon darauf wartet, dass dieses Schauspiel in ein paar Jahren in Bühl stattfindet. Das dortige Umspannwerk hat sogar einen Gleisanschluss.

Sorgfältige Planung im Vorfeld

Da man so einen Trafo nicht mal eben auf einen Kleinlaster hievt und davon fährt, bedurfte es einer sorgfältigen Vorarbeit. Wie lange die dauert, „hängt von den Strecken ab“, berichtet Thorge Clever. Er ist Koordinator für Schwertransporte bei der Kübler Spedition, die das Trumm mit jeder Menge Expertise in Bewegung setzte. Rund ein viertel Jahr dauert die Planung wenn es - wie in diesem Fall - mit schwerer Last auch über die Schiene geht.

Denn der Sonderzug braucht vor allem mal eines: Seinen eigenen Fahrplan, erläutert Clever, er muss seine Lücke im stark frequentierten Schienennetz finden. Die Rheintalbahn, auf ihr reist der Trafo erst einmal bis Karlsruhe, gehört laut Gries zu den höchst belasteten Strecken in Europa. Da der Transport das übliche Lademaß überschreitet, geht es nicht ohne Genehmigung.

Auf der Schiene: Vom Bahnhof Offenburg ging die Reise des Trafos dann auf einem sogenannten Tragschnabelwagen weiter. Foto: Foto: Thomas Gries

Bewegt wird der Sonderzug auf seiner mehrtägigen Reise laut Clever mit Dieseltraktion. Ab Karlsruhe mit einem Dickschiff der Baureihe 232, ergänzt Gries. Das hat Gründe: Wegen der Lademaßüberschreitung kann nicht überall der geforderte Sicherheitsabstand zur Oberleitung eingehalten werden. So müsse zum Beispiel unter Brücken auch mal der Strom abschaltet werden, eine E-Lok hätte damit schlechte Karten. Zudem führen derartige Schienentransporte über Industrieanschlüsse und die seien in der Regel nicht elektrifiziert, erläutert Clever, ebenso wie viele Ladegleise. Der Offenburger Güterbahnhof kann da als Beispiel stehen.

Dort kam der Trafo nach rund zwei Stunden Fahrt an. Um die maximale Sicherheit zu gewährleisten, rollen derartige Schwertransporte mit maximal 20 Stundenkilometern, so Clever. Am Ende der Gummireifenstrecke verluden die Profis von Kübler (Michelfeld/Landkreis Schwäbisch Hall) den Umformer über Gleitbahnen, von denen jede bis zu 100 Tonnen verkraftet, auf einen Tragschnabelwagen. So nennen Fachleute diesen Güterwagen-Typ. Kübler hat allein rund 120 Spezialwaggons für die Bahn zur Verfügung. Die Bandbreite reicht nach Unternehmensangaben von zweiachsigen Tiefladewagen mit 27 Tonnen bis zu 32-achsigen Tragschnabelwagen bis 500 Tonnen Nutzlast.

Offenburg ist für den international tätigen Logistikdienstleister im Bereich Schwergut, der auch mal ein ganzes Schiff spazieren fährt, kein unbekanntes Pflaster. Der erste Transport zwischen Umspannwerk Weier und Bahnhof fand vor einigen Jahren statt - damals mit einer noch etwas längeren Vorlaufzeit, denn unter anderem musste überprüft werden, ob die vorgesehene Strecke für die „dicken Dinger“ tauglich ist. Es kam schon vor, dass zum Beispiel Brücken für einen Schwertransport ertüchtigt wurden, berichtet David Moser.

Neuer Trafo hat ebenfalls 220 Kilovolt

In Weier ist nun ein neuer Kollege am Start - ein sogenannter Wandertrafo. Der sei ursprünglich für Eichstetten geplant gewesen, den Endpunkt der Stromtrasse von Transnet, die im Karlsruhe-Daxlanden beginnt. Mit dem Ausbau des Leitungswegs, will heißen vor allem seiner Aufrüstung auf 380 Kilovolt habe der aktuelle Trafo-Tausch nichts zu tun, so Moser. Das Ersatzgerät kam schon Ende März ins Umspannwerk. Zuvor wartete er sechs Monate am Güterbahnhof auf seinen Einsatz, erläutert der Transnet-Pressesprecher.

So ein normaler Trafo liegt in der Liga der Schwergewichte der Stromerfraktion gar nicht ganz vorn. In Pulverdingen, einem kleinen Weiler in der Nähe von Markgröningen steht ein großes Umspannwerk. Von dort ließ TransnetBW mal eine Kompensationsspule abtransportieren. Sie dient dem Ausgleich von Blindleistungen. Die entstehen bei Betrieb von Stromnetzen und beeinträchtigen deren Leistung. Die Spule bringt 430 Tonnen auf die Waage. Die dazu passende Transporteinheit war 70 Meter lang und bewegte sich auf 34 Achsen. Die Blindleistungskompensatoren werden inzwischen verstärkt benötigt. Vor der Energiewende übernahmen zum Beispiel Atomkraftwerke diese Aufgabe.

Für Modellbauer und Strom-Experte Gries gibt es nun eine neue Herausforderung „Endlich haben wir Dokumentationsmaterial für die Gleitbahnen und -platten, die wollen wir im Modellclub Lichtenau nachbauen.“ Gute Fotomotive dürfte es ebenfalls immer wieder geben: Von 2024 bis 2026 lässt TransnetBW in Weier vier 380-kV-Trafos einbauen, um den neuen Zeiten im Netzbetrieb Rechnung zu tragen. Und es kommt auch eine Kompensationsspule. Das ist dann ein richtig dickes Ding.

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