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Die Stadt Offenburg hat den Salmen neu aufgestellt

Badische Revolution und Nazi-Pogrome: Zu den Heimattagen öffnet in Offenburg eine besondere Gedenkstätte

Ein Gebäude mit Symbolgehalt: Zum Auftakt der Baden-Württembergischen Heimattage hat Offenburg am Freitag den sanierten Salmen geöffnet. Hier wurde vor 175 Jahren der Grundstein für die badische Revolution gelegt, hier wüteten aber auch die Nationalsozialisten.

Folklore mit Hintergrund: Die Biedermeiergruppe entstand rund um das Freiheitsfest 1997. Im Hintergrund der Offenburger Salmen, der nach der Renovierung am Freitag als Erinnerungs- und Gedenkstätte an die Badische Revolution und die Novemberpogrome von 1938 dient. Foto: Frank Löhnig

An keinem Ort in Offenburg treffen die beiden wichtigsten Linien der Stadtgeschichte so hart aufeinander wie im ehemaligen Gasthaus Salmen. Die Wurzeln der badischen Revolution liegen dort, aber auch das Ende des jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur in der Stadt. Am Freitag öffnete der Salmen als frisch renovierte Gedenk- und Erinnerungsstätte.

Der Festakt markierte den Auftakt der Heimattage Baden-Württemberg, die 175 Jahre nach den Forderungen der „entschiedenen Freunde der Verfassung“ nach Offenburg vergeben wurden. An diesem Wochenende wird dort an allen Ecken und Enden gefeiert. Eine Erinnerung an das Offenburger Freiheitsfest aus dem Jahr 1997, als die Stadt drei Tage lang auf dem Kopf gestanden hatte.

Damals waren zehntausende von Besuchern gekommen. Diese enorme Resonanz war Ermutigung für die Stadt, den Salmen zu kaufen und zu sanieren. Das Gebäude hatte über Jahrzehnte als Lager eines Elektrohändlers ein Schattendasein in einem damals noch wenig attraktiven Teil der Stadt gefristet.

Das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verschwindet auf diffuse Art.
Stephan Harbarth, Präsident Bundesverfassungsgericht

Die Erinnerung, das Gedenken, seien in diesen Tagen wichtiger denn je. Dies machte Stephan Harbarth, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, in seiner Festrede vor etwa 200 Zuhörern deutlich. „Das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verschwindet auf diffuse Art“, mahnte Harbarth.

Dies sei Anlass, innezuhalten „und sich zu fragen, was garantiert mir meine Freiheit in Zukunft“. Niemand dürfe sich darauf verlassen, dass die staatlichen Organe allein in der Lage seien, die freiheitliche Demokratie zu verteidigen. Da sei das Zutun der Bürger gefragt.

Weitere Infos

Informationen zum Salmen finde sich unter www.der-salmen.de, das Festprogramm unter www.heimattage-offenburg.de.

Dass Fragen von Freiheit und Menschenrechten angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine, aber auch vor dem Hintergrund der Spannungen in unserer Gesellschaft besonders aktuell sind, daran erinnerten auch Landtagspräsidentin Muhterem Aras, der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl und der Offenburger Oberbürgermeister Marco Steffens.

Jüdische Einrichtungen in Deutschland müssen wieder geschützt werden

„Die Mauern hier haben alle Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte miterlebt“, sagte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Frei, so sagte er, sei man dann, „wenn einen die Mitmenschen auch frei sein lassen“. Nicht erst seit dem Anschlag von Halle 2019 sei offenkundig, dass es wieder notwendig ist, in Deutschland jüdische Einrichtungen zu schützen.

Neuer Ehrenbürger: Nur etwa alle zehn Jahre, so merkte Wolfgang Schäuble am Freitag an, werde diese besondere Ehre in Offenburg vergeben. Jetzt war er an der Reihe. Rechts Oberbürgermeister Marco Steffens. Foto: Frank Löhnig

Der Hass auf Juden zeige sich immer offener, dies sei auch bei Corona-Kundgebungen deutlich geworden. Der Salmen, in dem auch der Offenburger Gemeinderat tagt, erinnert in einer interaktiven Ausstellung an die Ereignisse, aus denen Offenburg, im Guten wie im Schlechten, das Selbstverständnis als Stadt ableitet.

Den ersten Verfassungsentwurf der badischen Demokraten um Friedrich Hecker und das Ende von Freiheit und Toleranz in der Pogromnacht vom 9./10. November 1938. Unterstützt wird die Ausstellung durch eine App.

Wolfgang Schäuble wird Ehrenbürger

Den mit Abstand längsten Beifall des Tages gab es am Freitag für einen Politiker, der erst seit einigen Jahren Offenburger ist: Wolfgang Schäuble. OB Marco Steffens verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde. Eine, wie Schäuble in seiner unvergleichlichen Art anmerkte, außergewöhnliche Ehrung, sie gebe es statistisch gesehen nur alle zehn Jahre.

Die Stadt würdigt damit sein Lebenswerk, vor allem aber auch sein Eintreten für den Offenburger Bahntunnel, um den die Stadt mehr als ein Jahrzehnt lang gekämpft hatte. „Der längste Bahntunnel Deutschlands“, so der OB.

Ich mache alles, aber Sie dürfen nicht drüber reden.
Wolfgang Schäuble, damals Finanzminister

Er habe sich, so plauderte ein bestens aufgelegter Schäuble, gerne eingesetzt, aber um Stillschweigen gebeten: „Ich mache alles, aber Sie dürfen nicht drüber reden“, habe er seinerzeit Oberbürgermeistern Edith Schreiner gesagt. Daran hat sich die CDU-Politikerin gehalten. Schäubles Kommentar: „Dass ich trotzdem Ehrenbürger werde, das freut mich schon sehr.“

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