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Welt-Aids-Tag am 1. Dezember

Auch nach Jahrzehnten leiden Aids-Erkrankte in der Ortenau noch unter Stigmatisierung

Weniger Aids-Ansteckungen im Corona-Jahr 2020: Bildet das die Realität ab, oder ist es die Folge verringerter Testzahlen? Bei der Aids-Hilfe Offenburg ist man sich da nicht so ganz sicher.

Kurzer Piks: Ein Arzt nimmt einem jungen Mann Blut ab. Um rechtzeitig mit einer Therapie gegen die Immunschwäche Aids beginnen zu können, ist es wichtig, früh einen Test zu machen. Foto: Britta Pedersen/dpa

Mitten in der Corona-Pandemie droht eine andere in Vergessenheit zu geraten: Aids. Der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember soll an die Krankheit erinnern, die in den 80er und 90er Jahren Generationen von Menschen in Angst und Schrecken versetzte.

Geblieben ist nur ein Widerhall jener sorgenvollen Jahre. Doch allen Medikamenten und Bemühungen um eine Prävention gegen die Ansteckung zum Trotz ist die Immunschwächekrankheit in der Ortenau weiter präsent.

65 bis 70 Infizierte betreut die Aids-Hilfe Offenburg noch, im laufenden Jahr wurden kreisweit zwei neue Fälle aktenkundig. Viele der Betroffenen hätten keine Familie mehr, kaum Freunde. Jürgen Schwarz, seit Jahrzehnten bei der Aidshilfe in Offenburg, sagt: „Wir haben auch ein wenig die Funktion des Familienersatzes“.

Es wäre wünschenswert, wenn sich jeder HIV-Infizierte folgenlos outen könnte
Jürgen Schwarz, Aids-Hilfe

Zum Welt-Aids-Tag in diesem Jahr gibt es keine Aktionen. Die Corona-Pandemie verhindert es, auch weil viele der Mitarbeiter selbst HIV-infiziert seien. Infostände auf offener Straße und andere Veranstaltungen seien da keine gute Idee. „Das Risiko wollen wir nicht eingehen“, sagt Schwarz in einem Pressegespräch.

Er nutzt die Gelegenheit, sich gegen die immer noch vorhandene Stigmatisierung Infizierter zu wenden. „Man wird immer noch ein wenig in die Ecke gestellt, so als sei man selbst schuld“, sagt er. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sei, diese Haltung zu bekämpfen: „Es wäre wünschenswert, wenn sich jeder HIV-Infizierte folgenlos outen könnte“, sagt Schwarz. Die, die es getan haben, gehe es danach besser.

Die Sozialarbeiterin Rebecca Bruder ist im Landratsamt zuständig für das Thema HIV und unterstützt die Arbeit der Aidshilfe. 356 Aids-Tests habe man von Januar bis Oktober des laufenden Jahres genommen, kein einziger positiver Befund sei darunter gewesen.

Zahl der positiven HIV-Tests geht zurück

Auch bundesweit sei die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurückgegangen. „Die Corona-Pandemie hat darauf wahrscheinlich wesentlichen Einfluss“, sagt sie. Allerdings sei nicht klar, ob dies an der geringeren Zahl von Risikokontakten liege, oder doch eher an weniger Tests.

Die Beratungsstelle in der Ortenau arbeite wegen Corona noch immer unter Pandemiebedingungen, Kontakte seien nur nach vorheriger Terminvereinbarung möglich.

Auf die schwierige Finanzierung der Aidshilfe in Offenburg verweist Ullrich Böttinger, Amtsleiter für Soziales und Arbeitsförderung beim Landratsamt. Das Land habe im vergangenen Jahr die Förderstrukturen geändert, zu Lasten der kleineren Aidshilfen.

Der Ortenaukreis habe protestiert, „es gab Schreiben nach Stuttgart, erfolglos“, sagt er. Daraufhin habe der Kreis die Mittel aufgestockt, bis man sich vor wenigen Monaten in der Landeshauptstadt dann doch anders entscheiden habe. Böttinger zog eine Parallele zwischen HIV und dem Coronavirus: „Armut führt zu mehr und zu schwereren Erkrankungen.“

Aids-Prävention lag lange auf Eis

Ein Problem war Corona aus Sicht der Fachleute vor allem beim Thema Prävention. Zwar konnte laut Jürgen Schwarz 2020 die Beratung der Betroffenen fast vollumfänglich aufrechterhalten werden, doch gerade die vorbeugende Arbeit mit jungen Menschen sei deutlich zu kurz gekommen. „Wir haben an den Schulen fast ein Jahr verloren durch Corona“, sagt Schwarz.

Eine immer wichtigere Rolle spielt bei den Beratungsgesprächen mit Erwachsenen die so genannte Präexpositionsprophylaxe. Das sind Medikamente, die vor einer Ansteckung schützen können. Das Thema sei zuletzt in den Beratungen immer häufiger angesprochen worden, zumal die einst teuren Präparate inzwischen von den Kassen auch bezahlt würden.

Man verweise an drei für den Kreis zuständige Arztpraxen, da die notwendigen Medikamente durch einen Arzt verschrieben werden müssen und auch eine engmaschige Gesundheitskontrolle in der Folgezeit unerlässlich sei.

Dazu gehören auch Untersuchungen auf andere sexuell übertragbare Erkrankungen. Genutzt werde diese Spielart des „safer sex“ unter anderem von Personen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, oder auch von Menschen, die fast ihr ganzes Erwachsenenleben mit der Angst vor dem Virus leben mussten: „Älteren Menschen, die jahrzehntelang Sex mit Kondomen hatten“, sagt Schwarz.

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