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Pandemie verschärft die Situation

Ortenaukreis kämpft gegen Kinderarmut: „Es ist ein ungelöstes Problem“

Kinderarmut ist auch in der Ortenau ein Problem. Und Corona verschlimmert die Situation. Da die Projektförderung vom Land für die Präventionsarbeit ausläuft, führt der Ortenaukreis den Kampf eigenfinanziert fort.

Kinderarmut ist auch in der Ortenau ein Problem. Sie zeigt sich in kleinen Dingen, oft unsichtbar. Foto: Patrick Pleul

Der Ortenaukreis will über sein Präventionsnetzwerk (PNO) dauerhaft Strukturen gegen Kinderarmut und für Kindergesundheit aufbauen und Mitarbeiter in Kitas und Grundschulen für diese Themen sensibilisieren. Erste Grundlagen, Initiativen und Veranstaltungen liefert ein vor zwei Jahren gestartetes und vom Land sowie einigen Krankenkassen gefördertes Pilotprojekt.

„Corona verschärft die Problematik. Wir wollen die Aufmerksamkeit von pädagogischen Mitarbeiterin stärken und bei Familien die Hemmschwelle verringern, zum Beispiel das Bildungs- und Teilhabepaket zu nutzen“, sagte Ullrich Böttinger, Leiter des Amtes für Soziale und Psychologische Dienste, am Montag bei einer Pressekonferenz.

2018 bekam der Ortenaukreis als einer von fünf Standorten in Baden-Württemberg von einem Förderprogramm des Landes rund 80.700 Euro für das auf zwei Jahre ausgelegte Projekt „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Kindergesundheit“. Die Themen seien so wichtig, dass die Erfahrungen daraus sollen nun kreisweit ausgerollt und dauerhaft etabliert werden sollen, sagte Böttinger.

Kinderarmut in der Ortenau weit verbreitet

In der Ortenau seien rund 6.000 Kinder von Armut betroffen. Der Kreis läge im landesweiten Vergleich damit am oberen Ende. Für Kitas und Grundschulen seien in den vergangenen Jahren unter anderem eine Handreichung sowie eine Mitarbeiter-Fortbildung entstanden.

Diese könnte von Kitas und Grundschulen inklusive Begleitmaterial gebucht werden. An den Pilotstandorten Lahr und Offenburg seien zudem seit 2018 wichtige Netzwerke und weitere Initiativen aufgebaut worden.

Ins Leben gerufen wurden zum Beispiel Vortragsreihen, ein Kindertheater zum Thema Zahngesundheit und ein Elternkurs für alleinerziehende Hartz-IV-Empfänger zum Thema Resilienz. An sechs Terminen bekommen die Familien Unterstützung in Erziehungsfragen und Hilfe beim Fördern der seelischen Widerstandskraft ihrer Kinder, erklärte Andrea Blaser vom Projektteam.

Sehr gut angenommen worden sei bisher auch das „Tauschregal“ in den Pilotschulen: Dort können Kinder Material, etwa Hefte, Radiergummis und Bleistifte, gegen Dinge eintauschen, die ihnen fehlen.

Wir sind hier nicht auf der Insel der Glückseligen.
Ullrich Böttinger, Leiter Amt für Soziale und Psychologische Dienste

„Es ist ein ungelöstes Problem. Wir sind hier nicht auf der Insel der Glückseligen“, sagte Böttinger. Kinderarmut und Gesundheit stünden miteinander in Zusammenhang. Sozioökonomische und gesundheitliche Belastungen gingen oft Hand in Hand, durch die Corona-Pandemie sei mit wachsendem Bedarf zu rechnen.

Großwerden in Armut beschäme und hemme die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, die gesundheitlichen Folgen hieraus könnten später sogar zu einer um einige Jahre verringerten Lebenserwartung führen. Deshalb müsse für Chancengleichheit und Teilhabe gekämpft werden.

Kinderarmut zeigt sich auch in der Ortenau in vielen Facetten

Armut habe viele Gesichter, sagte Andrea Blaser: fehlende Materialien, kein Vesper, abgetragene Kleidung und Schuhe oder Blässe und Übergewicht. Leider seien Hilfen wie zum Beispiel das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder nicht überall bekannt, ergänzte Frank Hügel, stellvertretender Leiter der Kommunalen Arbeitsförderung (KOA).

Damit könnten bedürftige Familien unter anderem Unterstützung für Schulausflüge, Mittagessen, Schulmaterial, Nachhilfe oder Mitgliedsbeiträge für Vereine bekommen. Berechtigt seien unter anderem auch Sozialhilfeempfänger oder Bezieher von Wohngeld und Kinderzuschlag. „Diese können wir häufig nur über Einrichtungen erreichen“, sagte Hügel.

Obwohl die Projektförderung jetzt im Mai ende, kämen auf den Kreis keine zusätzlichen Kosten zu, sagte Böttinger. Denn das Projekt mit seinen in den vergangenen zwei Jahren erreichten Initiativen könnte ohne viel Aufwand in schon bestehende Strukturen des Präventionsnetzwerks integriert werden. Das PNO existiert seit 2014 als Anschlussprojekt an die Frühen Hilfen im Kreis, seit 2020 werde es unbefristet weitergeführt.

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