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70 infizierte Patienten im Ortenau Klinikum

Corona im Überblick: Die Intensivstationen leeren sich, doch die Sorgen werden nicht kleiner

Das Corona-Virus sorgt seit zwei Jahren für eine Überraschung nach der anderen. Das ändert sich nicht, seit die hoch ansteckende, aber weniger tödliche, Omikron-Variante umgeht. Bereits jetzt blicken Fachleute im Ortenaukreis besorgt auf den Herbst.

Ein Mann hält eine Maske in der Hand
Mehr Sicherheit mit Mund- und Nasenschutz: „Werft die Maske nicht zu früh weg“, rät Evelyn Bressau, Chefin des Offenburger Gesundheitsamts. An anderen Maßnahmen wie der Quarantäne hat sie inzwischen aber Zweifel. Foto: Marijan Murat/dpa

Die Inzidenzen sinken rasant, die Politik lässt die meisten Schutzmaßnahmen gegen Corona auslaufen.

Doch wie sieht es tatsächlich aus, wie viele Menschen erkranken, was geschieht in den Kliniken und wie wird es weitergehen?

Der Versuch einer Bestandsaufnahme im Umgang mit einer Krankheit, die auch nach mehr als zwei Jahren noch viele Fragen aufwirft – auch dazu, wie es im Herbst weitergehen wird.

Was ist aus der Impfkampagne geworden?

Sie stockt. Die Hausärzte impfen, und wie werden auch künftig wieder der erste Ansprechpartner dafür sein. Doch nach dem Scheitern der Impfpflicht ist nicht erkennbar, dass die Nachfrage wieder steigt. 70,7 Prozent der Menschen in der Ortenau sind immunisiert, die Zahl stagniert, der Kreis hat das Angebot in den Impfzentren auf ein Minimum heruntergefahren. Offenburg, Oberkirch und Haslach sind zu, in Lahr öffnet man mit Minimalbesetzung von Freitag bis Sonntag jeweils von 14 bis 19 Uhr. Knapp 60 Menschen kommen dann täglich, sagt Diana Kohlmann, Impfbeauftragte im Offenburger Landratsamt, 95 Prozent wollen einen Booster, ein paar Kinder und Jugendliche kommen noch, doch es gibt praktisch keine Erstimpfungen mehr. Vielleicht belebt sich die Nachfrage im Herbst wieder, hofft Kohlmann.

Wie gefährlich ist die Omikron-Variante von Corona?

Sie überträgt sich extrem schnell, doch sie führt nur noch selten zum Tode. 751 Menschen sind im Ortenaukreis seit Pandemiebeginn gestorben, seit Anfang Februar 2022 hat sich die Kurve trotz rasant steigender Infektionszahlen deutlich abgeflacht. Ein himmelweiter Unterschied zur Lage im Januar/Februar 2021, als allein an einem einzigen Tag neun Todesopfer zu beklagen waren. „Kein Vergleich zu den früheren Wellen“, sagt Peter Kraemer, medizinischer Direktor des Ortenau Klinikums, als man selbst unter 30-jährige Patienten nach Freiburg verlegen und dort an die ECMO genannte künstlichen Lunge anschließen musste.

Wie sieht es an den Kliniken im Kreis aus?

Drei Menschen lagen am Freitag noch mit Covid-19 auf Intensiv, zurzeit hält der Konzern ein Dutzend Corona-Intensivbetten vor. Das soll jetzt zurückgefahren werden. Der Aufwand für das Personal bei diesen Betten ist enorm, egal ob sie belegt sind oder nicht. „Das ist nicht vergleichbar mit der Normalstation“, so Kraemer. Die Mehrzahl der Intensivpatienten sei nicht geimpft. Mehr und mehr würden inzwischen symptomfreie Patienten eingeliefert, bei denen das Coronavirus durch die bei der Aufnahme wegen anderer Erkrankungen fällige Routinekontrolle nachgewiesen wird.

Wie reagiert das Ortenau Klinikum?

70 Covid-Patienten mit Symptomen lagen am Freitag auf Normalstationen, dort müssen spezielle Bereiche für Corona-Infizierte bereitgehalten werden. Die Patienten liegen dann bunt gemischt. Das erschwert die Arbeit von Ärzten und Pflegern weiter. Doch die Zahlen sinken. Am 28. März war der bisherige Höhepunkt mit 118 Covid-Fällen. Dazu kommt ein „extrem hoher Krankenstand bei den Mitarbeitern“, allein in der Pflege fehlen gerade rund 400 Männern und Frauen. Viele Angebote, beispielsweise planbare Operationen, liegen auf Eis.

Klinik-Geschäftsführer Christian Keller fürchtet, dass man die Patientenzahlen aus dem Jahr 2019 nie wieder erreichen wird, die Klinikneubauten wurden bereits geschrumpft. Was ist da los?

Derzeit können viele Behandlungen wegen Corona nicht ausgeführt werden, doch es gibt Hinweise, dass die Patientenzahlen insgesamt sinken werden. Die Fachleute sind ratlos. Ein Teil der Fälle werde wohl ambulant erledigt, das allein erklärt es aber nicht. „Die Mechanismen werden diskutiert, doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, sagt Kraemer. Immerhin: Die Zahl der Geburten ist 2021 im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 um sieben Prozent gestiegen, warum auch immer. „Wir haben uns sehr gefreut“, so der medizinische Direktor, inzwischen flache die Kurve wieder ab.

In Achern steht gerade wieder die Innere Station unter Corona-Quarantäne. Warum bekommen die Kliniken so etwas nicht in den Griff, aller Vorsicht zum Trotz?

Auch hier herrscht eher Ratlosigkeit, das Klinikum untersucht den Fall gemeinsam mit dem Gesundheitsamt. „Wir sind mit Hochdruck dran, Lösungen zu schaffen“, sagt Kraemer. Dabei will man auch herausfinden, wie so etwas passieren kann: „Wir versuchen, die Mechanismen zu verstehen und komplett zu unterbinden.“

Wie wird es weitergehen?

Kraemer, der die Pandemie von Anfang an begleitet, ist nicht sehr optimistisch: Man werde mit sinkenden Infektionszahlen in den Sommer gehen, doch im Herbst liege das Problem wieder auf dem Tisch. „Die Ungeimpften sind weiter ungeimpft und wir rauschen in die nächste Welle.“ Die Viren würden mutieren und ihre Nischen finden: „Corona ist auch im Herbst 2022 nicht weg.“

Gibt es eine hohe Dunkelziffer?

Der Verdacht liegt auf der Hand. Doch auch Evelyn Bressau, Chefin des Offenburger Gesundheitsamts, kann nicht sagen, wie groß die Zahl der unerkannten Infektionen ist. Gezählt werden in der Statistik jedenfalls nur positive PCR-Tests, und die werden längst nicht immer gemacht. Auch sonst weiß man erschreckend wenig: „Wir haben keinen Überblick mehr, wo sich die Leute anstecken“, das Gesundheitsamt konzentriert sich auf Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen wie Seniorenheimen oder Klinken. Derzeit gibt es davon kreisweit mehr als 100 Fälle, einzelne Infektionen oder regelrechte Ausbrüche mit vielen Betroffenen.

Wie kann man sich auf den Herbst vorbereiten?

„Es wäre eine gute Idee, sich im Sommer mal an einen Tisch zu setzen, tief Luft zu holen und zu überlegen wie es weitergeht“, sagt Bressau. Zentrale Frage dabei: Wie kann man den Impfstoff besser verteilen? Wie kann man das Personal in den Gesundheitsämtern schnell hochfahren, wenn es nötig wird? Welche Maßnahmen werden im Herbst benötigt?

Was hat das Berliner Hin und Her um die Quarantänepflicht gebracht?

Vor allem Verwirrung. Die Inkubationszeit bei Omikron liege oft nur bei 48 Stunden, sagt Bressau, da sei man bei Absonderungsmaßnahmen nach einem positiven Test ohnehin zu spät dran. Man müsse die Situation immer wieder neu bewerten, „was bei Delta wichtig und richtig war, ist es bei Omikron nicht unbedingt auch“.

Was kann jeder Einzelne tun?

Maske tragen, sagt Bressau. Es sei gut, dass viele Menschen dies freiwillig tun. Die Ärztin spricht von der „einzig richtigen und sinnvollen Maßnahme, und ausgerechnet die ist gekippt worden“. Sie selbst habe mehrfach Kontakt zu infektiösen Kollegen gehabt und sich wegen der Maske nicht angesteckt. Bressau: „Mein Tipp, werft nicht zu früh die Maske weg.“

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