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Gräberfeld hat historische Relevanz

Die Ausgrabung in Rheinau-Diersheim findet dieses Jahr ihren Abschluss

Die archäologischen Ausgrabungen eines elbgermanischen Gräberfeldes in Rheinau-Diersheim im Gewann Fachheu finden in diesem Jahr ihren Abschluss.

Ausgrabung am Diersheimer Brandgräberfeld: Einmessarbeiten durch Uwe Müller und Tobias Janonschek Foto: Karen Christeleit

„Wir haben in den sechs vergangenen Jahren das rund ein Hektar große Gebiet vollständig untersucht“, erklärte Ausgrabungsleiter und Doktorand Uwe Xaver Müller und freute sich, „dabei konnten wir 54 Gräber, 51 Urnenbestattungen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus und drei Erdbestattungen, ein römerzeitliches sowie zwei neuzeitliche aus der Zeit der Schlacht um Diersheim 1797, Körpergräber, als auch über 1.600 Einzelfunde aus knapp 2000 Jahren Menschheitsgeschichte - angefangen von Tongefäßen, Waffen und Schmuck aus der römischen Zeit über Musketenkugeln bis zu einer Silbermünze aus dem Mittelalter bergen.“

Auswertung als Doktorarbeit

Bereits in den 1930er-Jahren entdeckte man in Diersheim im Gewann Oberfeld im Umfeld des jetzigen Baggersees ein suebisches Gräberfeld. Im Sommer 2015 nahm das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg gemeinsam mit der Abteilung für provinzalrömische Archäologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – durch Funde des ehrenamtlichen Mitarbeiters Andreas Karcher hellhörig geworden – wieder die Grabungen in Diersheim auf und entdeckte ein weiteres Brandgräberfeld der Elbgermanen. Was zunächst als eine Sondage begann, um den Erhaltungszustand und die Zeitstellung des Fundplatzes auszuloten, entwickelte sich aufgrund des wissenschaftlichen Potenzials und der akuten Bedrohung des Gräberfeldes durch die fortdauernde Bewirtschaftung in den letzten Jahren zu einer Flächengrabung mit Rettungscharakter.

Dieses Jahr wurden sämtliche noch zur Untersuchung ausstehenden Bereiche des Gräberfeldes – rund 4-500 Quadratmeter – untersucht. Das Team um Müller arbeitete bereits seit Anfang August vor Ort und will bis Ende Dezember alle relevanten Funde auf dem Areal bergen.

Ziel der diesjährigen Kampagne war es laut Müller, sämtliche noch zur Ausgrabung anstehende Bereiche des Gräberfeldes zu erschließen und somit die bestehenden Lücken zu füllen. Zunächst wurde die oberste Erdschicht mittels Bagger abgetragen. Dann machte sich das Team um Müller mit Schaufeln für die groben Arbeiten und filigranen Werkzeug wie Spachtel und Kelle ausgestattet ans Werk und trug vorsichtig Schicht für Schicht ab. „Insgesamt konnten dieses Jahr 15 Gräber geborgen werden“, erklärte Müller, „bei einer Bestattung – einem Körpergrab, welches nur noch die untere Körperpartie vom Becken abwärts bis zu den Fußknochen umfasste – handelt es sich vermutlich um ein Opfer der Schlacht bei Diersheim 1797.“

Die übrigen 14 Bestattungen stellen ausschließlich römerzeitliche Urnenbestattungen dar. In diesen Gräbern wurden Germanen bestattet, die ursprünglich aus dem Elbegebiet einwandert und als Sueben bekannt sind. Dies belegen die Grabbeigaben und das verwendete Urnenharz. Doch die zusätzlichen Beigaben römischen Ursprungs wie im Grab 42 – neben den Beschlägen zweier germanischer Trinkhörner auch ein typisches römisches Weinservice aus Bronze – weisen auf eine Verknüpfung der beiden Kulturkreise hin.

Aufgrund der geografischen Lage der Diersheimer Gräberfelder in unmittelbarer Nähe zur Grenze des römischen Reiches, die damals der Rhein bildete, geht Müller davon aus, dass die bei Diersheim sesshaften Germanen nicht ohne Zustimmung Roms im unmittelbaren Vorfeld des römischen Imperiums siedelten. Möglicherweise wurden sie gezielt von Rom hier angesiedelt um die Grenze des römischen Reiches zu sichern.

Gräberfeld hat historische Relevanz

„Wir machen die Feldarbeit, graben und dokumentieren und fassen die Ergebnisse in einem Zwischenbericht zusammen“, erklärte Müller, „doch solange nicht alle Daten im Zusammenhang betrachtet werden können, macht eine abschließende Beurteilung keinen Sinn.“ Eine abschließende Auswertung der Grabungsergebnisse hinsichtlich des archäologisch-historischen Gesamtkontextes kann erst nach der zeitaufwendigen Restaurierung der Funde erfolgen – denkbar als Doktorarbeit, oder, sofern Mittel bereitgestellt werden auch als Forschungsprojekt.

Doch die immense historische Relevanz ist schon jetzt deutlich: Es konnte das in der Region größte und vollständigste Gräberfeld aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus geborgen werden, das für den Umbruch und Übergang zur römischen Herrschaft rechts des Rheines sehr aufschlussreich sein wird.

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